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Der Fall Jane Eyre

Rezension

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dtv premium 2004

ISBN 3-423-24379-1

Stellen Sie sich vor, am Ende des Romans von Charlotte Brontë ginge Jane Eyre mit John Rivers nach Indien und Rochester bliebe mit seiner wahnsinnigen Frau auf dem Dachboden in Thornfield Hall zurück. Sie haben Jane Eyre nicht gelesen? Macht nichts: Der Fall Jane Eyre von Jasper Fforde sollten sie auf jeden Fall lesen!

Thursday Next, Veteranin und Heldin des seit 130 Jahren tobenden Krimkrieges zwischen der Republik England und dem zaristischen Russland, arbeitet als LiteraturAgentin (LitAg) beim Special Operations Network (SpecOps) in London. Als solche ist sie unter anderem für die Sicherung der Literatur vor Fälschungen zuständig, aber auch der Diebstahl des Originalmanuskriptes von Charles Dickens Martin Chuzzlewit fällt in ihren Verantwortungsbereich. Nicht erst als eine Randfigur aus dem Roman entführt, und kurz darauf deren Leiche gefunden wird, ist klar, dass es sich um bedeutend mehr handelt als um einen einfachen Diebstahl. Hinter diesem Angriff auf die Literatur steht der Erzbösewicht Archeron Hades. Thursday, die seinen außergewöhnlichen Kräften bereits als Studentin einmal widerstanden hat, wird bei seiner versuchten Festnahme schwer verwundet und mehrere Agenten werden getötet. Als niemand ihrer Version der Dinge Glauben schenkt, nimmt sie einen Posten in ihrer Heimatstadt Swindon an. Hier muss sie sich nicht nur um Archeron Hades und die Entführung ihres genialen Onkels Mycroft kümmern, sondern begegnet auch ihrer Jugendliebe Landen Parke-Lane wieder. Dann entwendet Archeron Hades das Manuskript von Jane Eyre...

Jasper Fforde hat mit seiner inzwischen vierbändigen Reihe um seine sympathische Hauptfigur Thursday Next eine Parallelwelt zu der unsrigen geschaffen. In dieser bizarren Welt nimmt die Literatur einen immensen Stellenwert ein, und die Grenzen zwischen Fiktion und Realität werden immer durchlässiger. Nichts erscheint in ihr unmöglich: Thursdays Vater ist als von der ChronoGarde ausgestoßener, anarchistischer Zeitreisender unterwegs und greift immer wieder in die Handlung ein, und das Haustier von Thursday ist ein von ihr selbst geklonter Dodo. Jasper Fforde spielt in dem Buch mit dem politischen, historischen und wissenschaftlichen Wissen des Lesers und verschiebt diese Parameter scheinbar willkürlich, wobei das System in sich aber absolut kohärent ist und dem Leser vertraut bleibt. Hinter zahllosen skurrilen Einfällen verstecken sich so durchaus ernst zu nehmende medien-, kapitalismus- und kriegskritische Seitenhiebe. Aber auch wenn man nicht alle Anspielungen versteht, erzählt das Buch eine spannende Geschichte, an deren witzigen Episoden alle Freude haben werden, die an das Unwahrscheinliche – aber nicht Unmögliche – glauben können.

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Kristina Wengorz
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