01.06.2015
You voted 3. Total votes: 112
wissen.de Artikel

Wieso ist der Faden rot?

Redewendungen unter der Lupe

Das Salz in der Suppe

Redewendungen sind das Salz in der Suppe der Sprache. Will man jemanden auf die feine englische Art überzeugen, redet man mit Engelszungen. Wer sich gern derb ausdrückt, fährt anderen übers Maul. Vor allem drastische Redensarten wie Feuer unterm Arsch machen erfreuen sich größter Beliebtheit. Besonders gern lassen wir uns in blumigen Worten über die lieben Mitmenschen aus. Um etwa deren Dummheit in Worte zu fassen, haben wir die Auswahl zwischen der hat die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, ist dumm wie Bohnenstroh, dümmer als dumm, als ein Stück Vieh, als die Polizei erlaubt, sogar zu dumm zum Sch....

Mit einer bunten Palette an Redewendungen, die von literarisch gehoben bis zu ausgesprochen unflätig reichen, bestreiten wir unseren Alltag. Aber wozu eigentlich? Zum einen ist es natürlich bequem, keine eigenen Worte zu suchen, sondern vorgefertigte Formeln zu benutzen. In manchen Fällen ist es sogar gang und gäbe, sich formelhaft auszudrücken. Zum Geburtstag sagt man herzlichen Glückwunsch; wer einen Bekannten trifft, fragt Wie geht s? Das wird erwartet.

Zum anderen machen die Ausdrücke unsere Redeweise unterhaltsam und amüsant. Alle, die publikumswirksam sein wollen, verwenden sie in Hülle und Fülle: Werbefachleute, Politiker, Journalisten. Und sind damit am Puls der Zeit. Auch früher war die bildhafte Sprache sehr beliebt. Jemandem Daumenschrauben anlegen, das ist sicherlich kein Bild aus der Moderne, sondern aus der eher finsteren als guten alten Zeit der Folterknechte. Und Perlen wurden schon von Luther vor die Säue geworfen. Was uns manche Redensarten über ihre Zeit und deren Kultur verraten, bringt dieses Special ans Licht.

Was ist eine Redewendung?

Was die Begriffe betrifft, herrscht babylonische Verwirrung unter Fachleuten und Laien. Ist eine Redewendung dasselbe wie eine sprichwörtliche Redensart oder ein bildhafter Ausdruck? Knapp vorbei, aber das ist auch daneben, wie man weiß. “Phraseologie“ oder “Idiomatik“ nennt man die Wissenschaft, die sich mit all diesen vorgefertigten Bauteilen der Sprache beschäftigt. Fertigteile - “feste Wortverbindungen“ oder auch “stehende Wendungen“ genannt - gibt es vor allem in der gesprochenen Sprache wie Sand am Meer. Ihnen gemeinsam ist folgendes: ihre Bestandteile können nur teilweise oder gar nicht ausgetauscht werden. Es ist eben klar wie Kloßbrühe, dass es klipp und klar heißt und nicht klar und klipp. Oft kann man außerdem aus den Bedeutungen der einzelnen Wörter die Gesamtbedeutung kaum erschließen. Man erzähle etwa einem Italiener mit Deutschkenntnissen, er solle uns keinen Bären aufbinden. Er wird uns den Vogel zeigen. Was ebenfalls nicht wörtlich, sondern im übertragenen Sinn zu verstehen ist. Es handelt sich hierbei nämlich um sogenannte sprichwörtliche Redensarten.

Sprichwörtlich werden bildhafte Ausdrücke dann, wenn sie ständig im selben Wortlaut wiederholt werden und ihre Bedeutung allgemein bekannt ist. Wenn ein Dichter vom “goldenen Himmelsweg“ spricht, ist das zwar auch bildlich gedacht. Bereits der nette Junge von nebenan wird das Bild aber weder kennen noch verstehen. Der goldene Mittelweg ist dagegen allen Muttersprachlern ein Begriff. Die Wiederholung machts.

Zum Forschungsgebiet der Idiomatik im weiteren Sinne gehören auch “geflügelte Worte“ und “Sprichwörter“. Mit letzteren hat übrigens auch die sprichwörtlichste Redensart nicht allzu viel zu tun - bis auf den Namen, der aber hier nicht mehr als Schall und Rauch zu sein scheint. Sprichwörter sind nämlich immer ganze Sätze, die meist eine Lebenserfahrung ausdrücken, kurz gefasste Moralpredigten wie Wer zu spät kommt... Wir wissen, was das Leben mit dem macht. Es gibt allerdings Sprichwörter, die in Redensarten übergehen und umgekehrt. Man sagt Durch Schaden wird man klug, kann aber auch durch Schaden klug werden.

