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30 Jahre Tschernobyl: Der größte Atomunfall der Geschichte

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Konstruktion der Abdeckhülle für die Reaktorruine
Die neue Hülle für den Reaktor von Tschernobyl wird abseits konstruiert und dann über den alten Sarkophag geschoben.
Die Atomruine

Heute ist der zerstörte Reaktorblock 4 von Tschernobyl von außen nicht mehr zu sehen: Innerhalb weniger Monate nach dem Atomunfall wurde die strahlende Ruine in einen wuchtigen Sarkophag aus Stahl und Beton eingeschlossen. 300.000 Arbeiter setzten sich bei diesen Arbeiten und beim Wegräumen kontaminierter Trümmer teilweise enormen Strahlendosen aus.

Aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Denn es lagern mindestens 150 Tonnen des hochradioaktiven Kernbrennstoffs, verschmolzen mit Graphit und Beton, in der Ruine. 40 Prozent des Gebäudes sind so stark verstrahlt und von Trümmern verbaut, dass niemand weiß, wie es dort aussieht. Durch Lücken und Ritzen im Sarkophag gelangt zudem ständig radioaktiver Staub nach außen, umgekehrt dringt Regenwasser in die Ruine ein. Als Folge sammelt sich im Untergeschoss des Reaktors eine hochradioaktive Brühe an und droht, das Grundwasser zu kontaminieren.

Um diese Gefahr einzudämmen, ist man in Tschernobyl bereits dabei, eine neue Schutzhülle zu bauen. Eine 109 Meter hohe und 162 Meter lange Konstruktion aus Stahlträgern und speziellen Platten aus Verbundmaterial wird abseits des Reaktors gebaut und soll dann im November 2017 über den alten Sarkophag geschoben werden. Die insgesamt gut 35.000 Tonnen schwere Konstruktion wird dabei mit Hilfe hydraulischer Hebe- und Gleitsysteme in Bewegung gesetzt – sie ist damit das größte bewegliche Gebäude der Welt. Diese neue Schutzhülle soll die strahlende Ruine von Tschernobyl mindestens 100 Jahre dicht einschließen – und damit die Umwelt vor der noch immer im Inneren lauernden Gefahr schützen.

Geigerzähler vor dem Hintergrund der Reaktorruine
Selbst einen Kilometer von der Reaktorruine entfernt ist die Strahlung noch heute erhöht.

Die Folgen

Noch immer ist ein rund 2.200 Quadratkilometer großer Bereich rund um die Reaktorruine von Tschernobyl eine Sperrzone. Wegen der noch immer hohen Strahlenbelastung darf niemand in dieser Chernobyl Exclusion Zone wohnen. Die ehemals regen Orte Prypjat und Tschernobyl sind heute ausgestorben, halbverfallene Geisterstädte.

Die Bewohner dieses Gebiets bekamen schon wenige Jahre nach dem Atomunfall und ihrer Evakuierung die Folgen zu spüren: Schon in den ersten Jahren danach registrierten Ärzte einen starken Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen. Die Häufigkeit dieser normalerweise unter Kindern seltenen Krebsart schnellte plötzlich auf das bis zu Zehnfache an, rund 5.000 Fälle sind bisher bekannt. Der Grund: Viele von ihnen hatten in den Stunden und Tagen vor ihrer Evakuierung mit radioaktivem Iod verseuchte Milch getrunken.

In Bezug auf andere Krebsarten sind die Daten jedoch bisher weit weniger eindeutig. Auch zu den Gesundheitsfolgen für Teile Europas, die in den Tagen nach dem Atomunfall durch den radioaktiven Fallout kontaminiert wurden, gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse. Einer der Gründe: Viele Krebsarten manifestieren sich erst mit mehreren Jahrzehnten Verzögerung.

Verfallende Schule im radioaktiv verseuchten Prypjat
Bei der Evakuierung mussten die Bewohner alles stehen und liegen lassen, hier eine Schule in Prypjat.
NPO, 26.04.2016
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