21.05.2015
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wissen.de Artikel

Piaget und seine Stadientheorie zur kognitiven Entwicklung

Biographie

Jean Piaget wurde am 9.8.1896 in Neuchâtel/Schweiz geboren. Bereits in jungen Jahren interessierte er sich vor allem für Mechanik und Natur, aber auch für Philosophie - Themengebiete, über die er auch Berichte abfasste. Im Anschluss an das Studium der Naturwissenschaften, das er 1918 mit der Promotion abschloss, studierte er Psychologie und Philosophie. In dieser Zeit lernte Piaget Théodore Simon kennen, einen Pionier der Entwicklung von Intelligenztests. Piaget arbeitete an der Standardisierung dieser Tests, war jedoch hauptsächlich daran interessiert, zu erfahren, welche Gründe und Denkprozesse den Antworten der Befragten zu Grunde lagen. Dabei reizte ihn die Testgruppe der Kinder besonders.

Dies war sein Einstieg in die Kinderpsychologie; Piaget veröffentlichte hierzu in der Zeit von 1926 bis 1932 insgesamt 40 Bücher und mehr als 100 Artikel. Sein Ziel war es, das Rätsel des kindlichen Denkens zu lösen. Hilfreich waren ihm hierbei die Beobachtungen seiner eigenen drei Kinder. Er verfasste die bekannteste Theorie zur kognitiven Entwicklung des Kindes, die andere Psychologen wesentlich beeinflusste (u.a. Lawrence Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung). Unter Kognition versteht man die Prozesse des Wahrnehmens, Schlussfolgerns, Erinnerns, Denkens und Entscheidens sowie die Gedächtnisstrukturen. Piaget starb am 16.9.1980 in Genf.

Einzelne Stadien der kognitiven Entwicklung im Überblick

Piagets Theorie beruht auf der genauen Beobachtung und Befragung von Kindern. Bedeutendste Vorgehensweise waren seine “Kettenfragen“, ein Wechselspiel von Frage und Antwort, bei dem sich die Fragen an den Antworten des Kindes orientierten. Über dieses Wechselspiel versuchte Piaget den Gedankengang des Kindes nachzuvollziehen, der den Antworten zu Grunde lag. Bei Kleinkindern entfiel die Frage-Methode; hier beobachtete Piaget ausführlich und führte mit den Kindern kleinere Experimente durch.

Piagets Theorie beinhaltet vier Stadien (auch Phasen oder Perioden genannt), die er weiter in Stufen unterteilte. Dabei wird grundsätzlich auf dem vorangegangenen, abgeschlossenen Stadium aufgebaut. Die Stadien sind einzigartig und bilden eine festgelegte, nicht veränderbare Reihenfolge. Die genannten Altersangaben sind jedoch als Richtwerte zu verstehen.

Sensomotorisches Stadium

(Geburt bis 2 Jahre)

Im sensomotorischen Stadium erwerben Kleinkinder ihr Wissen über die Welt durch ihren Körper mit Hilfe ihrer Wahrnehmung (sensorisches System) und Körperbewegung (motorisches System). Über das Verlangen, alles anfassen zu wollen, bauen sie ihr erstes “Weltbild“ auf. Ihr Verhalten richtet sich allein nach Instinkten und Reflexen.

Das sensomotorische Stadium ist in weitere sechs Stufen unterteilt:

In der Stufe der Reflexmodifikation (bis 1 Monat) besitzt der Säugling Reflexe (Saug-, Schluck-, Klammerreflex), die mit der Zeit an immer mehr Objekten befriedigt werden (z.B.: anfangs Saugen an der Brust der Mutter, später reicht die Auswahl der “saugbaren“ Gegenstände bis zum Kissenzipfel und Pulliärmel). In gleicher Weise nimmt das Unterscheidungsvermögen zu. So lässt sich nach einiger Zeit ein hungriger Säugling nicht mehr mit dem dargebotenen Finger ruhigstellen. Kennzeichen dieser Stufe ist, dass die anfänglichen Reflexe durch laufende Wiederholungen zu Verhaltensweisen ausgebildet werden, die weiter verstärkt, generalisiert und differenziert werden.

