21.05.2015
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Kulturschock als Chance

Kulturschock als Chance

Studieren in Frankreich, Arbeiten in den USA, Urlaub auf Taiwan: Immer mehr Menschen entscheiden sich, bestimmte Lebensabschnitte ins Ausland zu verlagern. Sprachkurse stehen hoch im Kurs. Doch reichen Vokabeln und Grammatik wirklich aus, um sich zu verständigen? Nein, meinen Wissenschaftler, die sich mit der Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen befassen. Ohne gewisse Grundkenntnisse über die fremde Kultur sind Missverständnisse vorprogrammiert. Im schlimmsten Fall erleidet man einen “Kulturschock“. Der ist aber oft der erste Schritt in Richtung Verständnis...

Auf die Zwischentöne kommt es an!

In vielen Fällen ist nicht wichtig, was wir sagen, sondern wie wir es sagen. Besonders in Asien sind Zwischentöne wichtiger als Worte.
Auf Taiwan werden Falschparker so ermahnt: “Wir bitten Sie vielmals um Entschuldigung, dass wir zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit des Verkehrs von Gesetzes wegen Gebühren erheben müssen. Wir hoffen, Sie verstehen und verzeihen das und möchten in Zukunft darauf achten, die Verkehrsregeln einzuhalten. Wir wünschen Ihnen Gesundheit und Frieden.“
In Japan bekommt man auf die Frage nach dem Wetter Antworten wie “vielleicht regnet es“ oder “wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich sagen, die Sonne scheint.“ Damit möchte der Gefragte vermeiden, überheblich zu wirken.
Wer auf gut Chinesisch sagt: “Ich käme gerne mit, weiß nur noch nicht, ob ich Zeit dazu habe“, meint eigentlich: “Ich habe keine Lust.“ Und bevor man in China eine Einladung annimmt, sollte man lieber höflich zwei- bis dreimal ablehnen. Erst nach wiederholter Aufforderung kann man sicher sein, dass man wirklich willkommen ist.

Die Sprache jenseits der Sprachen

Sprache ist weit mehr als Vokabeln und Grammatik. Auch der richtige Tonfall, die Intonation, schnelles oder langsames Sprechen und Pausen sind von Bedeutung. Dazu kommen Einschübe wie Lachen oder Seufzen und nichtsprachliche Zeichen wie Mimik oder Gestik - die Sprache jenseits der Sprachen. All dies sind Teile eines gemeinsamen Alltagswissens, über das Angehörige eines Kulturkreises verfügen. Das setzen sie gewöhnlich stillschweigend bei ihrem Gegenüber voraus. Und genau das führt dann zu Missverständnissen mit oft fatalen Folgen.
Ein Sri-Lanka-Urlauber auf Zimmersuche, der überall nur Kopfschütteln erntet, wird vermutlich enttäuscht die Heimreise antreten. Und sich zu Hause schwarz ärgern, wenn er erfährt, dass Kopfschütteln in Sri Lanka “Ja“ bedeutet. Deutschen Urlaubern ist es unter Umständen peinlich, wenn sie von finnischen Bekannten zu einem Sauna-Abend eingeladen werden. Im kulturellen Code der Finnen bedeutet die Einladung zur “Sauna“ jedoch lediglich einen gemütlichen Abend im Ferienhaus am See. Niemand wird gezwungen, die Hüllen fallen zu lassen.

“Grilletta“ und “Hamburger“

Aber auch, wenn sich zwei Muttersprachler unterhalten, heißt das nicht, dass sie dieselbe Sprache sprechen. So schlugen sich die kulturellen Unterschiede zwischen der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR auch in den Sprachgewohnheiten nieder. Viele Vokabeln bildeten die politische und soziale Realität des Arbeiter- und Bauernstaats ab. “Horch & Guck“ war ein Spitzname für die Stasi, das “Winkelement“ ein Papierfähnchen im Format DIN A 5.
Anglizismen waren aus ideologischen Gründen nicht gern gesehen und wurden häufig übersetzt. Schaltete man im Westen den Kassettenrekorder mit der “Play-Taste“ ein, drückte man in der DDR auf die politisch korrekte “Abspiel-Taste“. “Jeans“ waren in den 60er Jahren “Niethosen“ und das “T-Shirt“ hieß “Nicki“. Westdeutsche verstehen darunter einen samtartigen Stoff. Wörter aus dem Russischen hingegen nahm man mit Kusshand auf - wie zum Beispiel die “Datsche“ als Bezeichnung für ein Wochenendhäuschen. “Hamburger“ und “Hot-Dogs“ waren kulinarisch zwar in aller Munde; lexikalisch hingegen musste der real existierende Fleischklops sich als “Grilletta“ ausweisen. “Tramper“ fuhren, anders als in der BRD, nicht per Anhalter durch die Städte, es sei denn, sie befanden sich am Fuß eines Globetrotters: “Tramper“ war zu DDR-Zeiten die Bezeichnung für halbhohe Schuhe aus Wildleder.
“Aktendullis“ fristeten in ostdeutschen Büros ein wohl genauso graues Dasein wie ihre westdeutschen Brüder, die “Heftstreifen“. Aber hatte man den Bürotag erst einmal hinter sich, konnte man sich zum Abendessen in Halle auf einen “Broiler“, in Hannover dagegen auf ein “Grillhähnchen“ freuen.

