Die Behörden dulden sie. Die Umsiedlung, so Wissenschaftler, habe vielen Menschen eh mehr geschadet als genutzt.
Jeder Schritt tut weh. Das Rheuma versteift die Gelenke, die Füße schwellen an und passen in keine Schuhe mehr hinein. Doch von den Gebrechen des Alters lässt sich Maria Grigorjewna Schilan nicht aufhalten. Jeden Morgen geht sie in den Wald, um Brennholz zu sammeln. Sie stapelt es an der Straße, versorgt die Hühner und fegt den Hof. "Vor dem orthodoxen Osterfest am Sonntag muss ich noch das Haus anstreichen", sagt die 76-Jährige und rückt das Kopftuch zurecht.
Das Holzhaus hat zwei Räume, die als Küche, Wohnzimmer und Schlafstube dienen. Ein weiß getünchter Backsteinofen wärmt. Bunt bestickte Kopfkissen stapeln sich auf dem Bett. An den Wänden hängen Fotos aus besseren Zeiten. "Meine Söhne", sagt die Alte, die Augen voller Tränen. "Sie sind vor zwei Jahren gestorben. Das Herz. Der Stress nach Tschernobyl war zu viel."
Ärztin schaut regelmäßig vorbei
Für Millionen Menschen war der Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 eine Lebenszäsur, das Ende einer glücklichen Existenz und der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die Explosion im Reaktorblock 4 schleuderte 400-mal so viel Radioaktivität in die Luft wie die Hiroschima-Bombe. Von Wind getrieben verseuchte die Wolke 150.000 Quadratkilometer in der Ukraine, Weißrussland und Russland. Direkt betroffen waren die Einwohner der Ortschaften, die in einem Radius von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk lebten. Sie mussten ihr Hab und Gut liegen lassen und wurden umgesiedelt - je nachdem, wo es gerade freien Wohnraum gab.
Nicht alle kamen in der Fremde zurecht. Vor allem die Alten konnten sich an das neue Leben nicht gewöhnen, kehrten trotz Verboten in ihre Häuser zurück. 20 Jahre später leben 350 "Samosjoly", wie die Rückkehrer genannt werden, in den verfallenen und verwilderten Dörfern. Die meisten Alten sind über 80 Jahre alt, die Behörden dulden sie, zahlen Renten, liefern Strom, und eine Ärztin schaut regelmäßig vorbei. Einmal im Monat fahren sie mit dem Bus zum Einkaufen.
"Blendend adaptiert"
"Sie haben sich blendend adaptiert, die Strahlung scheint ihnen kaum etwas auszumachen", sagt Ella Utina, Rettungsärztin in Tschernobyl-Stadt, zwölf Kilometer vom Reaktor entfernt.
Maria Grigorjewna Schilan kehrte ein Jahr nach dem Unfall in das Familienhaus in Paryschew zurück, um "zu sterben, wo ich geboren war", sagt sie und tischt selbst gemachte Leckereien auf, eingelegte Gurken, Weißkohl und Apfelsalat. "Sie können alles ruhig essen, die wurden letztes Jahr staatlich geprüft und für ungefährlich befunden." Sie gießt ein Glas "Samogon" ein, den selbst gebrannten Schnaps aus vergorenem Zucker, Hefen und Kartoffeln. "Gegen die Einsamkeit. Ach, ich hätte nie gedacht, dass ich meine Jungs überlebe."
Heute glauben viele Wissenschaftler und Ärzte, dass die Strahlung vor Ort weniger Schäden verursachte als die Massenevakuierung. "Die direkten Folgen der Strahlung für die Gesundheit sind nicht so dramatisch", sagt Oksana Garnez, Tschernobyl-Expertin vom Entwicklungsprogramm UNDP der Vereinten Nationen. "Psychosomatische Krankheiten sind weit mehr verbreitet als Krankheiten, die durch Strahlung verursacht wurden." Das Tschernobyl-Forum, zu dem die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA gehören, geht heute von 4000 Strahlenopfern aus.
Durch die Umsiedlung wurden Dorfgemeinschaften zerstört, Familien zerschlagen. Menschen fühlten sich plötzlich nutzlos und überflüssig. Viele fanden keine Arbeit, hatten weder Hof noch Garten. An den neuen Wohnorten schlugen den Umsiedlern oft Neid und Feindseligkeit entgegen. Denn sie genossen als Tschernobyl-Opfer Privilegien, bessere medizinische Behandlung, Renten- und Gehaltszuschläge.
Radiophobie, die Angst vor der Radioaktivität, löste eine Welle von Depressionen und Fatalismus aus. Frauen weigerten sich, Kinder zu gebären, fürchteten, die Neugeborenen kämen missgebildet zu Welt. Männer ertranken ihre Sorgen im Alkohol.
Unnötige Massenumsiedlung
In einigen Fällen war die Massenumsiedlung nicht notwendig. Vor allem südlich und östlich des Kernkraftwerks war die Verseuchung selbst kurz nach dem Unfall gering. Dagegen haben nie evakuierte Dörfer südwestlich des Reaktors, obwohl außerhalb der 30-Kilometer-Zone, deutlich höhere Dosen abbekommen. Der Wind trieb die Wolke nach Westen, bevor er nach Norden drehte, in Richtung Weißrussland.
