21.05.2015
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Vereinigte Staaten von Amerika: Von der Reconstruction bis zum Ende des Kalten Kriegs

Reconstruction (1865-1877) 

Nach der Ermordung Lincolns durch einen fanatischen Südstaatler versuchte Präsident Andrew Johnson (1865-1869), eine Politik des Ausgleichs zu betreiben, die allerdings der von radikalen Republikanern beherrschte Kongress durchkreuzte. Dieser sorgte dafür, dass die Wirtschafts- und Sozialstruktur des Südens zerschlagen wurde und republikanische Parteigänger in Regierungsämter kamen. Gleichzeitig wurden die Abschaffung der Sklaverei und die Bürgerrechte für Schwarze in der Verfassung verankert (13.-15. Amendment). Die Befreiung brachte den schwarzen Bürgern jedoch nur geringe Vorteile, da, ausgehend vom Norden, die soziale Diskriminierung durch den Rassismus an die Stelle der persönlichen Entrechtung während der Sklaverei trat und sich radikalisierte: 1866-1872 organisierten sich in den Südstaaten Geheimbünde (u. a. der Ku Klux Klan), die Schwarze und weiße Politiker terrorisierten und ermordeten. Zum Teil konterkarierten auch Einzelstaaten durch eine gesetzlich sanktionierte Rassentrennung die bundesstaatlichen Verfassungsbestimmungen und verhinderten so die Integration der farbigen Bevölkerung.

Außenpolitisch fielen in diese Periode die letzten großen Gebietserwerbungen und Grenzklärungen: Die USA erhielten im Wesentlichen ihren heutigen Umfang. 1853/54 kamen mit einem amerikanisch-mexikanischen Vertrag südliche Teile Arizonas und Neu Mexikos in US-Besitz (Gladsden Purchase), 1867 kauften die USA von Russland Alaska. Die Durchdringung des ostasiatischen Raumes begannen die USA mit der erzwungenen Öffnung des japanischen Marktes 1854, der der Erwerb erster pazifischer Stützpunkte folgte (Midway-Inseln 1867, Hawaii 1875, Samoa 1878). Zugleich dehnten sie ihren Einfluss in Mittelamerika weiter aus.

Industrialisierung und Expansion (1877-1914)

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jhs. setzte ein tief greifender Wandel in Wirtschaft, Sozialstruktur und Außenpolitik ein, der durch wechselseitig bedingte Prozesse in Gang kam: Ein überproportionaler Anstieg der Bevölkerung, den die Masseneinwanderung verursachte, trug die "Frontier" an den Pazifik, bis 1890 waren die letzten Gebiete erschlossen. Mit der Westwanderung und dem weiteren Ausbau der transkontinentalen Eisenbahnlinien (erste Ost-West-Verbindung 1869) wurden die letzten Indianerstämme ausgerottet oder in Reservaten zusammengedrängt.

Die hohe Einwanderungsquote führte zu einem Wachstum der Industrie, die einen gigantischen Binnenmarkt bediente und durch hohe Importzölle geschützt war. Die Städte wiesen ungeheure Wachstumsraten auf und waren Zentren des technologischen Fortschritts: So zählte Chicago 1840 etwa 4500 Einwohner; 1890 waren es über 1 Mio. Das Home Insurance Building 1885 war der erste Wolkenkratzer der Welt, und den Chicago-River bettete man mit umgekehrter Strömungsrichtung für die von 23 Mio. Menschen besuchte Weltausstellung 1893 kurzerhand um.

Die dynamische Entwicklung, von der insbesondere die Schwerindustrie profitierte, gefährdeten zeitweise konjunkturelle Einbrüche (1873-1878, 1882 bis 1885, 1893-1897), die die Kapitalkonzentrationen in Form von Trusts, Pools und Holdings noch verstärkten. Die Landwirtschaft hingegen erlebte eine von Verschuldung, Überproduktion und Absatzschwierigkeiten gekennzeichnete Strukturkrise. Diese gesamtwirtschaftliche Entwicklung öffnete die soziale Schere, so dass weite Bevölkerungsschichten verarmten. Soziale und ab 1900 durch Zuwanderung aus China auch rassisch geprägte Konflikte waren die Folge, die z. T. durch Truppeneinsatz blutig niedergeschlagen wurden.

