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LEXIKON

Sartre

[
ˈsartr
]
Jean-Paul, französischer Philosoph und Schriftsteller, * 21. 6. 1905 Paris,  15. 4. 1980 Paris; Lebensgefährte von Simone de Beauvoir. Begründer und Hauptvertreter des französischen Existenzialismus. Angeregt durch die deutsche Existenzphilosophie und in Auseinandersetzung mit dem Marxismus vertrat er eine humanistische Philosophie der Freiheit in einer Welt ohne Gott: Der Mensch, der kein von vorneherein festgelegtes Wesen besitzt, sei „zur Freiheit verurteilt“, d. h. ständig gezwungen, sich verantwortlich zu entscheiden und sich dadurch selbst zu entwerfen. Auch politisch trat Sartre hervor, während des 2. Weltkriegs als Widerstandskämpfer, später durch Gründung einer Partei, des Rassemblement Démocratique Révolutionnaire, seit Ende der 1960er Jahre als Protektor von Gruppen der äußersten Linken.
Sartre, Jean-Paul und Beauvoir, Simone de
Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir
Die französischen Schriftsteller Jean-Paul Sartre (links) und Simone de Beauvoir (rechts) werden von Reportern umringt, als sie das Bonne Nouvelle Polizeirevier verlassen. Man hatte sie verhaftet, als sie die linksextreme Zeitung »La Cause des Hommes« verkauften. Diese Zeitung, veröffentlicht von einer maoistischen Gruppe, war 1970 verboten worden, weil sie den Umsturz der französischen Regierung forderte.
Besonders stark war seine Wirkung als Schriftsteller und Dramatiker. In Abhandlungen, Romanen und Dramen zeigt er die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz auf, hebt aber zugleich das Wagnis und die moralische Verantwortung der Freiheit hervor. Sartres Werk kam wegen seiner atheistischen Haltung auf den katholischen Index. 1964 lehnte er den Nobelpreis für Literatur ab. Philosophische Schriften: „Das Sein und das Nichts“ 1943; „Ist der Existenzialismus ein Humanismus?“ 1946; „Was ist Literatur?“ 1947; „Kritik der dialektischen Vernunft“ 1960; Biografische Studien: „Lidiot de la famille: Gustave Flaubert (18211857)“ 3 Bände, 1971; Dramen: „Die Fliegen“ 1943; „Geschlossene Gesellschaft“ 1944; „Die ehrbare Dirne“ 1946; „Die schmutzigen Hände“ 1948; Romane: „Der Ekel“ 1938; „Die Wege der Freiheit“ (Romanzyklus) 19451949, deutsch 19491951.
  • Erscheinungsjahr: 1943
  • Veröffentlicht: Frankreich
  • Verfasser:
    Sartre
    , Jean-Paul
  • Deutscher Titel: Das Sein und das Nichts
  • Genre: Philosophische Untersuchung
Während der deutschen Besatzung veröffentlicht Jean-Paul Sartre (* 1905,  1980), Mitglied der Résistance, in Paris sein philosophisches Hauptwerk »Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie«. Es ist die bedeutendste Darstellung der atheistischen Existenzphilosophie. Die Maxime des Existentialismus lautet: »Die Existenz geht dem Wesen voraus«, d.h. die Existenz des Menschen ist zunächst etwas überflüssiges, Wesenloses, durch nichts Gerechtfertigtes; erst durch das Tun des Menschen entsteht das Wesen des Menschen: »Der Mensch ist allein das, was er tut... Alles ist Handlung, und nichts ist hinter der Handlung.« Der Gegensatz von Sein und Schein wird aufgehoben. Der Mensch muss sich selbst in seiner Freiheit verwirklichen. In der Verbindung existenzialistischen und ontologischen Denkens gelingt es Sartre damit, »den negativen Gedanken mit der Möglichkeit positiven Handelns« zu vereinbaren, wie es sein Freund Albert Camus gefordert hatte. Sartre versteht seine Philosophie zugleich als Ausdruck politischen Widerstands: »Da das Nazigift sich bis in unsere Gedanken einschlich, war jeder richtige Gedanke eine Eroberung.«
Die deutsche Übersetzung des gesamten Werks erscheint 1962.