Zu den einfachen Redewendungen kann man auch ganze Sätze zählen wie etwa Das geht auf keine Kuhhaut! Ach du meine Güte! oder Was du nicht sagst! Sie sind aber nicht sprichwörtlich zu nennen und auch keine Sprichwörter, sondern eher “Gemeinplätze“ und “Floskeln“, ein gefundenes Fressen für Phrasendrescher, Spruchbeutel und Schaumschläger.

Auch Ausdrücke wie das Sommerloch oder der springende Punkt gehören zur Idiomatik. Sie findet man aber meistens nur dann im Redensarten-Lexikon, wenn sie immer in demselben sprichwörtlichen Zusammenhang benutzt werden. Wie zum Beispiel das Fettnäpfchen, in das man durchweg hineintritt. Weil der Ausdruck “sprichwörtliche Redewendung“ also nicht immer im gleichen Sinn benutzt wird, gilt für die Suche in Sammlungen und Lexika: Lass dich überraschen!

Was steckt dahinter?

Wer weiß heute noch genau, was Maulaffe, Kerbholz oder Kohldampf sind? Nicht der Geier, nein, “Der Röhrich“ weiß es. Denn er ist DAS Lexikon sprichwörtlicher Redensarten. Zum Standardwerk wurde es, weil der Volkskundler Lutz Röhrich darin auf amüsante und trotzdem wissenschaftlich fundierte Art in die Kulturgeschichte der Deutschen einführt. Hier ist eine kleine Auswahl der Dinge, die wir von Redewendungen über unsere Kultur lernen können

Der Maulaffe etwa hat einen Vorfahren aus Ton. “Maulauf“ oder “Gähnaffe“ wurden Kienspanhalter genannt, die seit dem 13. Jahrhundert in Form eines menschlichen Kopfes getöpfert wurden. Der offene Mund hielt das brennende Feuerhölzchen. Daher hält Maulaffen feil, wer mit offenem Mund dumm glotzend dasteht.

In das zweiteilige Kerbholz wurden, vor Einführung der schriftlichen Abrechnung von Schulden, Kerben für Lieferungen und Arbeitsleistungen eingeschnitten. Den einen Teil bekam der Gläubiger, den anderen der Schuldner. Wegen dieser Verwendung gab es früher eine Fülle von Redensarten wie sein Kerbholz ist voll und an ein Kerbholz trinken (auf Rechnung trinken). Heute hat man auf dem Kerbholz, was man ausgefressen hat. Der Kohldampf, den man schiebt, ist eigentlich doppelt gemoppelt oder, um es wissenschaftlich korrekt zu sagen, “tautologisch“. Er setzt sich nämlich aus zwei verschiedenen Wörtern zusammen, die dasselbe bedeuten: Koll (!) und Dampf. Beides waren in der Gaunersprache Rotwelsch Wörter für Hunger.

Warum in unserer Sprache stets vom roten Faden die Rede ist und nicht etwa vom grünen oder gelben, erklärt uns Goethe höchstpersönlich in seinen “Wahlverwandtschaften“. Dort heißt es: “Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte [...] sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen“.

Auch früheren Lebens- bzw. Arbeitsformen haben wir viele unserer Redensarten zu verdanken. So prägte jede Berufsgruppe eigene Ausdrücke: Der Müller leitete das heute sprichwörtliche Wasser auf seine Mühle. Der Winzer schenkte reinen Wein ein. Aus der Welt der Schifffahrt kennen wir etwas vom Stapel lassen, einen ins Schlepptau nehmen, aus dem Jagdleben sich ins Gehege kommen und wissen, wie der Hase läuft, aus der bäuerlichen Welt jemandem zeigen, was eine Harke ist. Aus der Soldatensprache kommen nicht nur Vergleiche - wie aus der Pistole geschossen, wie eine Bombe einschlagen -, sondern auch bezeichnenderweise viele Ausdrücke des Liebeslebens wie eine Eroberung machen oder ein Herz im Sturm erobern.

Dem alten Rechtswesen haben wir vor allem viele Zwillingsformeln wie Kind und Kegel zu verdanken. Das Wort Kegel bedeutete damals uneheliches Kind. Aus dem Mittelalter stammen an den Pranger stellen und auf die Folter spannen. Auch Freizeitbeschäftigungen lieferten bekannte Bilder. Vor allem das allzeit beliebte Kartenspiel machte von sich reden: alle Trümpfe in der Hand haben, ein As sein, dastehen wie Pik Sieben.

