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Islam und Islamismus: ein Gegensatzpaar

Muslime: Fromme Gläubige oder Gotteskrieger?

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Der Koran: Gottes Wille im Originalwortlaut

Der Koran, das heilige Buch der Muslime, ist der zentrale Text, auf den sich der Islam bezieht. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf dieses vielzitierte Werk zu werfen.

Anders als die Bibel wird der Koran nie dem Sprachwandel angepasst, sondern liegt noch heute im Arabisch des 7. und 8. Jahrhunderts vor. Der Grund für diese Texttreue: Der Koran gilt als „unerschaffen“, als Gottes unverfälschtes Wort, das der Prophet Mohammed in mehreren Offenbarungen empfing und an seine Anhänger weitergab. Aus diesem Grund lehnt sich auch die gesamte religiöse Auslegung eng an den Korantext an. Der ist allerdings leider so wenig eindeutig wie die Bibel. Manche Stellen widersprechen einander, andere sind schwer zu verstehen und damit offen für ganz unterschiedliche Interpretationen.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, haben sich im Lauf der Zeit verschiedene Rechtsschulen und Traditionen gebildet, die sich mit der Ableitung von konkreten Lebensregeln aus den religiösen Texten befassen. Neben dem Koran ziehen sie unter anderem die Sunna – die Lebensgeschichte des Propheten – und die Hadithe, Überlieferungen seiner Äußerungen, heran.

Ein Beispiel für die breiten Interpretationsmöglichkeiten des Korans ist der Beginn von Vers 256 in der zweiten Sure: „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ Frühere islamische Auslegungen betrachteten ihn schlicht als aufgehoben durch andere Koranverse oder als Rat Gottes an Mohammed in einer konkreten Situation. Islamwissenschaftler haben vermutet, dass es sich auch um einen Ausdruck des Bedauerns handeln könnte: „Leider können wir niemanden zum Glauben zwingen!“ Heute wird der Vers meistens als Beleg für die Toleranz des Islam gegenüber anderen Religionen angeführt. Das Beispiel zeigt: Wie man den Islam versteht, hängt nicht nur von historischen Texten, sondern auch von der aktuellen Situation ab. Dazu passt auch Vers 100 aus der dritten Sure: „Gott zürnt denen, die ihren Verstand nicht gebrauchen.“

Und was sagt das alles über die eingangs erwähnten neuen Nachbarn aus? Dass es gute Gründe gibt, sie erst einmal näher kennen zu lernen und danach zu urteilen, ob die kulturellen und religiösen Gräben wirklich so groß sind. Ein erster Willkommensbesuch kann das Eis von Anfang an brechen – es muss ja nicht gerade mit einer Flasche Rotwein als Gastgeschenk sein.

Alexandra Mankarios, wissen.de
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