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Zwischen Rufmord und Etikette

Die englische Küche

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London: Blick vom Trafalgar Square auf Whitehall

Gesäumt von klassizistischen Bauten führte die Alle zu den Houses of Parliament

Die englische Küche ist mindestens ebenso berüchtigt wie englische Krimis. Beides lässt uns eine Art wohliges Schaudern über den Rücken laufen. Wir stöhnen: „Wie entsetzlich!“ und meinen damit die ausgeklügelten Morde von Agatha Christie, Dorothy L. Sayers oder ValMcDermid ebenso wie die Aufzählung englischer Tafelfreuden: Lamm mit Minzsauce, Nierchenpudding, ungesalzenes, zerkochtes Gemüse, gebackene Bohnen in Tomatensauce oder fette Grillwürstchen am frühen Morgen...

Doch nicht immer war die englische Küche ein Synonym für kulinarische Missgriffe. Im Gegenteil. Im 19. Jahrhundert stand ausgerechnet im Gourmetland Frankreich der Ausdruck „cuisine anglaise“ für eine besonders exquisite Esskultur. Durch die Kolonialherrschaft strömten Gewürze aus aller Welt ins britische Königreich. Mit dem Ende des Empire schwanden jedoch die Ressourcen und die Sitten verfielen.

Wer allerdings schon einmal zu einer echt britischen Teezeremonie geladen war, weiß, dass die Inselbewohner mindestens zum „most civilized part of the day“ nach wie vor ihre verfeinerten Tischmanieren pflegen: Der Tee, der natürlich auch ein Mitbringsel aus den ehemaligen Kolonialgebieten ist (das Gerücht geht, dass ahnungslose Adelige einst aus den teuren Blättern eine Art Spinatgericht zubereiteten), muss eine exakt definierte Minutenzahl ziehen, bevor ihn die Dame des Hauses – und nur diese, so will es die Tradition – in vorgewärmte Tassen ihres feinsten Porzellans oder Silbers gießt, wo schon ein Schluck Milch wartet. Der Grund für das „mif“(milk-in-first)-Prinzip ist ein praktischer: Die kalte Milch schützt die edlen Tassen vor dem Zerspringen.


Dazu steht auf Etageren eine stilvolle Vielfalt feinster Häppchen bereit: „Scones“ (süße Hefebrötchen) mit „clotted cream“ (eine besonders gehaltvolle Sahne) und Erdbeerkonfitüre, Ingwer-Kekse, Schottisches Shortbread, Muffins, Früchtekuchen und natürlich verschiedene herzhaften Sandwiches. Diese haben ihren Namen übrigens von einem anderen englischen Edelmann, dem IV. Earl of Sandwich. Angeblich war der leidenschaftliche Kartenfan nicht bereit, sein Spiel zu unterbrechen und schob sich deshalb sein Essen eilig mit Hilfe von zwei Brotscheiben zwischen die Zähne.


Apropos Unterbrechung: Wenn Sie eine Einladung zum Five-o’clock-tea bekommen, sollten sie das nicht wörtlich nehmen und schon um 4 Uhr erscheinen. Er heißt so, weil er Schlag 5 beendet sein sollte.

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Monika Wittmann
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