wissen.de
Total votes: 51
wissen.de Artikel

Literaturtourismus: Auf der Spur der Romanhelden

...

Reisegruppe in Dublin
Auf den Spuren von Leopold Bloom aus James Joyce` „Ulysses“ ist eine Gruppe Literaturreisender in Dublin unterwegs.
Wer sind die Literaturtouristen?

Obwohl die Gruppen insgesamt eher bunt durchmischt sind, hat Knipp doch einige Merkmale von typischen Literaturtouristen festgemacht: Sie sind vorwiegend weiblich, zwischen 40 und 60 Jahre alt und bringen meist einen gewissen Bildungshintergrund mit. "Es sind aber immer wieder auch Menschen dabei, die den zugrundeliegenden Roman gar nicht gelesen haben", stellt die Expertin fest. "Vor allem, wenn es sich um einen anspruchsvollen Text wie Joyce´ 'Ulysses' handelt."

Auch diese Nichtleser wollen Teil der Kultur sein und sich mit Literatur auseinandersetzen, wie Knipp vermutet. Sie sieht im Literaturtourismus daher große Chancen für eine neue, andere Art der Literaturvermittlung: "Wer einmal vor Ort war und über die Besichtigung der Schauplätze einen Zugang gefunden hat, greift anschließend vielleicht doch noch zum Roman, um das Erlebte nachzulesen."

Platform 9¾ in der Londoner King's Cross Station.
Im Londoner Bahnhof King's Cross wurde an der Mauer zwischen Gleis 4 und 5 ein Schild mit der Beschriftung „Platform 9¾“ angebracht.
Wenn Geschichten Gestalt annehmen

Doch nicht nur für die kulturelle Bildung erscheint der Literaturtourismus vielversprechend. Knipp sieht darin auch aus wirtschaftlicher Perspektive ein interessantes Phänomen. "Ländliche Regionen wie die Eifel gewinnen so ganz neue Möglichkeiten der Vermarktung", erklärt sie. Vielerorts wurden sogar schon fiktive Roman-Welten nachgebaut und damit in die Realität geholt. So ist im Buddenbrook-Haus beispielsweise ein Bereich exakt so eingerichtet, wie in Thomas Manns berühmtem Gesellschaftsroman beschrieben.

Ein anderes Beispiel findet sich am Londoner Bahnhof King's Cross: Dort ist an einer Wand eine Tafel mit der Aufschrift "Platform 9 ¾" angebracht, in Anlehnung an den Eingang in die magische Welt aus den Harry Potter Romanen. Zudem ist dort ein halber Gepäckwagen so an die Mauer montiert, als hätte ihn jemand durch den Stein geschoben, um auf die "andere Seite" zu kommen - genauso wie Autorin J. K. Rowling es in ihren Büchern beschrieben hat.

Schild mit Hinweis auf Adresse 221b Baker Street
Das Schild verweist auf das Sherlock Holmes Museum am Ende der Straße.
Die Bakerstreet 221b in London existiert sogar nur aufgrund der Sherlock Holmes-Romane von Arthur Conan Doyle. Zu dessen Lebzeiten endete die Straße bereits bei Hausnummer 100. Erst seit 1990 gibt es eine "offizielle" Bakerstreet 221b: Sie prangt am Sherlock Holmes Museum am Ende der Straße  - und liegt unlogischerweise zwischen den Hausnummern 237 und 241.

 

Literatur als Event

"Klassische Autoren- und Dichterhäuser wie das Goethehaus in Frankfurt zu besichtigen, ist nichts Neues. Sie werden schon seit dem 19. Jahrhundert touristisch vermarktet", erzählt Knipp. "Doch durch den Nachbau fiktiver Welten ergeben sich weitere, literatur-museale Konzepte. Dieser Ansatz ist relativ neu. Und er bietet ein enormes Potenzial."

Besondere Publikumsmagnete sind vor allem Geschichten, die zu einer Art "Schnitzeljagd" verführen, während der wir die Handlung direkt vor Ort noch einmal nachverfolgen können. Dabei laden nicht nur Ermittlungen von Eifel-Journalist Siggi-Baumeister oder Dedukionslegende Sherlock Holmes zu solchem "Entlanghangeln" an Literaturschauplätzen ein.

Ausschnitt der Fassade der Kathedrale Notre-Dame de Paris
Dan Brown hat in seinem Roman „Da Vinci Code“ das echte Paris immer wieder seinen Bedürfnissen angepasst. Auf Führungen bilden gerade die Hinweise auf Browns Irrtümer den größten Reiz.
Auch die moderne Bellistrik weiß den wachsenden Trend zu Literatour-Reisen geschickt aufzugreifen. Das wohl bekannteste Beispiel sind die Romane Illuminati, Sakrileg und Co. von Dan Brown. Dort löst der Protagonist Robert Langdon unter anderem in Rom verzwickte Rätsel, die ihn von einem Schauplatz zum nächsten führen.

Auf eigens angebotenen Führungen können seit einigen Jahren nun auch begeisterte Leser den, nicht immer ganz ernstzunehmenden, Verschwörungstheorien des Autors folgen. Denn was könnte spannender sein, als selbst in die Gassen und Gebäude einzutauchen, in denen die Helden unserer Lieblingsbücher ihre Abenteuer erleben?

CLU, 11.05.2017
Total votes: 51