21.05.2015
You voted 4. Total votes: 121
wissen.de Artikel

Chronik: Zwei Tage im Juni

Als die Bauarbeiter auf der Ostberliner Stalinallee am Morgen des 16. Juni die Arbeit niederlegen, ahnt kaum einer von ihnen, dass sie damit das Signal zu einem landesweiten Aufstand gegen die SED-Herrschaft geben würden. 24 Stunden später haben sich in der ganzen DDR Streikkomitees gebildet, und die Arbeiterproteste gegen die Normenerhöhung weiten sich mehr und mehr zu einem Kampf für Freiheit und Demokratie und gegen das kommunistische Regime aus. In über 200 Orten der DDR wird gestreikt, in über 70 Städten geht der Streik in eine Revolte über. Am Abend des 17. Juni ist der Aufstand fast überall niedergeschlagen. Die folgende Chronologie konzentriert sich auf das Geschehen in Ostberlin.

Der Aufstand beginnt

Dienstag, 16. Juni, 7.00 Uhr: Bei Arbeitsbeginn ist die Stimmung unter den Bauarbeitern auf der Ostberliner Stalinallee explosiv: Die Ende Mai verordnete zehnprozentige Normenerhöhung soll hier an diesem Morgen in Kraft treten. Am Tag zuvor war es aus diesem Grund auf Block 40 zu einer ersten Arbeitsniederlegung gekommen.

8.00 Uhr: Die Bauarbeiter auf Block 40 in der Stalinallee beschließen, in den Streik zu treten. 80 Arbeiter formieren sich zu einem ersten Protestzug. Kollegen von anderen Baustellen solidarisieren sich mit den Streikenden und schließen sich der Demonstration an.

9.30 Uhr: Etwa 3000 Bauarbeiter haben inzwischen die Arbeit niedergelegt. Mit dem Transparent “Wir Bauarbeiter fordern Normensenkung“ marschieren sie in Richtung Alexanderplatz/Unter den Linden und von dort zum Regierungssitz in der Leipziger Straße. Auf dem Weg schließen sich immer mehr Passanten den Streikenden an.

Normen zurückgenommen

Zur gleichen Zeit, also noch am Morgen des 16. Juni, beschließt das Politbüro der SED, die umstrittene Normenerhöhung zurückzunehmen. Die Nachricht von dem eilig gefassten Beschluss führt jedoch nicht zur Beruhigung der Lage. Die Arbeiter wollen SED-Chef Walter Ulbricht und Ministerpräsident Otto Grotewohl sprechen, diese zeigen sich aber nicht. Die Demonstranten gehen nun zu politischen Parolen über. Sie fordern den Rücktritt der Regierung Ulbricht und freie Wahlen.

15.00 Uhr: Die Demonstranten beginnen den Rückmarsch zur Stalinallee und kündigen für den nächsten Tag den Generalstreik an. Lautsprecherwagen der Regierung verkünden vergeblich die Rücknahme der Normenerhöhung.

17.00 Uhr: Nach der Auflösung der Demonstration bilden sich überall in Ostberlin kleinere Gruppen, die über den für Mittwoch geplanten Streik diskutieren. Agitatoren der SED versuchen vergeblich, den Unmut der Bevölkerung zu besänftigen.

RIAS sendet Streikforderungen

19.30 Uhr: Über den Westberliner Rundfunksender RIAS wird eine Resolution der streikenden Bauarbeiter verlesen: Sie fordern darin die Auszahlung der Löhne nach den alten Normen schon bei der nächsten Lohnzahlung, die sofortige Senkung der Lebenshaltungskosten, freie und geheime Wahlen sowie die Garantie, dass die Streikenden und ihre Sprecher nicht verfolgt werden. Den Aufruf zum Generalstreik verbreitet der RIAS aus rundfunkrechtlichen Gründen nicht. Der DDR-Rundfunk beschuldigt am Abend “westliche Agenten“, die Arbeiter aufgehetzt zu haben.

22.00 Uhr: Im Stadtzentrum von Ostberlin sind noch immer zahlreiche Demonstranten versammelt. Sie skandieren “Nieder mit der SED“ und reißen kommunistische Plakate ab. Die Stimmung wird zunehmend aggressiver. Es kommt zu Schlägereien. In der Nacht bilden sich in allen größeren Betrieben Streikkomitees, die den Generalstreik vorbereiten. Die Volkspolizei und die sowjetischen Truppen werden unterdessen in Alarmbereitschaft versetzt.

