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Darmflora: Wie unsere Mikroben uns manipulieren

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 Escherichia coli
E. coli ist einer der Stimmungsmacher im menschlichen Darm.
Stimmungsmacher im Darm

Doch das ist längst nicht alles. Denn die Bakterien in unserem Darm produzieren auch eine ganze Palette genau der Neurobotenstoffe, die bei uns Stimmung und Verhalten prägen. So stammen immerhin rund 50 Prozent des Glücks- und Suchthormons Dopamin nicht aus dem Gehirn, sondern aus unserem Darm. Dort produzieren diesen Botenstoff beispielweise der häufige Darmkeim Escherichia coli.

Auch beim Glückshormon Serotonin mischen unsere mikrobiellen Mitbewohner mit: Einige produzieren einen Vorläuferstoff dieses Hormons, andere Bakterien regen Zellen in der Darmwand dazu an, Serotonin zu produzieren. Fehlen diese Mikroben oder sinkt ihre Zahl, geht unser Serotoninspiegel zurück – und wir fühlen uns eher deprimiert. Das wiederum verführt uns leichter dazu, "Glücklichmacher" wie Schokolade oder andere Süßigkeiten zu essen.

Schokolade
Das Kolibakterium beeinflusst die Lust auf Süßes und sogar die Fähigkeit, süß zu schmecken.
Im Extremfall schrecken die Bakterien unseres Verdauungstrakts auch vor Schmerzen nicht zurück – unseren versteht sich. So zeigen Studien, dass sogenannte Schreikinder, die in den ersten Monaten besonders viel weinen und unter Koliken leiden, typische Veränderungen ihrer Darmflora aufweisen. Bestimmte Keime dominieren bei ihnen – und sorgen durch ihre Ausscheidungen dafür, dass das Kind Koliken bekommt.

Direktleitung ins Gehirn

Botenstoffe und Hormone sind aber längst nicht die einzigen Wege, über die uns unsere Darmflora manipuliert. Sie zapfen auch unseren direkten Draht zwischen Bauch und Gehirn an: den Vagusnerv. Er verbindet die rund 100 Millionen Nervenzellen im Verdauungssystem mit der Basis unseres Gehirns und ist damit die zentrale Kommunikationsachse zwischen Kopf und Bauch. Über ihn signalisiert unser Verdauungstrakt unter anderem, wann der Magen gefüllt ist, umgekehrt erhalten die inneren Organe "Anweisungen" vom Denkorgan.

Und genau hier kommen die Darmmikroben ins Spiel: Über spezielle Andockstellen beeinflussen sie und ihre Ausscheidungen die Aktivität von Nervenzellen in der Darmwand – und damit des Vagusnervs. Studien zeigen, dass bestimmte Mikroben auch auf diese Weise gesteigerte Esslust bei uns auslösen können. Wir verspüren dann einen Heißhunger auf Fettiges, Salziges und Co und füttern damit brav auch gleich unsere hungrigen Bakterien mit.

Der Einfluss der Darmflora geht sogar über diese eher vorübergehenden Effekte hinaus, wie Mediziner inzwischen wissen. Je nachdem, welche Mitbewohner sich in unserem Verdauungstrakt tummeln, beeinflussen sie auch die Gesundheit unserer Hirnzellen, sie bestimmen mit, wie gut eine Grippeimpfung wirkt oder ob uns bei einer Chemotherapie übel wird oder nicht. Richtig gut geht es deshalb eigentlich nur, wenn auch unsere Darmflora zufrieden ist.

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