Die nächste Stufe wird als primäre Zirkulärreaktion (bis 4 Monate) bezeichnet: “Zirkulärreaktion“ bezieht sich darauf, dass das Verhalten ständig wiederholt wird; “primär“ verweist darauf, dass bei den Handlungen der eigene, kindliche Körper im Mittelpunkt des Interesses steht. Die in der vorherigen Stufe ausgebildeten Verhaltensweisen werden nun als Schema verfestigt. Der Säugling entdeckt, dass ein bestimmtes Verhalten für ihn ein interessantes Ereignis hervorbringen kann und versucht, dies zu wiederholen; oft ist dieses Ereignis mit Freude verbunden. Gelingt ihm die Wiederholung sehr häufig, spricht man von “Gewohnheit“. Daumenlutschen zum Beispiel tritt mit (oder sogar schon vor) der Geburt auf, entwickelt sich jedoch erst in dieser Stufe zu einem systematisch koordinierten Verhalten. Als weitere Beispiele nennt Piaget die aktive visuelle Entdeckung von Objekten und das Zuhören bei der eigenen Lautbildung.

Im Anschluss an die primäre Zirkulärreaktion folgt die Stufe der sekundären Zirkulärreaktion (bis 8 Monate), die durch den Versuch des Kindes charakterisiert ist, seine Welt mehr und mehr zu erkunden. Mittelpunkt ist nicht mehr der eigene Körper, sondern die “äußere Welt“. War vorher die Tätigkeit an sich interessant, so sind es nun die Auswirkungen auf die Umwelt. Einheitliche sekundäre Zirkulärreaktionen bezeichnet Piaget als “Vorgehensweise“, die darauf ausgerichtet ist, interessante Erscheinungen andauern zu lassen.

In der vierten Stufe (bis 12 Monate) werden sekundäre Verhaltensweisen geschaffen und eingeordnet; Piaget spricht von intentionalem (zielgerichtetem) Verhalten. Es entwickeln sich jetzt vor allem Planung und bewusstes Handeln. Eine sekundäre Verhaltensweise setzt sich aus einem oder mehreren Schemata sowie einer Zielhandlung zusammen. Kinder wissen bereits jetzt, was sie wollen und können durch Einsatz ihrer bisher erworbenen Fähigkeiten ihre Ziele auch erreichen. Weiteres Kennzeichen ist das Unterscheiden von Mittel und Zweck, z.B. bei der Verwendung von Gegenständen (Ziehen an einer Decke, um an den darauf liegenden Gegenstand zu kommen).

Die fünfte Stufe, die der tertiären Zirkulärreaktionen (bis 18 Monate), beschreibt das Kind als “Wissenschaftler“, seine Umwelt als “Labor“. “Tertiär“ bedeutet, dass zur Erfindung neuer Mittel in Dreier-Schritten vorgegangen wird: Handlung und Anwendungsschema (der sekundären Zirkulärreaktion) werden mit experimentellen Variationen verbunden. Das Kind experimentiert, probiert aus, Handlungen werden verändert, um zu sehen, zu welchem Ergebnis die Veränderung führt. Mit diesem Verhalten (Versuch-und-Irrtum-Exploration genannt) wird das Mittel-Zweck-Verhalten der vorherigen Stufe weiter ausgebaut.

Die sechste Stufe (bis 24 Monate) schließt das erste Stadium ab und leitet in das nächste Stadium über. Die im sensomotorischen Stadium entwickelten Leistungen schaffen hierfür die Voraussetzungen. Kennzeichnend ist die Entwicklung einer Symbolfunktion, durch die die Handlungen kognitiv verarbeitet werden. Piaget unterscheidet drei Formen der Symbolfunktion: Objektpermanenz, die vom Säugling zwischen dem sechsten und achten Lebensmonat entwickelt wird. Er lernt, dass Objekte erhalten bleiben, auch wenn sie aus seinem Blickfeld verschwinden. Demnach muß er ein Bild des zu suchenden Objektes verinnerlicht haben, sonst könnte er nicht danach suchen. Ähnlich verhält es sich bei der Nachahmung. Um Handlungen nachahmen zu können, muß das Kind ein Bild von der Nachahmung haben. Bei der Symbolhandlung muß das Kind eine innerliche Vorstellung von der Handlung haben, z.B. wenn das Kind Schlafen spielt, indem es den Kopf auf ein Kissen legt.