Die US-Außenpolitik ging zur Jahrhundertwende in eine Phase des aggressiven "Dollarimperialismus" über, der mit einer Erweiterung des territorialen Geltungsbereichs korrespondierte. So ergriffen die USA die Gelegenheit, den kubanischen Aufstand von 1895 für ihre Zwecke auszunutzen und nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 das restliche spanische Kolonialerbe im karibischen und pazifischen Raum unter dem Deckmantel der Monroe-Doktrin anzutreten. Darüber hinaus erhoben die USA Anspruch auf einen mittelamerikanischen Kanal und begannen mit der wirtschaftlichen Durchdringung des gesamten lateinamerikanischen Marktes (u. a. durch die United Fruit Company), den sie von äußeren und inneren Einflüssen abzuschirmen suchten. Zahlreiche Interventionen in lateinamerikanischen Staaten bis in die 1920er Jahre bestätigten die Hegemonie der USA im amerikanischen Großraum.

Die Perioden der Weltkriege (1914-1945)

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges blieben die USA zunächst neutral, um einen "Frieden ohne Sieger" zu vermitteln. Die Sympathien der englisch-geprägten Oberschicht galten aber den Westalliierten, und die Wiedereröffnung des uneingeschränkten U-Bootkriegs durch das Deutsche Reich 1917 provozierte die USA in den Krieg gegen die Mittelmächte. Präsident Woodrow Wilson (1913-1921) führte ihn - wohl ehrlich durchdrungen von seiner "Mission" - als "Kreuzzug für die Demokratie", natürlich nach dem Muster der USA. Auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 konnte er sich mit seinem 14-Punkte-Programm (1918) nicht durchsetzen, das eine friedenssichernde Weltordnung auf Basis des Völkerbundes vorsah. Der Senat lehnte zudem die Ratifizierung des Versailler Vertrages und damit den Eintritt in den Völkerbund ab und verhalf dem Isolationismus zum Sieg. Finanziell blieben die USA hingegen als größtes Gläubigerland in Europa engagiert und bemühten sich, die Zahlungsfähigkeit Deutschlands mittels der von Charles Gates Dawes (1924) und Owen D. Young (1929) vorgelegten Pläne aufrechtzuerhalten, um die Rückzahlung der Kriegskredite durch Großbritannien und Frankreich über die deutschen Reparationen nicht zu gefährden. Zudem engagierten sich die USA in der Abrüstungsfrage (Washingtoner Flottenabkommen 1922), womit sie sich bereits gegen das aufstrebende Japan richteten.

Mit der Weltwirtschaftskrise 1929, ausgelöst durch den New Yorker Börsenkrach, ging die Periode eines langanhaltenden, glänzenden Aufschwungs zu Ende, der allen sozialen Schichten - außer den Farbigen und den Indianern - eine Periode bisher ungekannten Wohlstands gebracht hatte. Der überraschende Zusammenbruch der Wirtschaft mit den verheerenden Folgen für die Beschäftigung beendete die "roaring twenties".

Der Krise setzte Präsident Franklin Delano Roosevelt (1933-1945) mit dem "New Deal" eine aktive Wirtschafts- und Sozialpolitik entgegen. Zwar blieben die Erfolge hinter den Erwartungen zurück, doch die Investitionsprogramme induzierten eine Aufbruchsstimmung, die Roosevelt 1936 zur Wiederwahl verhalf. Gegenüber dem sich in Europa ausbreitenden Faschismus forderte Roosevelt einen aktiven Kurs (Quarantäne-Rede 1937), konnte ihn aber im Kongress gegen die Isolationisten nicht durchsetzen. Viele Deutschstämmige sympathisierten zunächst mit den "Erfolgen" des Nationalsozialismus, und Kongress wie große Teile der Bevölkerung hielten das expandierende Japan für den eigentlichen Gegner der USA. Entsprechend vollzog sich der Kriegseintritt des mächtigsten Staates der Welt in den Zweiten Weltkrieg erst 1941, nachdem Japan die US-Flottenbasis Pearl Habor angegriffen hatte.

Aus der Anti-Hitler-Koalition ging nach den Triumphen über Deutschland und Japan 1945 die UNO hervor, die den Völkerbund ablöste.

Wegweisend für die Nachkriegszeit und die moderne Welt war die Entwicklung der Atombombe in den US-Labors. Ihr Abwurf auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 zwang den letzten Kriegsgegner Japan endgültig in die Knie und eröffnete das atomare Zeitalter in der Weltpolitik.