Streikende formieren sich

Mittwoch, 17. Juni, 5.00 Uhr: Aus allen Teilen Ostberlins strömen die Arbeiter ins Stadtzentrum. Allein aus dem Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf im Norden Berlins brechen 12.000 Arbeiter zum Marsch in die Innenstadt auf.

7.00 Uhr: In fast allen Betrieben wird gestreikt. Rund 40.000 Menschen ziehen in Richtung Alexanderplatz/Unter den Linden.

9.00 Uhr: Auf dem Alexanderplatz treffen die ersten sowjetischen Panzerspähwagen ein. Es kommt zu Tumulten, bei denen ein Arbeiter von einem Militärfahrzeug überrollt und getötet wird. Immer mehr Menschen versammeln sich im Stadtzentrum. SED-Parteilokale und Zeitungskioske werden in Brand gesteckt, Schaufensterscheiben der staatlichen HO-Geschäfte eingeschlagen und Autos von SED-Funktionären und Regierungsmitgliedern umgestürzt.

10.00 Uhr: Der Hauptzug der Demonstranten, etwa 50.000 Menschen, zieht durchs Brandenburger Tor und weiter Richtung Regierungssitz. der von einem fünfreihigen Polizeikordon abgesperrt ist. Es kommt zu tätlichen Auseinandersetzungen.

11.00 Uhr: Demonstranten holen die auf dem Brandenburger Tor gehisste rote Fahne herunter und zerreißen sie unter lautem Jubel. Vereinzelt sind die ersten Schüsse zu hören.

Ziegelsteine gegen Panzer

12.30 Uhr: Auf dem Alexanderplatz und an den anderen Zentren des Aufstands sind mehr als 40 sowjetische Panzer vom Typ “T 34“ aufgefahren. Ziegelsteine fliegen gegen die Panzer. Einzelne Demonstranten versuchen, die Panzer zu erklettern und Antennen abzubrechen. Sowjetsoldaten und DDR-Volkspolizisten beginnen, mit Maschinengewehren und Gewehren zu feuern.

13.00 Uhr: Der sowjetische Stadtkommandant General Pawel T. Dibrowa verhängt den Ausnahmezustand über Berlin (Ost). Lautsprecherwagen verkünden, dass Ansammlungen von mehr als drei Personen unter freiem Himmel und in öffentlichen Gebäuden verboten sind. Mit Johlen und Pfiffen reagieren die Demonstranten auf die Durchsagen.

13.30 Uhr: Sowjetische Soldaten und Einheiten der Volkspolizei beginnen, die Demonstrationen gewaltsam zu zerstreuen. Im Regierungsviertel fahren Panzer in die Menschenansammlungen hinein. Überall fallen Schüsse, es gibt Tote und Verletzte.

14.00 Uhr: Die vor dem Regierungssitz in der Leipziger Straße demonstrierende Menge weicht vor den anrollenden Panzern und dem Feuer der Maschinengewehre zurück. Ein Teil zieht in Richtung Brandenburger Tor, wo sechs Arbeiter versuchen, die schwarzrotgoldene Fahne zu hissen. Sie werden beschossen, können aber in den Westen fliehen.

16:00 Uhr: Die Demonstrationszüge werden mehr und mehr zerstreut, doch einzelne Protestaktionen dauern noch bis zum späten Abend. Dabei gehen u.a. das Columbus-Haus und das Café Vaterland am Potsdamer Platz in Flammen auf. Als klar ist, dass der Aufstand niedergeschlagen wird, eskaliert der Unmut der Demonstranten noch einmal. Viele SED-Anhänger können sich nur durch die Flucht in den Westsektor der Stadt vor der aufgebrachten Menge retten. Auch der stellvertretende Ministerpräsident der DDR, Otto Nuschke, dessen Auto in den Westsektor abgedrängt wird, muss den Schutz der Westberliner Polizei suchen.

Das Ende

17.00 Uhr: Der DDR-Rundfunk sendet eine von Ministerpräsident Otto Grotewohl unterzeichnete Regierungserklärung. Grotewohl fordert die Bevölkerung darin auf, der Wiederherstellung der Ordnung zu unterstützen. Die Schuldigen des Aufstands würden zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Verantwortlich seien Provokateure und ausländische Agenten.

19.00 Uhr: Der Arbeiteraufstand ist niedergeschlagen. Gesicherte Angaben über die Zahl der Opfer gibt es nicht. Die DDR-Regierung nennt 21 Tote und 187 Verletzte. 18 Menschen werden standrechtlich erschossen, drei weitere später hingerichtet. Mindestens 1400 Teilnehmer der Demonstrationen werden zu Gefängnisstrafen verurteilt.