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November – wozu die ganzen Trauertage?

Der November ist gespickt mit Totengedenktagen. Aber der Anlass geht an den Lebenden schnell vorbei – ein Kommentar zum November.

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Fühlen statt Gedenken: Novemberpogrome auf Twitter

Zerstörte Fensterscheiben vor jüdischen Geschäften nach der Reichspogromnacht November 1938
Novemberpogrome 1938

Zerstörte Fensterscheiben vor jüdischen Geschäften: Im November vor 75 Jahren gingen die Nazis mit brutaler Gewalt gegen Juden in Deutschland vor.

Dass es auch anders geht, haben in diesem November fünf Historiker auf Twitter gezeigt. Ihr Ziel: an die Novemberpogrome von 1938 zu erinnern, die in diesem Jahr 75 Jahre zurückliegen – ein Zeitraum, in dem Erleben längst Geschichte geworden ist und Zeitzeugen selten sind. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger und hehren Worten über Weltfrieden daherzukommen, haben sie über den Twitter-Account @9Nov38 die Chronologie der Ereignisse des Novembers 1938 live „nachgestellt“, ganz so, als würde dies alles gerade jetzt stattfinden.

Das liest sich dann zum Beispiel am 9. November kurz nach 23 Uhr so: „In Aachen hört Alex Matthes Geräusche in seiner Bäckerei, er vermutet Einbrecher. Tatsächlich ist es die SA, die alles verwüstet.“ Vierzig Minuten später: „Die Synagoge in Fulda wird angezündet.“ Kurz nach 2 Uhr morgens dann unter anderem diese Meldung: „Oelde: Ein Mädchen wird im Schlafanzug auf die Straße getrieben und dort mit Stöcken geschlagen, bis sie zusammenbricht.“

Der Effekt, den diese Mitteilungen in der Twitter-Timeline zwischen den vielen banalen Alltagsmeldungen haben, ist zutiefst verstörend, und genau das ist auch beabsichtigt. Dagegen verblassen nicht nur schulische Geschichtslektionen, sondern auch jeglicher staatlich oder kirchlich verordnete Novembertrauergedenktag. Und schon ist er da, der Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart.

Falls ihr also, liebe Kirchen und staatliche Feiertagsbeauftragte, in Zukunft eure Gedenktage besser nutzen möchtet: Macht die Anlässe der Gedenktage nachvollziehbar, anstatt sie nur in konturlosen Trübsalswolken ungenutzt verdampfen zu lassen! Holt die Trauer ins Leben zurück! Dann klappt es auch mit dem Erinnern und Lernen. 

von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios, November 2013
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