21.05.2015
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Parfüm: Düfte für die Sinne

Alles andere als schnuppe: Duftstoffe stimulieren die Sinne, beeinflussen das Wohlbefinden und das menschliche Verhalten. Patrick Süßkind treibt die Wirkung des Geruchs in seinem Roman "Das Parfum" auf die Spitze. Seine Hauptfigur Jean-Baptiste Grenouille, selbst gefangen in einem geruchslosen Körper, will das höchste aller Parfüme kreieren - und zwar aus den betörenden Gerüchen junger Mädchen.

Naseweise Erfahrungen

Einem Geruch kann man sich nicht entziehen: Mit jedem Atemzug strömen Duftsubstanzen zu den Sinneszellen in der Nasenschleimhaut. Der Geruchsinn dient - rein biologisch betrachtet - als Warnsinn. Ein süßer, würziger Duft signalisiert beispielsweise bekömmliches Essen, ein fauliges Odeur hingegen rät zur Zurückhaltung. Der Geruchsinn kann Tausende Duftverbindungen unterscheiden. Die Beurteilung, ob ein Duft als negativ oder positiv erinnert wird, hängt von individuellen Erfahrungen ab.

Düfte sind Emotionen: Die durch Geruchsreize ausgelösten Erregungen werden direkt an das Limbische System weiter geleitet. Neben der Verarbeitung von Geruchseindrücken wird von dieser Hirnregion auch das Gefühlsleben gesteuert. Somit kommt es beim Riechen direkt zu einer emotionalen Reaktion, die vom Großhirn kaum beeinflusst wird. Das Duftgedächtnis kann den Geruch und die dazugehörigen Emotionen speichern und wieder erinnern.

In den USA wird dieses Wissen schon lange eingesetzt. So mischen große Firmen verschiedene Düfte in ihre Klimaanlage, um die Mitarbeiter zu motivieren. Der Erfolg gibt ihnen Recht, denn sie konnten ihre Umsätze deutlich steigern. Auch Kaufhäuser bedienen sich dieser unbewussten Beeinflussung und locken mit einladenden Düften zum Geld ausgeben.


Rauch der Geschichte

Die heutige Bezeichnung "Parfüm" stammt vom lateinischen "per fumum", was so viel bedeutet wie "durch den Rauch". Denn lange Zeit wurden die Duftstoffe nur durch die Hitze des Feuers gelöst. Doch schon lange vor den Römern nutzen Sumerer und Ägypter wohlriechende Aromen. Räucherharze, Salben und Öle ehrten die Götter, galten aber auch als reines Luxusgut oder therapierten Patienten. Die Araber und Perser erfanden um 1200 den Destillierkolben und den Alkohol - eine wichtige Voraussetzung für die Herstellung von Duftstoffen.

Aromastoffe und Weihrauch wurden auch nach Europa importiert, hauptsächlich für medizinische und sakrale Zwecke. Parfüm im heutigen Sinne - eine Mischung aus Alkohol und ätherischen Ölen - wurde erstmals im 14. Jahrhundert hergestellt. Ein Jahrhundert später feierte das Duftwasser im reichen Italien rauschende Erfolge, auch die Franzosen liebten die Wohlgerüche. Venedig und Grasse wurden zu Parfüm-Kapitalen. Zur Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV zog man die wohlriechenden Essenzen der täglichen Morgentoilette vor. Anstatt sich zu waschen, wurde in Versailles und anderswo munter übersprüht.


Nach der Aufklärung wurden Düfte zunehmend zu Stimmungsmachern, sie verwöhnten die Sinne, galten als Erfrischung. 1792 entstand das Grundrezept des berühmten Kölnisch Wassers "4711", benannt nach der Nummer des Hauses der Mühlhens in der Glockengasse in Köln. Das "Eau de Cologne", der Parfüm-Klassiker schlechthin, war geboren. Orangenblüten, Lavendel, Rosenessenz und Sandelessenz bilden bis heute die Basis dieses Odeurs. Napoleon soll es so gemocht haben, dass er sich förmlich damit duschte.


Ab 1910 interessierten sich zunehmend Couturiers für Parfüme, deren Herstellung bis dato den Parfümeuren vorbehalten war. Coco Chanel war 1921 die erste Modedesignerin, die ihrem Label eine eigene Parfümlinie hinzufügte. Chanel No. 5 ist bis heute ein Klassiker. Ihr Beispiel machte Schule. Heutzutage hat fast jeder namhafte Couturier auch seine eigenen Düfte und selbst Turnschuhhersteller tun es ihnen gleich.


