wissen.de
You voted 5. Total votes: 52
wissen.de Artikel

Atlantis des Nordens: Auf den Spuren von Rungholt

...

Fundstücke aus dem einstigen Rungholt.
Fundstücke aus dem einstigen Rungholt.
Siedlungsspuren im Schlick

Die Gruppe marschiert auf eine der Erhebungen – es sind die alten Warften. "Das hier war eine Kirchwarft", erklärt die Wattführerin. "Man erkennt das daran, dass keine Brunnenreste gefunden wurden." Damals schachteten die Leute ihre Brunnen mit Torfsoden aus, diese charakteristische Struktur wird zwar selten gefunden, weil sie oft zugeschlickt sind. Aber wenn sie da sind, markieren sie ganz sicher alte Siedlungsplätze.

„Wir kommen jetzt in das Gebiet, in dem viele Fundstücke entdeckt wurden“, sagt Dethleffsen. Ein Kollege von ihr hat ein Fass gefunden, sie selbst etliche Scherben sowie viele Tierknochen und sogar Menschenknochen, Ziegelsteine deuten auf wichtigere Häuser hin – zum Beispiel Kirchen. Und manchmal kann man Baumstuppen erkennen. Noch längst nicht alles sei entdeckt worden, meint Dethleffsen. "Die Masse liegt noch unter einem, anderthalb Meter Schlick und Sand begraben", schätzt sie.

Von Torf, Deichen und der Flut

"Denken Sie daran: Wir marschieren hier über einige Warften, alles alte Siedlungsplätze – die Brunnenreste und Pflugspuren können Sie bei guten Bedingungen hier erkennen", erklärt die Wattführerin. Sie berichtet von den Langhäusern der damaligen Zeit, in denen Mensch und Vieh gemeinsam wohnten und mit getrocknetem Kuhmist heizten. Vom Salztorf, den sie abbauten und mit dem Salz verdienten und Handel trieben.

Aber auch davon, dass Vieh nach Sturmfluten eher verdurstete als ertrank, denn die Regenzisternen auf den Warften waren versalzen. Und dass die Pest wenige Jahre vor dem Untergang von Rungholt hier gewütet hatte, beständige Wetterverschlechterungen die Ernten miserabel ausfielen ließen. Historiker vermuten, dass diese Not die Arbeitskraft der Rungholter schwächte und sie es daher nicht schafften, die Deiche in Ordnung zu halten und sich gegen die vernichtende Orkanflut zu wehren, die zwischen dem 15. und 17. Januar 1362 wütete. 

Für unsere "Zeitreisenden" vergeht die Zeit wie im Flug, schon heißt es umkehren, denn die Flut kündigt sich an. "Zwar ist noch Ebbe, also ablaufendes Wasser, doch wir müssen jetzt zurückgehen! Manchmal ist es regelrecht unheimlich, wie schnell das Wasser kommt", warnt Dethleffsen.  Die Vergänglichkeit vor Augen kehrt die Gruppe um. Die Menschen damals hatten keine Chance, als das Wasser kam. Christine Dethleffsen und ihre Zeitreisenden schon. Das Wasser läuft nun bald wieder auf, ganz, ganz schnell. Und Rungholt geht wieder unter wie jeden Tag seit 654 Jahren.

Nordseetourismus, 09.05.2016
You voted 5. Total votes: 52