21.05.2015
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wissen.de Artikel

Gewalt an Schulen

Politik, Gesellschaft und der Tod im Klassenzimmer

Im Folgenden werden aus aktuellem Anlass - dem Attentat in Erfurt im April 2002 - 15 Thesen zu den Hintergründen und Ursachen von Gewalt an Schulen, zu gesellschaftlicher Verantwortung und gesellschaftlichen Versäumnissen aufgestellt.

Die Thesen folgen den Gesetzen der Logik, den seriösen Methoden der klassischen Fehleranalyse, dem Prinzip von "Ursache und Wirkung" und "Argumentation vor Wertung". Die Argumentationskette beruht auf derzeit bekannten Fakten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und anerkannter Praxiskompetenz. Im Ergebnis kommen zwangsläufig Ursachen, Versäumnisse, Verantwortliche und Hinweise auf deren Motive oder Absichten ans Licht.

Ziel ist ausdrücklich nicht Panikmache oder Bloßstellung der Politik, sondern die Erläuterung des akuten Handlungsbedarfs und das Aufzeigen konkreter Handlungsmöglichkeiten gegen ein fundamentales und tödliches Problem.

15 Thesen

Die Thesen stellen die komplexen Zusammenhänge des “Phänomens Erfurt" nur sehr grob dar. Sie reduzieren die Informationen auf ein Minimum und können deshalb dem Anspruch einer umfassenden Darstellung nicht gerecht werden. Sie dienen ausschließlich dem schnellen Überblick. Fundierte Begründungen, mit Quellenangaben und dokumentierten Fakten, liefert der Autor in seiner “Lerneinheit Erfurt“ unter www.treasureX.de.

These Nr. 1: Serientaten

Die Katastrophe von Erfurt ist keine singuläre Tat wie Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärt hat, sondern Teil einer Attentatsserie unbekannter, bisher nicht erfaßter Größenordnung. 29 Attentaten in Bildungsstätten mit 129 Toten und 133 Verletzten konnten jedoch mit einfachen Mitteln recherchiert werden.

These Nr. 2: Globales Phänomen

"Serienattentate in Bildungsstätten" treten seit 1997 regelmäßig in den Leistungs- und Mediengesellschaften der Industrieländer unterschiedlichster Kulturkreise (USA, Asien, Europa) auf. Seit 1999 fanden mindestens vier versuchte und sechs durchgeführte Attentate mit 24 Toten und 18 Verletzten in Deutschland statt. Bis auf eine Ausnahme sind alle Opfer im Umfeld der CDU Bildungspolitik zu beklagen. Der bereinigte Vergleich vorliegender Daten von USA und Deutschland weist darauf hin: Wir sind bereits auf amerikanischem Niveau angelangt.

These Nr. 3: Folge des gesellschaftlichen Wandels

Attentate in Schulen sind als extreme Erscheinung der seit Jahren ansteigenden Nervosität, Agressivität und Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen. Die Analyse weist auf einen äusserst komplexen Ursachenmix hin, der sich aus dem langfristigen Strukturwandel zur Wohlstands-, Leistungs- und Mediengesellschaft ergibt. Hauptrollen in Deutschland spielen hierbei z.B. schleichender Werteverfall; Zunahme sozialer Kälte; rücksichtsloses Streben nach Geltung, Gewinn und Macht; Ersatz familiärer Zuwendung durch unkontrollierten, exzessiven und gewaltverherrlichendem Medienkonsum; rapide gesunkene Ergebnisqualität des erstarrten Bildungssystems; Leistungsüberdruck; Verkümmerung von sozialer/emotionaler Kompetenz und Konflikt-/Kommunikationsfähigkeit; Massenflucht in Scheinwelten, Drogenmißbrauch und Alkoholismus; zunehmender Realitätsverlust und die grassierende "Volkskrankheit Depression".

These Nr. 4: Kaltblütig inszenierte Racheakte

Die bisweilen generalstabsmäßig geplanten Inszenierungen, Täterprofile und Tatmotive weisen zahlreiche, auffällige Parallelen auf. Die Attentäter konzentrieren zielgerichtete Racheakte im Zentrum Ihrer subjektiv erlebten Demütigung: Ihren Erziehungsstätten. Oft kopieren sie bis ins Detail Scenarien und Leitbilder des Medienkonsums, die z.B. als "legitimierte Rächer des Unrechtes mit der Lizenz zum Töten" internationalen Kult- und Heldenstatus genießen. Der Erfurter, vorangegangene und nachfolgende Attentäter machen das virtuelle Spiel zur Realität. Die Zahl der Toten bestimmt Erfolg der Vergeltung, Ruhm und Aufmerksamkeit für das subjektiv erlebte Unrecht. Entschlüsselt man Ursachen und Botschaften der Taten, spiegeln sie detailliert die Krankheitsbilder unserer Wohlstandsgesellschaft (siehe These 3) wieder.

