21.05.2015
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wissen.de Artikel

Lawinenkunde

Disziplinen der Geowissenschaften unter der Lupe

Lawinen sind katastrophenartige Schneeabgänge. Lawinenkunde beschäftigt sich mit der Art, Entstehung und räumlichen Verteilung von Lawinen. Wann eine Schneedecke in Bewegung kommt, hängt ab von Schneeart, Schneemächtigkeit, Witterung und Hangneigung.

Lawinen sind in allen Hochgebirgen eine weit verbreitete Erscheinung und auch ein wesentlicher Gestaltungsfaktor der Landschaft. Sie stellen einerseits ein faszinierendes Naturphänomen dar. In besiedelten oder touristisch erschlossenen Berggebieten können sie andererseits zur alles zerstörenden und todbringenden Kraft werden. Jeden Winter sterben an die 100 bis 200 Personen in einem Lawinenabgang den so genannten „Weißen Tod“. Zudem werden Siedlungen verschüttet, Wälder zerstört und Verkehrswege unterbrochen. Die klassischen Katastrophenereignisse bedrohen den alpinen Siedlungsraum. Trauriges Beispiel in jüngster Zeit sind die Lawinenabgänge des Jahres 1999, als nach extremen Schneefällen im gesamten Alpenraum an die 100.000 Personen eingeschlossen waren, und bei zahlreichen Lawinenabgängen 70 Menschen starben, 38 allein im Tiroler Galtür. Die meisten der tödlichen Lawinenunfälle verlaufen allerdings durch Leichtsinn oder Unachtsamkeit beim Skifahren (zum Beispiel Variantenfahren jenseits der markierten Skipisten) oder beim Skitourengehen.

Geschichte der Lawinenkunde

Die Geschichte der Lawinenkunde ist eng verbunden mit der Geschichte der Besiedelung der Alpen, dem Einsetzen des Alpinismus und dem Aufkommen des modernen Tourismus. Seit dem 12. Jahrhundert wurden in Chroniken Lawinenkatastrophen überliefert. Damals dachte man allerdings noch, dass Hexen, Dämonen oder böse Geister an ihnen schuld wären. Wissenschaftliche Untersuchungen zu Lawinen wurden seit 1880 veröffentlicht. Seit dieser Zeit setzten in allen Staaten mit Alpenanteil umfangreiche Maßnahmen zur Sicherung und Stabilisierung besonders labiler Alpenhänge und Täler ein. Diese Maßnahmen und Untersuchungen waren meist ingenieurwissenschaftlich geprägt.

Seit 1930 betrieben besonders Russland und die Schweiz intensive Lawinenforschung, weil sie von den alljährlichen Lawinenabgängen besonders stark betroffen waren. Das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung am Weißfluhjoch (2662 m) bei Davos wurde 1936 gegründet und ist in der Lawinenkunde weltweit führend. Mit Hilfe von Simulationsmodellen und künstlich eingeleiteten Lawinensprengungen werden Vorhersagen darüber getroffen, wo Lawinen abgehen, in welche Richtung und wie weit sie im Maximalfall abfließen können. Daraus resultiert schließlich eine Gefahrenzonenplanung. Deutschland hat für seinen Alpenanteil einen Lawinenwarndienst aufgezogen, der über das Bayerische Landesamt für Wasserwirtschaft organisiert wird. In Südtirol ist der Lawinenwarndienst dem Hydrographischen Amt angegliedert. In Österreich gibt es das Institut für Lawinen- und Wildbachforschung in Innsbruck, das Institut für Wildbach- und Lawinenschutz in Wien und das Institut für Alpine Naturgefahren und Forstliches Ingenieurwesen, ebenfalls in Wien.

Wie wird man Lawinenkundler?

In Deutschland kann man Lawinenkunde nicht als eigenständigen Studiengang studieren. Vorlesungen über Lawinenkunde sind in die Studiengänge von Geographie oder Forstwissenschaft integriert. In der Schweiz ist Schnee- und Lawinenkunde im Fach Geomatik enthalten. In Österreich kann man Wildbach- und Lawinenkunde in den Studiengängen Biologie, Ökologie, Wasserbau oder Technischem Umweltschutz studieren. Lawinenkundler finden an den genannten Instituten oder Ämtern eine Anstellung, bei kommunalen Behörden im Krisenmanagement oder als Raumplaner, als Ingenieure bei der Konstruktion von Wildbach-, Hang- und Lawinenverbauungen, beim Straßenbau oder als Gutachter beim Bau von Seilbahnen, ebenso beim Forstdienst oder in der Touristikbranche.

Dr. Gotlind Blechschmidt/Lesestein.de