wissen.de
Total votes: 239
wissen.de Artikel

Dr. Gottfried Benn, der Barbar

Der Avantgarde-Dichter des 20. Jahrhunderts war ein gefühlskalter Egomane. Gottfried Benn liebte Dreier-Beziehungen, trieb eine Geliebte in den Selbstmord. Zum 50. Todestag: Porträt eines Frauenvernichters.

...

 

benn2.jpeg
Benn ist am Ende seines Lebens zum modernen Stoiker geworden, dem er die Namen »Ptolemäer« und »Radardenker« gibt. Ein melancholischer Zuschauer, der den Untergang des Abendlandes unvermindert voranschreiten sieht. Dieser Rückzug beginnt bereits 1935, nach dem furchtbaren Irrtum, die Nazis für rettende Barbaren vor der Vermittelmäßigung der Weimarer Republik gehalten zu haben. Eben noch hatte er die Emigranten in seinem berüchtigten offenen Brief als Vaterlandsverräter beschimpft, nun ist er selbst auf dem Weg in die »aristokratische Form der Emigration«, wie er die Wehrmacht nennt. Benn lässt sich aber auch deshalb als Militärarzt reaktivieren, weil seine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten miserabel läuft. Der deutsche Mann, so die Nazi-Ideologie, ist immer gesund. Was er niemals haben darf, was geradezu ein Verrat am Führer wäre, das ist eine Geschlechtskrankheit! Auch vor diesem wild gewordenen Spießergeist flieht Benn. Zu seinem 50. Geburtstag 1936 wird das SS-Blatt »Schwarzer Korps« über den »Selbsterreger« schreiben: »Gib es auf Dichter Benn, die Zeiten für derartige Ferkeleien sind endgültig vorbei.« Den Artikel hatte ihm jemand anonym geschickt mit einem Zettel: »Geiler Mistfink«. Benn sieht sich schon mit einem Bein im KZ stehen. Dabei wäre er 1933 ganz gern Staatsdichter bei den Nazis geworden. Aber wer in seinen Gedichten Verse schreibt wie jenen in »Synthese«, der bleibt für die Nazis nun mal ein jüdisch-bolschewistisch-kosmopolitischer Schmutzfink. Benn hätte es wissen können, wie er damit die »germanische Heldenrasse« provoziert: »Das, was sich noch der Frau gewährt, ist dunkle süße Onanie.« Benn also sitzt in der Provinz, fernab des vertrauten Reviers um seine Stammkneipe »Reichskanzler« nahe der Belle-Alliance-Straße in Berlin Kreuzberg. Ausgerechnet Hannover, wo doch die Welfen als noch spröder gelten als die Brandenburger. Er muss sich neu sortieren. Auch erotisch. Benn hat da ganz bestimmte Vorlieben, und um die redet er nicht lange herum: »Die nichtintellektuelle Frau – sie ist ja viel reizvoller als die überkluge, die wickelt die dummen Männer viel eher um den Finger, als es eine gelehrte kann. Männer wollen doch nicht am Gehirn von einer Frau berührt werden, sondern ganz woanders.« Hannover ist für Benn ein schwieriges Terrain: zu übersichtlich. Und er als Offizier muss auf seinen Ruf achten. Also doppelte Diskretion. In Hannover hört er das »Bitte denken Sie nicht schlecht von mir!« häufiger als in Berlin: »Entweder Hure oder sofort geheiratet werden, das ist die Provinz.« Beides ist nicht so sehr Benns Sache. Verheiratet war er schon mal (seine erste Frau Edith starb 1922 nach einer Gallenoperation), und mit Huren hat er beruflich als Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten zu viel zu tun, um ihnen noch einen Reiz abgewinnen zu können. Außerdem muss er mit seinem Geld penibel haushalten. Also bleibt nur, selber auf die Jagd zu gehen. Zielgebiet: Hannoveraner Hausfrauen. Zuerst einmal »erlegt« er zwei Verkäuferinnen: »Eine reines Blond mit allem Zubehör; eine Schwarz mit allem Drum und Dran ... Sie sind dankbar, anspruchslos und im Grunde sehr gebildet, ich meine damit, sie bleiben in ihrem Gesichts- und Lebenskreis und spielen sich vor einem vernünftigen Mann nicht auf. Keine Balkongespräche! Die eine verdient 300 M. im Monat, die andere 450 M., Abteilungsleiterinnen im Warenhaus. 3–4 mal sich treffen – und dann Erotik, das natürlichste von der Welt. Oft in meiner Vergangenheit hat es sich so getroffen: mit beiden gleichzeitig, es ist Blödsinn, dass die Frau uns alleine will. Ich habe ganz gegenteilige Erfahrungen gemacht.«

Dass wir von seinen Eskapaden überhaupt wissen, hat mit dem einzigen Mann zu tun, auf den sich Benn je einließ: Friedrich Wilhelm Oelze, Rumgroßimporteur in Bremen. Mit ihm wird Benn ab 1932 insgesamt 749 Briefe privatester Natur wechseln. Eine Fundgrube! Vor Oelze, der ein bildungsbürgerlich gemäßigter Mann ist, renommiert Benn gern, wie hier mit seinen beiden Verkäuferinnen: »Die Frauen-Gestalten, zu denen wir im Laufe des Lebens immer wieder zurückkehren, sind nicht, finde ich, die Mütter sondern die Konfektion. Große gute Figuren, tadellos gekleidet u. beschuht, man kann sich mit ihnen blicken lassen. Wie schon öfter in meinem Wandel: zwei Freundinnen.« Ein erotischer Augenblicksvielfraß? Ja, und einer, der als Entschuldigung dafür nur einen Satz zu sagen weiß: »Ich bin doch nicht impotent.« Benn scheut auch nicht vor dem zurück, was man heute einen One-Night-Stand nennt. Hauptkontaktbörse dafür ist das Café Kröpcke, das kein Puff sei, wie er seinen beiden Berliner Freundinnen, den Schauspielerinnen Tilly Wedekind und Elinor Büller eilfertig versichert. Mit beiden hat er ebenfalls eine Doppelaffäre. Aber er gibt sich ahnungslos. Ein Meister der Verschleierung, der falsche Fährten legt: »Hübsche Frauen habe ich hier noch keine gesehn. Schaue mich auch nicht nach um. Was sollte ich mit ihnen machen? Keine Ahnung. Was macht man mit Frauen. Keinen Schimmer mehr.«

... klicken Sie zum Weiterlesen auf den folgenden Button
Text: Gunnar Decker; Illustrationen: ULF K.
Total votes: 239