wissen.de
Total votes: 19
wissen.de Artikel

Bundestagswahl 2017: Was bringen TV-Duelle – und was erwartet uns diesmal?

...

Und was bewirken TV-Duelle?

Brettschneider: "Die Wirkung hängt vom Verlauf des Duells und von den Voreinstellungen der Zuschauer ab. Diejenigen Zuschauer, die parteipolitisch weitgehend festgelegt sind, ändern ihre Meinung aufgrund des TV-Duells in der Regel nicht. Im Gegenteil: Sie nehmen das Geschehen durch ihre parteipolitische Brille wahr und werden in ihren Auffassungen sogar noch bestärkt.

Die unentschiedenen Wählerinnen und Wähler hingegen können durch TV-Duelle leichter beeinflusst werden. Sie orientieren sich dann in erster Linie an der wahrgenommenen Problemlösekompetenz der Kandidaten sowie an deren Führungsstärke und an ihrer Vertrauenswürdigkeit."

Die Wirkungen auf die Bewertung der Kandidaten sind also am größten?

Brettschneider: "Ja. Den Spitzenkandidaten kommt als Gesicht und Stimme ihrer Parteien eine besondere Bedeutung bei der Vermittlung von Themen und politischen Positionen zu. Die stärksten Effekte des TV-Duells zeigen sich bei den Kandidatenimages und bei der Bewertung der Kandidaten. Die Partei-Bewertungen werden hingegen vom Debattenverlauf weniger beeinflusst. Das Gleiche gilt für die Wahlabsicht. Aber bei einem knappen Wahlausgang kann ein TV-Duell durchaus die Wahl entscheiden – wie viele andere Faktoren auch."

Welche Debatten-Aussagen wirken am besten?

Brettschneider: "Allgemeine, wertbezogene Aussagen sowie emotionale Appelle der Debatten-Teilnehmer lösen bei den Zuschauern über die Parteigrenzen hinweg die größte Zustimmung aus. Das Gleiche gilt für Allgemeinplätze wie ‚Leistung muss sich lohnen‘ oder ‚Bildung darf nicht von der Herkunft abhängen‘. Angriffe auf den politischen Gegner polarisieren hingegen meistens. Die Angriffsstrategie kann sich aber auch gegen den Angreifenden selbst wenden – wenn er überzieht."

Wird Martin Schulz im TV-Duell Angela Merkel unter Druck setzen können?

Brettschneider: "Das wird er versuchen. Aber das wird sehr schwer. Er kann die Politik der Großen Koalition nicht wirklich hart kritisieren, weil seine eigene Partei daran mitgewirkt hat. Schulz hat somit kaum Ansatzpunkte. Er wird deutlich machen müssen, dass sich aus seiner Sicht in Deutschland etwas ändern muss. Viele Menschen wollen aber gar nicht, dass sich etwas Grundlegendes ändert. Wir können also eine Neuauflage von Merkels ‚Sie kennen mich‘ aus dem letzten TV-Duell erwarten. Wahrscheinlich wird eher Schulz unter Druck geraten, wenn es darum geht, mit welchen Koalitionspartnern er seine Positionen nach der Wahl realisieren will – Stichwort rot-rot-grün."

Universität Hohenheim, 1. September 2017
Total votes: 19