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Buxtehude – Märchen- und Modellstadt

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Passend zu einem "Fabel- und Musenort", blickt Buxtehude auf eine über tausendjährige Geschichte zurück. Die historischen Spuren beginnen bei dem 959 erwähnten "Buochstadon", einem Königsgut, das König Otto I. dem Moritzkloster in Magdeburg schenkte. Der Name kann als "Buchengestade" oder - vermutlich zutreffender - als "Buchenstätte" gedeutet werden. Dieser Ort ist als Vorläufer des 1135 genannten "Buchstadihude" anzusehen. Bereits im 13. Jahrhundert war daraus "Buxte-" bzw. "Buxstehude" geworden. Die an den ursprünglichen Namen angehängte Endung "-hude" bezeichnet eine Anlegestelle, einen kleinen Flusshafen. Dieser hatte sich im Bereich des heutigen Ortsteils Altkloster am westlichen Esteufer entwickelt und belegt die verkehrsgeographische Bedeutung des Ortes. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war außer von Buxtehude nur noch von Stade aus die Überquerung der Unterelbe möglich. Auch stellte die Este die wichtigste Verkehrsverbindung zu den angrenzenden Gebieten des Alten Landes dar, mit dessen Besiedlung im 12. Jahrhundert begonnen wurde.

1196 stifteten die adligen Halbbrüder Gerlach und Heinrich von Buxtehude und Floria, die Gattin Heinrichs, aus ihrem Besitz gemeinsam mit dem Mönch Sigeband ein Benediktiner-Nonnenkloster. Es war bis zur Säkularisation durch die Schweden nach dem Dreißigjährigen Krieg das bedeutendste Frauenkloster im Niederelbegebiet. Vermutlich wurde um 1480, also vor Luther, in der Schreibstube des Alten Klosters eine Übersetzung der vier Evangelien ins Mittelniederdeutsche angefertigt. Sie wurde Ende der 1980er Jahre wiederentdeckt und liegt jetzt in einer Edition vor. Ein Teil der Grundmauern des Klosters wurde nach archäologischen Befunden rekonstruiert und ist auf dem Klosterplatz in Altkloster zu besichtigen.

Lagen die Ursiedlung und das Kloster noch auf dem Geestrand, verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt im 13. Jahrhundert nach Norden, als 1285 der Bremer Erzbischof Giselbert von Brunkhorst anderthalb Kilometer vom Hude- und Klosterort entfernt im Moorstreifen zwischen Geest und Marsch eine Stadt gründete. Für den Gebietsverlust wurde das Kloster mit einem hohen Geldbetrag entschädigt, aber Handel und Verkehr verlagerten sich von nun an in die Neugründung. War in Hamburg, Lüneburg und Stade der Hafenbetrieb von der einen Seite des Wasserlaufes auf die gegenüberliegende hinübergewachsen, wurde Buxtehude als erste deutsche Stadt von vornherein planmäßig um ein zentrales Hafenbecken herumgebaut und war seinerzeit die modernste Hafengründung auf deutschem Boden.

Deren Anlage ist in der heutigen Altstadt noch erkennbar. Der Stadtgraben, der "Viver" (sprich: Fiewer), ist - wenn auch in verschmälerter Form - erhalten. Den Namen hatten die holländischen Kolonisatoren der Gründungszeit mitgebracht. Das Fleth nimmt das aufgestaute Wasser der Este auf und leitet es durch die Stadt. Bis ins 20. Jahrhundert diente die grachtartige Anlage als innerstädtischer Hafen. Auch das von der Langen und der Breiten Straße bestimmte Straßennetz entspricht weitgehend der mittelalterlichen Wegführung.

Das bedeutendste Baudenkmal ist die St.-Petri-Kirche, das Wahrzeichen der Stadt. Sie lässt sich als frühes Beispiel Buxtehuder Experimentierfreudigkeit begreifen. Als gotische Backsteinkirche - vermutlich zwischen 1296 und 1320 erbaut - ist sie der Gruppe norddeutscher Hallenkirchen um die Lüneburger St. Johanniskirche zuzuordnen. Als Basilika stellt sie jedoch eine nur in Buxtehude realisierte Sonderform dar und fordert heute den kunstgeschichtlichen Vergleich heraus. Kirchenbauten dieses Grundtyps waren Kennzeichen norddeutscher Handelsstädte.

Die neue Stadt blühte rasch auf

1328 erhielt sie das Stader Stadtrecht. Seit 1363 tritt sie als Hansestadt in Erscheinung. Alsbald ging der Name der Ursiedlung auf das wirtschaftlich stärkere Gemeinwesen über. Aus dem Kloster Buxtehude wurde das Alte Kloster, das sich mit dieser Bezeichnung von dem seit 1286 benachbarten Neuen Kloster abhob. Heute sind Altkloster und Neukloster Ortsteile der Flächenstadt Buxtehude geworden.