  • Erscheinungsjahr: 1960
  • Veröffentlicht: Frankreich
  • Verfasser:
    Sartre
    , Jean-Paul
  • Deutscher Titel: Kritik der dialektischen Vernunft
  • Original-Titel: La Critique de la raison dialectique
  • Genre: Philosophische Untersuchung
In der philosophischen Untersuchung »Kritik der dialektischen Vernunft«, deren erster Teil 1960 erscheint, entwickelt Jean-Paul Sartre (* 1905,  1980) die von ihm begründete Existenzphilosophie weiter, wobei er statt des Individuums die zwischenmenschlich-gesellschaftlichen Beziehungen in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt. Die Grundlagen seiner Philosophie hat Sartre 1943 in »Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie« niedergelegt, der bedeutendsten Darstellung der atheistischen Existenzphilosophie. Die Maxime des Existenzialismus lautet: »Die Existenz geht dem Wesen voraus«, d.h. die Existenz des Menschen ist zunächst etwas Überflüssiges, Wesenloses; erst durch das Tun des Menschen entsteht das Wesen des Menschen: »Der Mensch ist allein das, was er tut... Alles ist Handlung, und nichts ist hinter der Handlung.« Der Gegensatz von Sein und Schein wird aufgehoben. Der Mensch muss sich selbst in seiner Freiheit verwirklichen.
Die deutsche Übersetzung der »Kritik« erscheint 1967.
  • Erscheinungsjahr: 1946
  • Veröffentlicht: Frankreich
  • Verfasser:
    Sartre
    , Jean-Paul
  • Deutscher Titel: Die ehrbare Dirne
  • Original-Titel: La putain respectueuse
  • Genre: Schauspiel in zwei Bildern
Auf der Basis der Existenzphilosophie behandelt Jean-Paul Sartre (* 1905,  1980) die Probleme Prostitution und Rassismus in seinem Welterfolg »Die ehrbare Dirne«, uraufgeführt am 8. November im Théâtre Antoine in Paris. Die Prostituierte Lizzie wird Zeuge, wie betrunkene Weiße einen Schwarzen erschießen, dessen Freund entkommen kann. Da der Mörder ein angesehener Mann aus bester Gesellschaft ist, soll Lizzie vor Gericht aussagen, der Erschossene habe versucht, sie zu vergewaltigen. Lizzie weigert sich zunächst, lässt sich jedoch vom Vater des Mörders überreden. Als sie nach ihrer falschen Aussage statt des erwarteten persönlichen Geschenks 100 Dollar als Anerkennung erhält, weiß sie, dass sie die Betrogene ist. Sie verbirgt den flüchtigen Schwarzen, gibt ihm eine Waffe, doch der Farbige ist unfähig, auf einen Weißen zu schießen. 1949 hat das Stück in den Hamburger Kammerspielen seine deutschsprachige Premiere.
  • Erscheinungsjahr: 1948
  • Veröffentlicht: Frankreich
  • Verfasser:
    Sartre
    , Jean-Paul
  • Deutscher Titel: Die schmutzigen Hände
  • Original-Titel: Les mains sales
  • Genre: Drama in sieben Bildern
Der Philosoph, Dramatiker, Essayist und Romançier Jean-Paul Sartre (* 1905,  1980), der Begründer des Existenzialismus, Literaturnobelpreisträger 1964 (von Sartre nicht angenommen), setzt sich zwar gegen eine politisch einseitige Interpretation seines Dramas »Die schmutzigen Hände«, das am 2. April im Théátre Antoine in Paris uraufgeführt wird, zur Wehr. Aber die These der tendenziellen Unvereinbarkeit von politischem Handeln und moralischer Integrität wird während des Kalten Kriegs in der westlichen Welt, in der das Stück ein grandioser Erfolg wird, dennoch aufgegriffen, um antikommunistische Propaganda zu treiben. Schauplatz ist der fiktive Balkanstaat Illyrien, in dem auf Weisung Moskaus während des Zweiten Weltkriegs die Linie der kommunistischen Partei revidiert werden muss. Der idealistische bürgerliche Intellektuelle Hugo soll den Parteisekretär Hoederer ermorden, um sich vom Makel seiner bürgerlichen Herkunft reinzuwaschen. Er wird Sekretär dieses skrupellosen Parteisekretärs, der nicht davor zurückscheut, sich die Hände schmutzig zu machen, zögert den Mord jedoch immer weiter hinaus, je mehr er Hoederer schätzen lernt, einen Mann, der davon überzeugt ist, dass politisches Handeln und die von Hugo geforderte Reinheit der Idee einander ausschließen. Erst als Hugo seine Frau in den Armen Hoederers findet, tötet er ihn. Nun wird Hoederer von Moskau rehabilitiert, der Mord wird von der Justiz als Eifersuchtstat hingestellt. Hugo jedoch besteht darauf, nicht im Affekt gehandelt, sondern den Mord im Auftrag der Partei begangen zu haben. Damit ist Hugo für die Partei nicht mehr »verwendungsfähig«, er muss liquidiert werden. Zahlreiche Einzelheiten des Stücks entsprechen der Geschichte des russischen Revolutionärs und Politikers Leo D. Trotzki (Hoederer), der 1940 im Exil in Mexiko ermordet wurde. Die deutschsprachige Erstaufführung findet am 6. November im Schauspielhaus Zürich statt.
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