Nirgends sind die menschlichen Tragödien deutlicher sichtbar als in Pripjat, der Stadt der Kernkraftwerkarbeiter. Die sozialistische Modellstadt war großzügig angelegt, es gab Parks und Sportanlagen, Springbrunnen und Blumenbeete. 36 Stunden nach der Explosion war die Idylle vorbei: 50.000 Menschen wurden in endlosen Buskolonnen "für drei Tage", wie es hieß, weggebracht.
20 Jahre später ist Pripjat eine Geisterstadt. Die Wände der Plattenbauten zieren verblasste Slogans, die den Revolutionsführer Lenin hochjubeln. Im Kulturhaus Energetik stapeln sich Porträts der lokalen Parteibonzen, im Kindergarten liegen Stofftiere und Kinderbücher über dem Boden verstreut. Die Natur erobert die Stadt zurück. Moos wuchert zwischen den Gehwegplatten; Birken und Pappeln, Akazien und Erlen sprießen, Treppen verschwinden unter einer Schicht vergammelter Blätter. Das gelbe Riesenrad im Lunapark rostet vor sich hin. Überall liegt gespenstische Stille.
Jahrelang haben Banden gewütet
Die Einwohner von Pripjat durften kein Gepäck mitnehmen. Fernsehgeräte und Kleider, Möbel und Orientteppiche, alles, wofür sie gearbeitet hatten, mussten sie in der Stadt lassen. Doch von ihrer Habe gibt es keine Spur mehr. Plünderer leerten kurz nach dem Unfall Wohnung für Wohnung, Haus für Haus, rissen Badewannen und Kloschüsseln aus den Böden, Leitungen aus den Wänden, Aluminium aus den Aufzügen. Die korrupten Milizbeamten schauten weg. "Jahrelang haben hier organisierte Banden gewütet", sagt Sergej Tschernow, früher Journalist der Zeitung "Tschernobylskij Westnik", der heute Besucher durch die Zone führt. "Sie haben gestohlen, was nur geringsten Wert besaß."
Besonders profitabel für die Mafia waren die Abstellplätze für Zehntausende verseuchte Lastwagen und Kräne, Panzer und Hubschrauber. Sie wurden ausgeschlachtet, die Ersatzteile auf Schwarzmärkten verkauft. Ahnungslose Fahrer in allen Ecken der Sowjetunion bauten die verstrahlten Teile in ihre Autos ein.
Vom Ausmaß des Geschäfts zeugen Massen von Fahrzeugen, die ohne Motor und Getriebe in der Region stehen. Nun soll auch das gering strahlende Alteisen verwertet werden. Männer schneiden die Metallberge auseinander. "Zuerst die gepanzerten Transporter", sagt ein Arbeiter. "Die schweren Klumpen bringen mehr ein." Angst vor Radioaktivität? "Was soll ich tun? Ich muss meine Familie ernähren."
Lager für Uranbrennstäbe ist voll
Im Kernkraftwerk arbeiten noch 3600 Menschen, obwohl die beiden verbliebenen Reaktorblöcke 2000 offiziell abgeschaltet wurden. "Wir müssen den Zustand der Reaktoren überwachen, solange sie mit Brennstoff beladen sind", sagt Alexander Nowikow, stellvertretender Direktor des Kraftwerks. Das könnte noch lange dauern. Das Lager für Uranbrennstäbe ist voll.
Auch am Sarkophag über dem verunglückten Reaktorblock wird seit 2001 gearbeitet. Schnee und Regen sickern durch die Hülle und müssen abgepumpt werden. Die Wände müssen stabilisiert werden, damit die schwere Konstruktion nicht einstürzt.
Ungelöstes Problem
Im kommenden Jahr sollen die Bauarbeiten an einer neuen Hülle beginnen. Der Entwurf sieht aus wie ein riesiger Stahlhangar, 108 Meter hoch. Er soll neben dem Reaktor gebaut und auf Schienen über den Block gezogen werden. Das Projekt soll 700 Mio. Eurokosten und dürfte frühestens 2010 fertig werden. Die Lösung für das eigentliche Problem ist damit aber nicht gefunden. Immer noch wissen die Wissenschaftler nicht, wie sie das Uran aus dem Reaktor herausholen sollen.
Die ukrainische Regierung hat es aufgegeben, das Gebiet um das Kernkraftwerk zu dekontaminieren. Um ihr Versagen zu kaschieren, erklärte Kiew die Zone zum Naturschutzgebiet. In den vergangenen 20 Jahren haben sich Rehe, Elche, Wölfe und Luchse stark vermehrt. Wildschweine sind eine Plage. "Sie haben voriges Jahr meine Gerste zertrampelt. Die Elche kommen zum Haus, suchen nach Heu. Und die Wölfe jagen meine Hühner", klagt Maria Grigorjewna. "Wenn wir Alten sterben, wird hier wieder der Urwald einziehen."









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