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Nikkō - Japan in Technicolor

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Tōshōgū-Schrein - barocke Farb- und Formenfülle

Die Pilgerstraße führt weiter zum Tōshōgū-Schrein, dem bedeutendsten Heiligtum von Nikkō. Die Anlage dient der Verehrung Tokugawa Ieyasus, des Begründers des Tokugawa-Shogunats und Einiger des feudalen Japans. Die historische Figur findet sich auch in dem Roman „Shogun“ von James Clavell wieder, in der Ieyasu als fiktiver Shogun Toranaga porträtiert wird.

Das anfangs schlichte Mausoleum wurde von Ieyasus Enkel, dem dritten Shogun Iemitsu, zu einem spektakulären Komplex ausgebaut. Die Gebäude entstanden zu einer Zeit, da Architektur und Kunsthandwerk nach einem langen Bürgerkrieg wieder in höchster Blüte standen. An der Errichtung des Schreins sollen insgesamt 15.000 Handwerker beteiligt gewesen sein. Da die Bauten regelmäßig restauriert werden, muss man, wie am Kölner Dom, immer mit störenden Baugerüsten rechnen.

Ausgangspunkt für die Erkundung des Schreins ist die Treppe der Tausend (Sennin-ishidan),  früher der äußerste frei zugängliche Punkt der Anlage. Links der Treppe steht eine prächtige fünfstöckige Pagode, deren Dächer von unten nach oben die fünf Elemente symbolisieren: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Himmel.

Am Austritt der Treppe durchschreitet man ein riesiges Stein-Torii und gelangt oberhalb einer weiteren Treppe zum Haupttor Nio-mon, dem Eingang zum Hof mit den drei Schatzhäusern und dem Stall für die heiligen Pferde. Das obere Schatzhaus ist an der Giebelseite mit einem farbigen, geschnitzten Relief geschmückt, das zwei Elefanten zeigt und Kano Tanyu, einem der berühmtesten Künstler der Momoyama-Zeit, zugeschrieben wird. Da Elefanten damals in Japan unbekannt waren, musste der Künstler seine Fantasie zur Hilfe nehmen.

Drei berühmte Nichtstuer

Drei-Affen-Gruppe in Nikko
Berühmtes Trio

Die "Drei-Affen-Gruppe" am heiligen Stall des Tōshōgū-Schreins.

 

Der Pferdestall gegenüber den Speichern ist mit Affen-Darstellungen verziert, da Affen nach einem in China verbreiteten Glauben über die Gesundheit der Pferde wachen. Unter den Schnitzereien befindet sich auch das berühmte Drei-Affen-Motiv ("nichts (Böses) sehen, hören oder sagen"). Von hier ausgehend hat es sich als Symbol weltweit verbreitet. Während die drei Affen ursprünglich die Bedeutung „über Schlechtes weise hinwegsehen“ hatten, werden sie heute eher als „alles Schlechte nicht wahrhaben wollen“ interpretiert. Inzwischen sind echte Japanmakaken, die sich früher nur in den umliegenden Bergwäldern aufhielten, zu einem Problem geworden: Sie haben die Scheu vor den Menschen verloren, so dass sie auch in den Heiligtümern nach Nahrung suchen und die Besucher belästigen.

Auf der nächsten Ebene, dem mittleren Hof, erreicht man die buddhistische Honjidō-Halle mit dem "Brüllenden Drachen" (naki-ryū). Es handelt sich um ein großes Deckengemälde, das nach einem akustischen Effekt benannt wurde: Schlägt man zwei Hölzer unter dem Kopf des Drachen zusammen, so erklingt ein heller, durchdringender Ton. Ein Priester führt regelmäßig Demonstrationen für die Besucher durch.

Ein Kuriosum im mittleren Hof ist eine Bronzelaterne, die als Geschenk des niederländischen Königs ins Land gelangte. Die Gabe hat allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Das Wappen (Mon) des Tokugawa-Clans, die drei Malvenblätter, steht versehentlich auf dem Kopf!

Yomei-mon oder der Horror vacui in der Architektur

Yomeimon-Tor des Toshogu-Schreins in Nikko
Tor des Sonnenlichtes

Yomei-mon, das berühmteste Einzelbauwerk Nikkos. Beim Blick vom mittleren Hof durch das Tor erkennt man das dahinterliegende Karamon-Tor (Chinesisches Tor).

Am Eingang zum inneren Hof glänzt das prunkvolle Tor des Sonnenlichtes, Yomei-mon, das einst nur unbewaffnete, hochrangige Samurai durchschreiten durften. Das Tor hat den Beinamen "Higurashi-mon" (Tor der Dämmerung), der andeutet, dass faszinierte Betrachter hier verweilen, bis sie von Abenddämmerung überrascht werden. Die gesamte Oberfläche des zweistöckigen Baus ist mit Schnitzereien überzogen.

Ungewöhnlich ist die chinesische Motivwahl, die man so an älteren religiösen Gebäuden nicht findet. Auch wurden die üblichen buddhistischen Torwächter (Niō) in den Tornischen durch realistische Darstellungen japanischer Bogenschützen ersetzt. Sie stellen Minamoto no Yoritomo, den ersten Shogun, und Toyotomi Hideyoshi, den großen Rivalen Ieyasus, dar.

Im Inneren befindet sich eine fehlerhaft gearbeitete Säule, wodurch die Vollkommenheit des Bauwerks durchbrochen und der Neid böser Geister abgewehrt werden soll.

Jenseits des Tores liegt die Halle Mikoshi-gura, wo die bei Festlichkeiten verwendeten Tragschreine aufbewahrt werden; rechts die Halle der Kulttänze, Kagura-den. Den Zugang zum eigentlichen Schrein bildet das Tor Kara-mon. Auch dieses ist im chinesischen Stil gehalten, aber schlichter als das Yōmei-mon.

Innerhalb der Umfriedung steht das Hauptgebäude des Schreins. Es beherbergt den vergoldeten Schrein (gokuden), in welchem Tokugawa Ieyasu als „Gottheit, die den Osten erleuchtet“ verehrt wird.

Eine friedliche Katze

Nemuri-neko im Toshogu-Schrein in Nikko
Nemuri-neko

Schlafende Katze, eine Hidari Jingorō (1594-1634) zugeschriebene Schnitzerei im Tōshōgū-Schrein. Die Figur hat angeblich die Macht, Ratten und Mäuse fernzuhalten.

Rechts von der Haupthalle befindet sich das reichverzierte Tor Sakashita-mon, das nur vom Shogun durchschritten werden durfte. An einem Querbalken im Gang zum Tor befindet sich die bekannte Schnitzerei einer schlafenden Katze (Nemuri-neko), die Hidari Jingorō zugeschrieben wird. Es heißt, der Künstler habe mit dieser Darstellung auf den verschlagenen Charakter des Shoguns anspielen wollen, der sich gleich einer Katze gerne schlafend stellte, um dann überraschend zuzuschlagen. Zugleich gilt diese Katze aber als Symbol des Friedens und der Ruhe.

Über die sich anschließende, zweihundertstufige Steintreppe steigt man zum hinter dem Schrein gelegenen Mausoleum hinauf. Die sterblichen Überreste des Shoguns sind einer kleinen bronzenen Grabstupa eingeschlossenen, die, gemessen an der Umgebung, sehr bescheiden ausgefallen ist. Vor der Stupa befinden sich das Dreigerät (mitsu-gosoku) des buddhistischen Altarschmucks: Weihrauchgefäß, Kerzenständer und Blumenvase.

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KSA
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