Präoperatives Stadium

(2 bis 7 Jahre)

Dieses Stadium ist durch einen Wechsel im Denkprozess des Kindes gekennzeichnet. Bis zum Alter von etwa vier Jahren herrscht das vorbegrifflich-symbolische Denken (bildhaftes Denken) vor, das vom anschaulichen Denken (vier bis sieben Jahre) immer mehr abgelöst wird. Das Kind bildet “Symbole“, die an die Stelle von Objekten oder Phänomenen treten. Sie werden vom Kind zunehmend strukturiert und logisch eingesetzt. In diesem Stadium benutzt Piaget eine negative Beschreibungsart; d.h. er erläutert, was die Kinder noch nicht können und erst im nächsten Stadium erreichen werden:

  • das Kind beurteilt das Unrecht einer Handlung nach äußeren Variablen, z.B. wie viel Schaden angerichet wurde; innere Variablen wie z.B. die Absichten der Person werden vom Kind nicht berücksichtigt (begrenzte soziale Kognition).
  • unvollständige Unterscheidung von Selbst und Umwelt (Egozentrismus).
  • starres und unflexibles Denken (Rigidität des Denkens).

Beispiel: Umschüttversuche

Auf einem Tisch werden drei unterschiedliche Gefäße aufgebaut. Das erste Gefäß ist eine Schale, das zweite ein Becher und das dritte Gefäß ist eine dünne Vase. Alle Gefäße sind durchsichtig. Das Kind soll nun Wasser, das sich in der Schale befindet, in den Becher schütten und danach aus dem Becher in die Vase. Anschließend wird dem Kind die Frage gestellt, in welchem Gefäß sich mehr Wasser befindet. Die Antwort wird lauten: “In der Vase.“

Konkret-operatives Stadium

(7 bis 11 Jahre)

Kinder erwerben in diesem Stadium bestimmte logische Strukturen, die es ihnen ermöglichen, “geistige Operationen“ auszuführen. Unter “Operation“ versteht Piaget zum einen eine Handlung, die von der Person bewusst ausgeführt wird und deren Ziel bekannt ist, sowie unter “geistig“ einen Teil der Struktur, die für schlussfolgerndes und logisches Denken verantwortlich ist.

Berühmter Versuch hierzu ist der “Pegelstand“: Piaget füllte zwei Gefäße mit der gleichen Menge Flüssigkeit. Die Gefäße unterschieden sich in ihrem Durchmesser, so dass der Pegelstand in dem Behälter mit dem kleineren Durchmesser höher war als im anderen Behälter.

Kinder, die sich im konkret-operativen Stadium befinden, sind in der Lage, zu erkennen, dass es sich in beiden Gefäßen um die gleiche Menge Flüssigkeit handelt.

Ein weiterer Versuch zum Pegelstand: auf einem Blatt Papier war eine Flasche abgebildet, die schräg auf einer Kante stand. Aufgabe war, den Pegelstand einer darin befindlichen Flüssigkeit einzuzeichnen. Kinder im konkret-operativen Stadium konnten diese Aufgabe richtig lösen.

Formal-operatives Stadium

(11 bis 15 Jahre)

Die geistigen Operationen des Kindes gewinnen immer mehr an Eigenleben und sind nicht mehr auf konkrete Operationen beschränkt. So können Kinder auch abstrakte hypothetische Annahmen machen und verstehen. Mit diesem Stadium vollenden Kinder ihre kognitiven Möglichkeiten.