Die Nachkriegsentwicklung (1945-1989)

Aus der Unvereinbarkeit der Vorstellungen einer Friedensgestaltung entwickelte sich der Kalte Krieg zwischen den "Supermächten" Sowjetunion und USA, der den Isolationismus der USA endgültig zugunsten einer weltweiten Bündnis- und Wirtschaftspolitik beendete: Dazu gehörten die Gründung der Verteidigungsbündnisse NATO 1949, SEATO 1954 und Bagdadpakt 1955, sowie der Wirtschaftsinstrumente des Internationalen Währungsfonds 1945 und des GATT 1947. Die neue Außenpolitik formulierte Präsident Harry S. Truman (1945-1953) mit der Truman-Doktrin 1947. Sie wurde in Europa ökonomisch unterstützt durch den Marshall-Plan, der über Wiederaufbauhilfen die Eingliederung der Nehmerländer in den westlichen Bündnisbereich sicherte. Im Koreakrieg (1950-1953) stellten sich die USA erstmals militärisch gegen die Ausbreitung des Kommunismus.

Innenpolitisch hatte der Kalte Krieg eine massive Kommunistenverfolgung unter der Ägide Joseph R. McCarthys zur Folge. Durch den McCarthyismus wurden 1950-1955 tausende tatsächlicher und vermeintlicher Kommunisten stigmatisiert und in Armut, Exil oder Selbstmord getrieben.

Die Erfahrung der Kommunistenhetze stärkte die Bürgerrechtsbewegung, die unter Präsident Dwight D. Eisenhower (1953-1961) eine Abschwächung der Rassendiskriminierung erreichte (Aufhebung der Rassentrennung an Schulen 1954, Civil Rights Act 1957). Eine besonders wichtige Figur im Kampf der Afroamerikaner um ihre Bürgerrechte war der Baptistenpfarrer Martin Luther King, der 1963 in seiner berühmt gewordenen Rede “I have a dream...“ in Washington D.C. das Ende der Rassendiskriminierung beschwor.

Präsident John F. Kennedy (1961-1963) führte die Integrationsgesetzgebung für Farbige fort und proklamierte für die US-Gesellschaft den Aufbruch zu einer neuen, innneren "Frontier". Sinnfälligster Ausdruck seiner Politik war die Förderung der US-Raumfahrt, die 1969 den "Wettlauf zum Mond" gegen die UdSSR gewann. Die Kuba-Krise 1962 bildete den Höhepunkt der Spannungen zwischen den Nuklearmächten. Nach ihrer Überwindung leiteten das bedingte Abkommen über Kernwaffenversuche 1963, das Konsularabkommen mit der UdSSR 1967 und der Atomwaffensperrvertrag 1968 die Phase der Entspannung ein.

Parallel vollzog sich seit 1965 unter dem Nachfolger des 1963 ermordeten Kennedy, Präsident Lyndon B. Johnson (1963-1969), die direkte Intervention der USA in den Vietnamkrieg. Die Verluste und Misserfolge zerbrachen den gesellschaftlichen Konsens, indem sie die US-Bevölkerung in konservative Befürworter und Anhänger von teilweise radikalen Protestgruppen spaltete, die auch den "American Way of Live" per se in Frage stellten.

Präsident Richard M. Nixon (1969 bis 1974) beendete das direkte Engagement in Vietnam und zog 1973 die US-Truppen ab ("Vietnamisierung" des Krieges). Als Erbe blieb ein massiver Vertrauensverlust der Gesellschaft in die eigenen nationalen Kräfte, aber auch in moralische Integrität und Anspruch der Regierung, gesteigert noch durch die Watergate-Affäre, die Nixon 1974 zum Rücktritt zwang. Nixons Entspannungsbemühungen im Kalten Krieg, gekrönt von der Normalisierung der Beziehungen zu China und den Rüstungsbeschränkungen mit der Sowjetunion (SALT I 1972), setzten die Präsidenten Gerald R. Ford (1974-1977) mit der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki 1975 und James E. Carter (1977-1981) mit dem Abschluss der SALT II-Verhandlungen fort. Die Entspannungsära endete mit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979. Der Republikaner Ronald W. Reagan (1981-1989) verkörperte die Hoffnung auf die Rückgewinnung der Weltmachtstellung und Überwindung der Wirtschaftskrise. Truppeneinsätze der USA im Libanon (1982/83), auf Grenada (1983) und später - unter seinem Nachfolger George Bush (1989-1993) - in Panama 1989/90 sollten die erneute militärische Präsenz und Stärke der US-Streitkräfte signalisieren. Massiv unterstützten die USA nunmehr antikommunistische Regierungen, seien sie demokratisch oder diktatorisch. Selbst illegale Waffenverkäufe, wie sie die Iran-Contra-Affäre ans Licht brachte, gehörten zu dieser Strategie.

Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes (seit 1989)

Die neue Ära der Entspannung, die den Ost-West-Konflikt in seiner alten Form mit dem Untergang der UdSSR beendete, empfing ihre Impulse jedoch nicht nur aus der US-amerikanischen Politik der Stärke, sondern auch vom sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow und seiner Reformpolitik.

Der Untergang des weltpolitischen Rivalen rückte innenpolitische Fragen wieder stärker ins Bewusstsein, auch wenn der Golfkrieg gegen den Irak 1991, die Haiti-Intervention 1994 und das Bosnien-Engagement 1995 die Kontinuität der aktiven Außenpolitik zeigten.

Die Reagan- und Bush-Jahre hatten gewaltige ökonomische Verwerfungen hinterlassen. Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte ließ infrastrukturelle und soziale Korrekturen nicht mehr zu.

Der demokratische Präsident Bill Clinton (1993-2000) gewann die Wahlen 1992. Erste Akzente setzte er in der Nahost-Politik mit der Vermittlung des Friedensabkommens zwischen Palästinensern und Israelis 1993 in Oslo. 1994 intervenierten die USA zugunsten des gestürzten haitianischen Präsidenten Aristide. Anschläge extremistischer Fanatiker auf das World Trade Center 1993 und ein Regierungsgebäude in Oklahoma 1995 gefährdeten die innere Sicherheit; weitere Anschläge galten den US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998.

Außenpolitisch erfolgreich war Clinton mit der Vermittlung des Friedens zwischen den Kriegsparteien im Bosnien-Konflikt (Dayton-Abkommen, 1995). Während der Kosovo-Krise beteiligten sich die USA am Luftkrieg gegen Jugoslawien. Seine Wiederwahl 1996 hatte Clinton wesentlich der günstigen ökonomischen Entwicklung im Innern zu verdanken, insbesondere dem starken Rückgang der Arbeitslosigkeit. In der Außenpolitik stand erneut der Nahe Osten im Mittelpunkt (Wye-Abkommen 1998/99, Verhandlungen in Camp David 2000).

Die Präsidentschaftswahlen 2000 gewann der Republikaner George W. Bush (Sohn des früheren Präsidenten George Bush) gegen den Demokraten Albert Gore. Die entscheidende Mehrheit im Wahlmännergremium erlangte Bush nach einem langwierigen juristischen Tauziehen um das Nachzählen der Wählerstimmen im Bundesstaat Florida.

Am 20. 1. 2001 wurde Bush als 43. Präsident der USA vereidigt. Am 11. 9. 2001 zerstörten Terroristen mit entführten Flugzeugen das World Trade Center in New York völlig und das Pentagon in Washington teilweise. Die hohe Zahl der Todesopfer rief weltweite Erschütterung hervor. Die USA machten den islamischen Extremisten Usama Bin Ladin und seine Terrororganisation Al Qaida für die Anschläge verantwortlich und forderten deshalb das afghanische Talibanregime auf, Bin Ladin auszuliefern. Gleichzeitig beschloss die Bush-Regierung einen weltweiten Feldzug gegen den Terrorismus. Am 7. 10. 2001 begann mit Luftangriffen gegen Einrichtungen der Al Qaida eine militärische Offensive gegen Afghanistan, die bis Dezember 2001 zum Ende der Talibanherrschaft führte. Zur Stärkung der inneren Sicherheit verabschiedete der US-amerikanische Kongress neue Anti-Terror-Gesetze. Im Rahmen einer umfassenden Strategie gegen den internationalen Terrorismus und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen setzte die Bush-Administration 2002 eine verschärfte UNO-Resolution über Waffeninspektionen im Irak durch. Nach monatelangen Kontroversen im UN-Sicherheitsrat gingen die USA gemeinsam mit Großbritannien im März/April 2003 militärisch gegen Irak vor und beendeten dort die Herrschaft Saddam Husseins. Der Aufbau demokratischer Strukturen in Afghanistan und Irak war von erheblichen Problemen begleitet. Ein weiterer außenpolitischer Konfliktherd für die USA bildete Nordkorea, das mit seinem Nuklearprogramm Sicherheit und Stabilität im asiatischen Raum gefährdete.

Bibliografie

Horst Dippel, Geschichte der USA. München 2002

Udo Sautter, Geschichte der Vereinigten Staaten. Stuttgart 1998