21.05.2015
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wissen.de Artikel

Gletscherkunde

Disziplinen der Geowissenschaften unter der Lupe

Gletscherkunde oder Glaziologie (von lateinisch glacies = Eis) ist die Wissenschaft, die sich mit der Entstehung, den Eigenschaften, der Wirkung und den Formen der Gletscher beschäftigt. Gletscher entstehen dann, wenn über Jahre hinweg in einem bestimmten Gebiet mehr Schnee fällt als abschmilzt. Gletscher sind also Klimaanzeiger. Sie fließen bergab, vergleichbar mit einem breiten Fluss, der aber aus Eis besteht. Größere Gletscher gibt es nur in den Polargebieten und in den Hochgebirgen der Erde. Überall bieten sie ein faszinierendes Landschaftsbild. Gletscher hatten einen großen Anteil an der Gestaltung der Erdoberfläche. Während der Eiszeiten haben sie große Landschaften umgeformt. Heute ist nur noch ein kümmerlicher Rest von ihnen übrig. Der längste Gletscher der Alpen ist mit 24 Kilometer Länge der Aletschgletscher im Wallis. Er wurde als Weltnaturerbe der UNESCO klassifiziert.

Gletscher sind Klimazeugen: Durch Gletscherbohrungen und Entnahme von Eisbohrkernen erhält man Kenntnisse über die Klimaverhältnisse früherer Jahrhunderte und Jahrtausende. Die Gletscherkunde steht daher in engem Zusammenhang mit der Klimatologie und der Meteorologie sowie anderen Geowissenschaften wie Geographie, Geophysik, Geodäsie und Kartographie.

Die Forschung an den Gletschern ist außerdem sehr wichtig, da Gletscher eine große Süßwasserreserve darstellen. Durch die gegenwärtige Klimaerwärmung verschiebt sich die Schneegrenze um mehrere hundert Meter nach oben. Ein weltweites Abschmelzen der Gletscher hat bereits begonnen bzw. wird erwartet. Eine Folge davon sind Gletscherabbrüche, Murabgänge und Überschwemmungen. Durch solche Naturkatastrophen werden in den Alpen immer häufiger Siedlungen bedroht.

Die Geschichte der Gletscherkunde

Die Gletscherforschung begann im 18. Jahrhundert. Damals hörte man auf, die Natur nur zu betrachten. Man versuchte sie Ziel gerichtet zu erkunden. Jean André de Luc stellt 1778 die Erosionsleistung der Gletscher fest. Horace Bénédict de Saussure erklärt 1781 die Bildung der Moränen, die seitlich oder vor den Gletschern angehäuft werden. 1787 beginnt Bernhard Friedrich Kuhn mit einer quantitativen Erfassung der Schweizer Gletscher und ihrer Bewegungen. Ignaz Venetz stellt 1822 fest, dass viele Gletscher periodisch vorgerückt und zurück geschmolzen seien, bedingt durch Ab- und Zunahme von Kälte.

Jean de Charpentier vertritt 1841 die Theorie, dass die Gletscher in einer großen, weit zurück liegenden Eiszeit eine viel größere Länge und Mächtigkeit eingenommen hätten. Louis Agassiz bestätigt diese Glazialtheorie (1840). Die Gebrüder Schlagintweit vermessen 1850 mehrere Gletscher in Österreich und der Schweiz. Albert Heim schreibt 1885 ein 560 Seiten umfassendes Handbuch der Gletscherkunde. Albrecht Penck weist die durch Gletscher bedingte Landschaftsentstehung Norddeutschlands nach. Er gibt 1901 bis 1909 ein klassisch gewordenes Werk über die Alpen im Eiszeitalter heraus. Penck entwickelt eine Gliederung des Eiszeitalters in vier Eiszeiten, die zum international gebräuchlichen Leitschema der Eiszeitgliederung wurde.

Wie man Gletscherkundler wird

Gletscherkunde kann man in Deutschland nicht als eigenständiges Studienfach studieren. Es ist unter den Studiengängen Hydrologie beziehungsweise Geographie oder Geomatik und auch dem Vermessungswesen (Geodäsie) eingegliedert.

Glaziologen - oder Geographen mit glaziologischem Forschungsschwerpunkt - finden Arbeit an wissenschaftlichen Instituten, in der Kommunalverwaltung oder Touristikbranche und auch dem Kraftwerks- und Seilbahnenbau. Natürlich sollte ein Glaziologe nicht gerade im unvergletscherten Dänemark nach einem Job suchen!

Dr. Gotlind Blechschmidt/Lesestein.de