Beim Pendel-Versuch sollen die Faktoren bestimmt werden, von denen die Frequenz des Pendels abhängt, d.h. wie schnell das Pendel hin- und herschwingt. Das Kind bzw. der Jugendliche beobachtet dazu einen an einem Faden befestigten Gegenstand. Der Versuchsleiter zeigt, wie die Länge des Fadens, die Höhe, aus der das Pendel losgelassen wird, die Kraft beim Anstoßen des Pendels und das Gewicht des Pendels variiert werden kann; eine oder mehrere Variablen könnten für die Geschwindigkeit der Pendelschwingung entscheidend sein.

Ein Grundschulkind (konkret-operative Phase) kann zwei Merkmale kombinieren (kurzer/schwerer Pendel schwingt schneller als langer/leichter Pendel). Es experimentiert mit den Variablen, das Vorgehen ist jedoch vom Zufall bestimmt; dennoch findet das Kind auf diese Weise manchmal die richtige Antwort. Ein Sekundarschüler (formal-operationale Phase) stellt sich zunächst alle möglichen Einflussfaktoren der Pendelgeschwindigkeit vor, variiert dann systematisch einen Faktor nach dem anderen, beobachtet die resultierenden Ergebnisse und zieht daraus die richtige Schlussfolgerung:

Die Dauer einer Pendelschwingung hängt von der Länge des Fadens ab, nicht vom Gewicht, nicht von der Kraft beim Anstoßen und auch nicht von der Höhe, aus der das Pendel losgelassen wird.

Ansätze der Stadientheorie

Piagets Stadientheorie beinhaltet verschiedene Ansätze:

Er stellte folgende Behauptung auf: “Wissen ist kein Zustand, sondern ein Prozeß ... es handelt sich (hierbei) um ein Phänomen ... zwischen dem Wissenden und dem Gewussten“. Die beschriebenen Stadien sind für alle Kinder gleich und verdeutlichen die Veränderung des kindlichen Weltbildes im Verlauf der kognitiven Entwicklung; Wissen ist zudem subjektiv (d.h. persönlich) gefärbt. Dies wird auch als genetische Erkenntnistheorie zusammengefasst.

In seinem biologischen Ansatz beschreibt Piaget Entwicklung als Anpassung an die Umwelt. Er vergleicht die kognitive Entwicklung mit der Entwicklung eines Embryos. Dies bedeutet nach Piaget, dass eine organisierte Struktur immer weiter ausdifferenziert wird. Wesentliche Inhalte des biologischen Ansatzes, die die Mechanismen der Entwicklung beschreiben, sind:

Adaption als Auseinandersetzung des Kindes mit der Umwelt und der damit verbundenen Anpassung. Zur Adaption zählt Piaget die komplementären Prozesse Assimilation und Akkomodation. Assimilation ist der Prozess, in dem Umweltreize ins Wissen und Verhalten integriert werden. Sie findet sich in jedem Stadium und jeder Stufe wieder. Akkomodation beinhaltet die Veränderung von Verhaltensweisen durch Umweltreize.

Im Zuge der Äquilibration wird zuerst der Versuch der Assimilation unternommen; scheitert dieser, kommt es zur Akkomodation. Äquilibration beschreibt das Bestreben der Person, ein Gleichgewicht zwischen seiner Denkfähigkeit (Kognition) und den ihn umgebenden Umweltreizen herzustellen. Dies ist für Piaget der entscheidende Prozess, in dem alle Elemente der Entwicklung zusammengefasst sind. Äquilibration beinhaltet als weitere Entwicklungsfaktoren: körperliche Reife, Erfahrungen mit der physikalischen Welt sowie Einflüsse des sozialen Umfeldes.

In seinem strukturalistischen und organistischen Ansatz geht Piaget von der “geringen Anzahl geistiger Operationen“ aus, die die Grundlage für die Spanne von Denkprozessen bilden. Er bezeichnet die kognitive Struktur auch als Schema; charakteristisch für ein Schema ist die Tendenz, Zusammenhänge zu bilden, um einzelne Teile miteinander zu einem Ganzen zu verbinden.

Bibliografie

Miller, Patricia, H.; Theorien der Entwicklungspsychologie; Spektrum Akademischer Verlag; 1993

Kontakt

Jean Piaget Archiv; Biographie

www.unige.ch/piaget/biod.htm