Die Kultur-Zwiebel

Wer sich vom ersten Kulturschock erholen und nicht auf der Stufe eines Obelix stehen bleiben will (“Die spinnen, die Römer“), muss sich mit der fremden Kultur auseinandersetzen. Dazu kann die Theorie der “Kultur-Zwiebel“ wertvolle Hilfe leisten.
Was ist es eigentlich, das verschiedene Kulturen voneinander trennt? Die Forschung zur Interkulturellen Kommunikation beantwortet diese Frage mit dem Zwiebel-Modell. Demnach ist Kultur - gleich einer Zwiebel - aus mehreren Schichten aufgebaut. Diese unterscheiden sich im Hinblick darauf, wie auffällig die Unterschiede zur eigenen Kultur sind.
Die äußerste Schicht, also der auffälligste Unterschied zwischen fremder und eigener Kultur, ist diesem Modell zufolge die Schicht der Symbole. Das wichtigste Symbolsystem einer Kultur ist ihre Sprache. Will heißen: Um sich in einer fremden Kultur zurecht zu finden, muss man als erstes ihre Sprache lernen. Aber auch Mimik oder Gestik sind Symbolsysteme. Japaner zeigen auf ihre Nase, wenn sie “ich“ sagen wollen. Wir tippen uns auf die Brust. Weitere Symbole sind Monumente, Kunstwerke, Flaggen oder auch die Mode. Hat man diese Schicht “überwunden“, ist man dem Verstehen des Fremden schon ein ganzes Stück näher gekommen.
Die nächste Schicht bilden die Helden oder Vorbilder eines Kulturkreises. Hierzu zählen z.B. Sport-, Musik- und Filmstars, Figuren aus der Werbung, historische oder erfundene Personen. Zu Deutschland gehören Helmut Kohl und das HB-Männchen ebenso wie Faust oder Boris Becker. Muttersprachler beziehen sich häufig direkt oder in Anspielungen auf solche Figuren. Menschen aus einem anderen Kulturkreis, denen diese nicht bekannt sind, können entsprechenden Ausführungen oft nicht folgen.
Die Rituale einer Kultur liegen noch eine Schicht tiefer verborgen. Dazu zählen feststehende Verhaltensmuster ebenso wie der routinehafte Ablauf von Gesprächen. Während man beispielsweise in England in für uns schon “typisch britischer“ Zurückhaltung mit einem “Would you like tea?“ zum Trinken angehalten wird, weht in Polen ein ungleich rauherer Wind. “Iss und trink!“ lautet hier die durchaus freundlich gemeinte Aufforderung.
Von außen nach innen sind diese Schichten immer schwerer zu durchschauen. Den innersten Kern der “Kultur-Zwiebel“ bilden die ethischen und moralischen Werte. Diese werden von den Trägern meist unbewusst übernommen - sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen - kommen aber häufig in Redewendungen oder Volksweisheiten zum Ausdruck.
Ein Beispiel: In Deutschland wachsen wir mit der Vorstellung auf, dass Zeit knapp ist. Sie gilt uns als eines der kostbarsten Güter überhaupt. Weil wir dem anderen nicht “die Zeit stehlen“ wollen, halten wir es für unhöflich, ihn bei einer Verabredung warten zu lassen. Araber hingegen gehen mit Zeit viel großzügiger um. Typisch ist die vage Zusicherung “Ich komme morgen Nachmittag, so Gott will.“

In Mokassins zum Ziel

Der Weg zum Verständnis einer Kultur führt also zuerst über ihre Sprache. Weiß man darüber hinaus um ihre Ikonen und Rituale, so wird man schließlich bis zu den Werten, die den Kern einer Kultur ausmachen, vordringen. Aber nicht nur in der Kommunikation zwischen Kulturen sind Missverständnisse inbegriffen. Prinzipiell ist kein Gespräch davor gefeit. Deshalb ist es gut, wenn man schon früh gelernt hat, sich in die Lage des Gesprächspartners zu versetzen. Ein altes indianisches Sprichwort bringt die Sache auf den Punkt: “Bevor Du jemanden kritisierst, gehe eine Meile in seinen Mokassins.“

Buch-Tipps

Online bestellen:

Wolf Wagner: Kulturschock Deutschland. Der zweite Blick.

Elisabeth Marx: Vorsicht Kulturschock: So wird ihr beruflicher Auslandseinsatz zum Erfolg.

Helga Losche: Interkulturelle Kommunikation. Sammlung praktischer Spiele und Übungen.

Hanne Chen: KulturSchock China. (Andere Länder, andere Sitten)