Herstellung und Inhalte

Parfüme bestehen aus pflanzlichen, tierischen und chemischen Duftstoffen, die in Alkohol gelöst werden. Manche Sommerdüfte verzichten auf diese Zutat, da Alkohol sonnenstrapazierte Haut reizen kann. Ein weiterer Bestandteil sind die Aldehyde. Sie entstehen durch Wasserstoffentzug aus Alkoholen und lösen die unterschiedlichsten Geruchseindrücke aus - selbst solche, die mit natürlichen Stoffen nicht erzielt werden können.

Tierische Düfte sind Ambra, Castoreum, Moschus und Zibet. Sie riechen in ihrer Urform alles andere als verführerisch: Ambra wird aus den Ausscheidungen des Pottwals gewonnen, Zibet ist das Markierungssekret der Zibetkatze. Castoreum und Moschus sind die Geschlechtssekrete von Biber und Moschusrind. Ambra und Moschus werden heutzutage ausschließlich synthetisch hergestellt. Auch für Zibet und Castoreum gibt es künstliche Ersatzstoffe. Darüber hinaus verwenden die Duft-Designer allerlei Blüten, beispielsweise Rosen, Lavendel, Jasmin oder Maiglöckchen. Gewürze wie Kümmel, Ingwer, Fenchel, Pfeffer oder Vanille kommen ebenso zum Einsatz wie die Küchenkräuter Pfefferminze, Salbei, Thymian und Rosmarin. Besonderer Liebling der Parfümeurs ist der Orangenbaum, denn er gibt besonders viel her: Aus den Blüten gewinnt man Neroliöl, aus den Fruchtschalen Orangenöl, aus Blättern und Zweigen Petigrainöl.


Um die ätherischen Öle zu destillieren, haben Parfümeure im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Methoden entwickelt. Seit Urzeiten werden Duftstoffe durch Überbrühen oder Aufkochen mit Wasser gewonnen. Auch die Destillation mit Wasserdampf ist schon eine recht alte Methode. Schonender ist die Extraktion mit Lösungsmitteln, dies wird vor allem bei hitzeempfindlichen ätherischen Ölen gemacht. Durch die Extraktion werden neben den Duftstoffen auch Pflanzenwachse gelöst, sodass mit der so genannten "Essence Concrete" eine salbenartige Masse entsteht. Diese Pflanzenwachse müssen mit Hilfe von Alkohol abgetrennt werden. Übrig bleibt der reine Duftstoff, "Essence Absolue" genannt. Ein weiteres, uraltes Verfahren ist die Enfleurage. Dabei werden die Duftstoffe durch Fette herausgelöst. Diese Methode ist jedoch viel zu aufwändig und spielt heutzutage keine Rolle mehr. Viele Duftstoffe wie Vanillin- oder Veilchenaroma werden chemisch hergestellt.


Was ist was?

"Parfum", "Extrait", "Eau": Alle Begriffe bezeichnen das weitläufig unter "Parfüm" bekannte Duftwasser. Es enthält 15 bis 30 Prozent Duftextrakt, gelöst in Alkohol. Der Rest wird mit Wasser aufgefüllt. "Eau de Parfum" - auch "Parfum de Toilette" genannt - enthält acht bis 15 Prozent des duftenden Extrakts, etwa gleich viel findet man auch beim "Eau de Toilette". "Eau de Cologne" birgt nur noch vier bis acht Prozent. Das männliche Pendant zum Eau de Cologne ist das "After Shave", hier kommen noch hautpflegende Wirkstoffe hinzu.


Die duftende Wirkung eines Parfüms durchläuft drei Stadien: Die Kopfnote ist der Duft, den man direkt nach dem Auftragen wahr nimmt. Diese Aromen verflüchtigen sich sehr schnell. Danach erschnuppert man die Herznote. Sie prägt die eigentliche Komposition eines jeden Parfüms. Dieser Geruch bleibt lange Zeit auf der Haut haften. Die Basisnote, auch Fond genannt, besteht aus anhaltenden Duftstoffen, die das Parfüm im Ganzen abrunden. Dieser Geruch haftet noch an Haut und Haar, wenn die Herznote schon lange verflogen ist.

Claudia Haese