These Nr. 5: Gehirnwäsche im virtuellen Killer-Trainingscamp

Die Taten erfordern den widernatürlichen Willen zu Töten sowie die Fähigkeit zur Planung und Durchführung einer zielgerichteten Operation mit militärischen bzw. terroristischem Charakter. Das intensive Konsumieren, Erleben (TV/Video/Kino) und aktive Betreiben (gewaltverherrlichende Computerspiele) von Mord und Totschlag wirken als Gehirnwäsche und virtuelles Killer-Trainingscamp. Erst der Medienkonsum kann die wesentlichen Grundvoraussetzungen der Attentate erfüllen.

These Nr. 6: Virusinfektion

Gewaltverherrlichende Computerspiele stellen idealtypische Bildungssoftware zum zielgerichteten Massenmord dar. Sie werden deshalb vom Militär in den handelsüblichen Formaten für die Ausbildung zum Töten eingesetzt. Andauernde Gehirnwäsche und Killer-Training finden seit den 80er Jahren durch Massenverbreitung zunehmender Gewaltverherrlichung und permanent steigendem Medienkonsum weitgehend unkontrolliert in den Wohn- und Kinderzimmern der Wohlstands- und Mediengesellschaften statt. Jahrelanger und intensiver Konsum sind im Effekt vergleichbar mit einer Art "Gewaltfähigkeitsvirus", der längst Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland und der ganzen Welt infiziert hat.

These Nr. 7: Auslöser der Gewalt

Die Fachwelt ist sich uneinig darüber, ob gewaltverherrlichender Medienkonsum allein Gewaltbereitschaft oder aktive Gewalttätigkeit erzeugen kann. Die Wirkung auf Kinderseelen, Langzeitkonsum (Virusinfektion), Langzeitwirkung oder das Aufeinandertreffen weiterer Faktoren, z.B. ein gestörtes soziales Umfeld oder psychische Instabilitäten sind bisher weitgehend unerforscht. Als weitgehend gesichert gilt jedoch, dass psychische und soziale Probleme zu verstärktem Medienkonsum motivieren und der regelmässige wie dauerhafte Aufenthalt in virtuellen Welten dazu führt, dass soziale und emotionale Kompetenz schlechter bzw. gar nicht erlernt werden oder verkümmern. Das wiederum wirkt sich negativ auf alle anderen Lebensbereiche aus. Je früher Kinder in den unkontrollierten Konsum einsteigen, umso größer ist die Gefahr des negativen Dominoeffektes. In den Attentäterprofilen tauchen neben der Virusinfektion häufig Persönlichkeitsmerkmale wie das "Böse-Welt-Syndrom", verkümmerte soziale und emotionale Kompetenz, ungenügende Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, Randgruppenzugehörigkeit oder Einzelgängerstatus, Minderwertigkeitskomplexe, Geltungsbedürfnis und fortgeschrittener Realitätsverlust auf.

These Nr. 8: Psychische Ausnahmesituationen

Mit dem Aufeinandertreffen mehrerer Negativ-Faktoren des gesellschaftlichen Krankheitsbildes lassen sich zunehmende Aggression und Verhaltensstörungen der Jugend schlüssig erklären. Die Attentate erscheinen als Resultat des Aufeinandertreffens von Virusinfektion, psychisch und sozial instabiler Persönlichkeit, dem latenten Rachebedürfnis gegenüber Gesellschaft und Schulsystem sowie einer psychischen Ausnahmesituation, die die tickende Zeitbombe aus Hilflosigkeit, Verzweiflung und Seelenqual zur Explosion bringt. In Erfurt deuten alle Fakten auf den unter "Mißachtung des Schulgesetzes" (Quelle: Spiegel 20/2002) ohne Schulabschluß erfolgten Schulverweis des psychisch instabilen und virusinfizierten Attentäters als Auslöser der Katastrophe hin.

