wissen.de
Total votes: 156
wissen.de Artikel

Deborah Wearing: Gefangen im Augenblick

Der Mann mit dem Gedächtnis aus Papier

...
»Gefangen im Augenblick« heißt das Buch, das Deborah über die Erkrankung ihres Mannes geschrieben hat. Sie erzählt von 21 Jahren Hoffen, Verzweifeln und Aufgeben, dem mühsamen Alltag, den durchwachten Nächten, der Qual, jemanden zu vermissen, der eigentlich da ist, von der Unmöglichkeit, mit dem Geliebten zu leben – und ohne ihn. Es ist ein Buch über einen der schwersten Fälle von Amnesie, der je beobachtet wurde. Aber auch über eine unzerstörbare Liebe: Clive weiß nicht, wo er ist; an die Namen seiner Kinder aus erster Ehe kann er sich nicht erinnern; jeder Mensch, der ihm neu begegnet, ist ihm schon einen Lidschlag später wieder unbekannt. Doch er erkennt seine Frau, wenn er sie sieht, und er weiß, dass er sie liebt. »Es gibt etwas«, sagt Deborah Wearing im Gespräch mit bücher, »das unangetastet bleibt, egal, was mit jemandem passiert. Etwas Einzigartiges, das jeden Menschen ausmacht. Damals konnte ich es noch nicht so sehen, heute bin ich mir völlig sicher: Es gibt eine Seele. Wir sind mehr als die Summe unserer Einzelteile.« Clive ist 46, als das Virus in sein Hirn eindringt und die Erinnerung an sein gesamtes Leben vernichtet, Deborah 27. Seit sieben Jahren sind die beiden ein Paar. Clive ist Musiker und Dirigent, Deborah arbeitet in der Pressestelle einer Warenhausgruppe. Sie verlieben sich ineinander, als Clive die Leitung des Firmenchors übernimmt. Die erste Zeit zu zweit – »die Zeit davor« – beschreibt Deborah, als sei sie eben erst gewesen und läge nicht schon beinahe 30 Jahre zurück. Sie gibt Unterhaltungen wörtlich wieder, erinnert sich an Konzerte und Opernbesuche, ans gemeinsame Zeitunglesen, den Kauf der Couchgarnitur, Spaghetti vor dem Fernseher. Als wollte sie jedes Detail bewahren, als sei ihr erst jetzt, wo dieser Alltag unwiederbringlich Vergangenheit ist, klar, wie kostbar er war, wie unendlich kostbar. Je erfolgreicher Clive als Musiker und später als Produzent bei der BBC ist, desto mehr beschleunigt sich sein Leben. »Er blickte nicht auf die Überanstrengung in seinem Gesicht«, schreibt Deborah. »Er sah nicht, was ich sah.« Immer wieder bittet sie ihn, alles etwas ruhiger anzugehen. Er verspricht es, doch es ändert sich nichts. »Nie konnte er einen Kompromiss eingehen, niemals würde er eine uninspirierte Rundfunksendung produzieren.« Auch in den Tagen, bevor er krank wird, arbeitet er bis zum Umfallen. »Musik war seine Hauptantriebsfeder. Sie trug ihn über seine begrenzten Kräfte hinaus. In dieser Woche, in jeder Woche hätten wir uns ein Leben ohne Musik in dessen Zentrum nicht vorstellen können, doch genau darauf rasten wir in diesem Moment zu. Wir steuerten auf die absolute Stille zu.«

 

Es beginnt mit leichtem Unwohlsein. Alles sieht zunächst nach einer simplen Erkältung aus. Kopfschmerzen sind für Clive durch die Anstrengung seines Jobs ohnehin so normal, dass das Fläschchen Aspirin stets griffbereit auf dem Nachttisch steht. Doch die Schmerzen werden von Tag zu Tag schlimmer, er bekommt hohes Fieber und muss sich immer wieder übergeben. Herbeigerufene Notärzte diagnostizieren eine schwere Grippe, verordnen Schlafmittel und Schmerztabletten und gehen wieder. Clive erkennt die Wohnung nicht mehr, kann sich nicht artikulieren, am sechsten Tag verliert er das Bewusstsein und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Dort beginnt der Kampf um sein Le-ben: Die Untersuchungsergebnisse deuten auf eine Hirnhautentzündung, entfacht durch das Herpes-Virus; Clives Körper zuckt in schweren epileptischen Anfällen. »Es sieht nicht gut aus«, sagen die Ärzte. Mit unerbittlicher Präzision zeichnet das EEG die Kurve der Hirnstromwellen als wüstes Auf und Ab: In Clives Kopf tobt ein Sturm. Als das Virus durch antivirale Medikamente gestoppt werden kann, sind bereits große Teile von Clives Gehirn zerstört. Aber er lebt. »Was wird als Nächstes geschehen?«, fragt Deborah immer wieder. Niemand hat eine Antwort. In den ersten Tagen ist Clive nicht in der Lage, sich mitzuteilen; was man ihm sagt, begreift er nicht. »Aber er konnte mir in die Augen sehen und sagen, dass er mich liebte. Es war der einzige Satz, an den er sich erinnerte.« Mit der Zeit kehrt seine Sprache zurück, körperlich geht es ihm gut. Doch mit jedem Tag wird offenbar, wie wenig ihm von dem geblieben ist, was er einmal war. Seine Intelligenz hat ihn nicht verlassen, aber er hat nichts, woran er anknüpfen kann: Jeder Moment erscheint ihm wie der erste nach langer Ohnmacht. »Ich bin eben erst erwacht«, sagt er immer wieder. »Wie lange bin ich schon krank?«

»Neun Wochen.«

... klicken Sie zum Weiterlesen auf den folgenden Button
Text: Ruth Hoffmann; Foto: Martin Salter
Total votes: 156