Nach dem Niedergang der Hanse bestand weiterhin reger Fährverkehr durch umfangreiche Viehtransporte von Jütland bis in die Niederlande. Um 1600 wurden jährlich 20 000 bis 30 000 Ochsen bei Buxtehude über die Elbe gesetzt. Bis ins 17. Jahrhundert hinein war die Stadt sehr wohlhabend. Der Dreißigjährige Krieg traf die etwa 2 000 Einwohner zählende Stadt sowohl durch die mehrfach wechselnden Besatzungen und die damit verbundenen Einquartierungen fremder Truppen als auch durch die Pestjahre von 1625, 1627 und 1628, denen ein großer Teil der Bevölkerung zum Opfer fiel. Unter schwedischer Herrschaft (1645-1712) ging die Schifffahrt infolge der Reichsexekution von 1675 um ein Drittel zurück. Dennoch betrieben Buxtehuder Reeder auf der Handelsroute Hamburg-Archangelsk-Italien-Hamburg weiterhin Hochseeschifffahrt. Das 18. Jahrhundert brachte mit dem Versiegen des Rinderhandels und der beginnenden Verlagerung des Elbübergangs nach Harburg schwierige Zeiten für die Stadt, was sich auch im Rückgang der Einwohnerzahl auf 1 855 im Jahr 1815 ausdrückt.

Erst mit dem Aufkommen der Industrialisierung zeigte sich neuer Aufschwung. In Buxtehude setzte diese Entwicklung bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Hierzu trug vor allem die Lage an der schiffbaren Este bei. Die ersten Industriebetriebe entstanden in Hafennähe: eine Zementfabrik, eine Ölmühle, eine Steingutfabrik, eine Dampfsägemühle sowie eine Werft. Darüber hinaus wurden in und am Rande der Altstadt Seifensiedereien, mehrere Gerbereien, eine Lederfabrik, Brauerei und Branntweinbrennerei betrieben sowie mehrere Mühlen, die auf Dampf- bzw. Turbinenbetrieb umgestellt wurden. Mit dem Eisenbahnanschluss im Jahr 1881 siedelten sich in der Nähe des Bahnhofs weitere Betriebe an: eine Maschinenfabrik, eine Brauerei, eine Holzhandlung sowie mehrere Hotels und Gaststätten.

In Altkloster befand sich seit 1622 eine Papiermühle. Durch ihren Ausbau zu einer modernen Papierfabrik entwickelte sich das Dorf seit den 1840er Jahren zu einem Industrievorort. Die Einwohnerzahl stieg von 184 im Jahr 1823 auf 2 984 im Jahr 1925 an. In der Krisenzeit nach dem Ersten Weltkrieg geriet der Ort in eine schwere wirtschaftliche Notlage, als 1925 die Papierfabrik Konkurs anmeldete und den Betrieb einstellte. Es folgte 1931 die Eingemeindung von Altkloster nach Buxtehude, die der Stadt letztendlich günstigere Entwicklungsmöglichkeiten bot.

Hatte bereits in den 1930er Jahren ein Unternehmen Gelände vor der Stadt für eine Fabrikanlage erschlossen, setzte nach dem Zweiten Weltkrieg, den Buxtehude bis auf einen schweren Bombentreffer ohne größere Zerstörungen überstanden hatte, bald der planmäßige Ausbau von Industrie- und Gewerbegebieten ein. Zahlreiche neue Betriebe, darunter einige Weltfirmen, wurden im Westen und vor allem im Osten auf geestrandnahen Flächen des Stadtgebietes angesiedelt. Durch die Erweiterung des Stadtgebietes im Zuge der Gebiets- und Verwaltungsreform 1972 konnte dieser Prozess fortgeführt werden, so dass heute Betriebe des verarbeitenden Gewerbes in der Regel ihren Sitz in den Industrie- und Gewerbegebieten haben und im Innenstadtbereich Handels- und Dienstleistungsunternehmen dominieren.

Auch weiterhin bietet die Stadt interessierten Unternehmen günstige Bedingungen. Gute Verkehrsanbindungen und die Nähe Hamburgs machen den Standort attraktiv. Als bewusste Förderung von Firmenneugründungen wurde 1986 das Technologie-Zentrum-Buxtehude eingerichtet. Die geschickt betriebene Industrieansiedlungspolitik hat zu einer recht stabilen Wirtschaftsstruktur geführt. Hierzu trägt vor allem die gelungene Mischung von mittleren und größeren Betrieben verschiedener Branchen bei. Buxtehude hat eine der niedrigsten Arbeitslosenraten in Niedersachsen.

Seit den 1960er Jahren hat sich Buxtehude als experimentierfreudige Modellstadt einen Namen gemacht. 1966 wurde an der Halepaghen-Schule - einem Gymnasium mit über 600jähriger Tradition - eine Reform der Oberstufe durchgeführt, die als "Buxtehuder Modell" bundesweit Beachtung fand und von der zahlreiche Impulse für die schließlich von der Kultusministerkonferenz verabschiedete Oberstufenreform ausgingen.

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Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Buxtehude
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