These Nr. 9: Instabile Schläfer

Die "Risikogruppe der infizierten und psychisch instabilen Schläfer" in Deutschland kann mit zurückhaltenden, seriösen Berechnungen auf eine mindestens sechsstellige Grössenordnung beziffert werden. Hier ist bereits eine erhebliche und unkalkulierbare Gefahr für die innere Sicherheit gegeben. Law&Order, Verbote, plötzliche Einschränkung oder Entzug des seit Jahren geförderten Medienkonsums mit Suchtcharakter ohne jede Aufklärung oder Fürsorge provozieren psychische Ausnahmensituationen, "wecken die Schläfer" und machen dieses Vorgehen nicht nur wirkungslos sondern hochgradig gefährlich.

These Nr. 10: Ungehinderte Fortsetzung

Experten weisen seit Jahren auf die unübersehbaren Zusammenhänge der Gewaltorgien mit gewaltverherrlichendem Medienkonsum hin. Seit 1997 gehen Attentate regelmäßig durch die Weltpresse. In Deutschland treten sie seit 1999 auf. Veröffentlichungen und Voraussagen der Erfurter Katastrophe sind spätestens seit 1999 in Deutschland z.B. in "Die Zeit" oder dem WDR breitenwirksam publiziert worden. 12 Tage nach Erfurt wurde der Regierung am 8.5.2002 eine Expertenanalyse, Erläuterung der dringlichen Fortsetzungsgefahr überreicht. Die Regierung bestätigte die Analyseergebnisse, jedoch keinen konkreten Handlungsbedarf. Bereits am 11.6.2002 fand weitgehend unbemerkt in Essen, NRW die angekündigte Fortsetzung der Attentatsserie statt. Das nächste Erfurt ist nur eine Frage von Ort und Zeit.

These Nr. 11: Fahrlässige oder vorsätzliche Unterlassung

Massenvirusinfektion, Übertritt und Ausbreitung des globalen Phänomens in Deutschland konnten ungehindert stattfinden, da Regierung und Opposition bzw. der Bundestag die unübersehbaren Entwicklungen und Expertenwarnungen seit Jahren ignorieren sowie Aufklärung und wirksame Maßnahmen gegen die längst bekannten Ursachen unterlassen.

These Nr. 12: Politischer Selbstmord

Die Analyse führt zu Ursachen, die eklatante, gesellschaftspolitische Versäumnisse der letzten 10 - 20 Jahre thematisieren und alle Parteien bzw. den gesamten Bundestag betreffen. Die Ursachenbekämpfung erfordert Fehlerbekenntnisse, dezidierte Aufklärung und weitreichende Reformen der Gesellschaftspolitik. Fehlerbekenntnis und Thematisierung der unpopulären Wahrheiten kommt jedoch insbesondere im Wahlkampf dem politischen Selbstmord gleich.

These Nr. 13: Dringender Handlungsbedarf

Die Politik mißachtet Pflicht und Zweck Ihrer Ämter und konzentiert derweil ihre Energie sowie geschätzte 70 Millionen (Quelle: Spiegel 25/2002) in den Wahlkampf. Aus der nachhaltigen Ignoranz der Politik sowie der unbeirrten Fortsetzung der Attentatsserie entsteht ein dringender Handlungsbedarf der Gesellschaft bzw. jedes Einzelnen von uns. Jeder der dem Vorbild der Politik folgt und weiterhin "tatenlos danebensteht", macht sich mitverantwortlich für die Toten, Verletzten und Traumatisierten von morgen.

These Nr. 14: Die guten und die bösen Geister

Medien haben sich bis in die Molekularstuktur unserer Gesellschaft verwurzelt. Sie können genausowenig abgeschafft werden, wie Schulsystem, Politik oder Leistungsgesellschaft. Medien haben jedoch nicht nur Risiken sondern bieten auch bislang ungenutzte Chancen, um Bildung, Politik und Gesellschaft zu verändern. Medieneinsatz und -konsum sind in genau der Art gut oder böse wie wir mit Ihnen umgehen. Die bösen Geister, die wir riefen können mit den Guten vertrieben werden. Wir müssen nur lernen anders mit diesen Dingen umzugehen.

These Nr. 15: Ende der Ohnmacht und Anfang der Veränderung

"Die Lerneinheit Erfurt" verschafft Ihren aufmerksamen Lesern die Möglichkeit, mit einfachsten Mitteln aktiv zu werden und Einfluß zu nehmen. Das Verständnis der Zusammenhänge, etwas Aufmerksamkeit, die TV-Fernbedienung und ein paar Handgriffe eröffnen die Möglichkeit, den persönlichen und familiären Medienkonsum zu prüfen und ggf. zu ändern, das "Diktat der Quote" auszuüben, die Politik zur Ordnung zu rufen und sich von dem zermürbenden Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit zu befreien.

Jörg Neubauer