Henne oder Ei?

Über die Geburtsstunde einer Redensart wissen wir nur in Ausnahmefällen genau Bescheid. Man findet zwar nicht selten frühe schriftliche Belege. Wie lange eine Redensart aber vorher schon bekannt war, steht oft in den Sternen. Schwer herauszufinden ist auch das Umfeld, aus dem eine Wendung ursprünglich kommt. So scheinen Redensarten wie für jemanden eine Lanze brechen aus der mittelalterlichen Ritterwelt zu stammen, sind aber erst in der Zeit des Historismus im 19. Jh. geprägt worden. Sagten die nordamerikanischen Indianer also tatsächlich die Friedenspfeife rauchen und in die ewigen Jagdgründe eingehen, wie es Karl May erzählt? Der große Manitu weiß es.

Ist er schon sprichwörtlich geworden, so ist der treffende Ausdruck, den irgendjemand in einem lichten Moment geprägt hat, ja längst in aller Munde. Aber aus welchem Mund oder aus welcher Feder kam er zuerst? Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Ein Ausdruck aus dem Volksmund oder seine schriftliche Erfassung in der Literatur?

Aus Volkes Mund

Zunächst einmal spielen Glaube und Bräuche eine große Rolle. Die traditionelle Vorstellung von verschiedenen Himmelssphären kam aus der jüdischen Tradition ins neue Testament. Die oberste Sphäre war der siebte Himmel, der Sitz Gottes. Bis heute bedeutet er das himmelhochjauchzendes Liebesglück, Wolke Sieben eben. Besonders symbolbehaftet sind im Volksglauben die Tiere. So wurde dem Kuckuck seit dem 16. Jahrhundert ein Verhältnis mit dem Teufel zugeschrieben. Weiß der Kuckuck warum!

Krokodilstränen weint man, weil dem Krokodil bereits in mittelalterlichen Sagen angedichtet wurde, wie ein Kind zu weinen, um Opfer anzulocken. Volkserzählungen waren also ebenfalls eine wichtige Quelle von Redensarten, wurden allerdings manchmal überstrapaziert. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts suchten Folkloristen in jedem bildhaften Ausdruck nach urzeitlichen Mythen. So sollte Schwein haben auf den Eber des Gottes Frey zurückgehen. Geklärt ist der wirkliche Ursprung bis heute nicht, weniger grotesk ist aber eine andere Deutung: das As wird im Kartenspiel auch Sau genannt, wer diese Karte hat, hat Glück.

Sehr häufig sind Fabeln zu Redensarten geschrumpft. Sich nicht in die Höhle des Löwen wagen geht auf die Fabel vom kranken Löwen zurück, der den Fuchs in seine Höhle locken will. Für jemanden die Kastanien aus dem Feuer holen und sich mit fremden Federn schmücken sind weitere fabel-hafte Wendungen. Auch aus Sprichwörtern werden manchmal Redensarten, wie schon beschrieben. Dass zum Beispiel mit manchen Menschen nicht gut Kirschen essen ist, verdanken wir dem Sprichwort Mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen.

Bibelspruch oder Werbeslogan?

Allgemein bekannte Zitate werden erst dann zu Redensarten, wenn man ihren Urheber vergisst. Solange man ihn noch kennt, handelt es sich um geflügelte Worte. Natürlich gibt es auch Grenzfälle. Wer weiß heute noch, wer zuerst vom Wolf im Schafspelz oder von zu Berge stehenden Haaren sprach? Und wer wollte ursprünglich anderen das Maul stopfen? Sehr bibelfeste Leser ahnen es, für die anderen sind es eben Redensarten. Unzählige Ausdrücke aus der Bibel wurden zu stehenden Wendungen, die meisten durch Luthers Übersetzung. Einen Silberstreif am Horizont sah zwar Gustav Stresemann für Deutschland nach dem Dawesplan; das wissen aber nur noch Geschichtsfreaks. Und wer sagte zuerst Man gönnt sich ja sonst nichts? Ist das nicht eine uralte stehende Wendung? Oder wurde sie nicht eher vor gar nicht allzu langer Zeit Manfred Krug für eine Schnapswerbung in den Mund gelegt und schlug ein wie eine Bombe?

Technik und TV

Die Massenmedien überfluten uns täglich mit Bildern. Auch bildhafte Redewendungen, die ins Auge fallen, werden immer häufiger eingesetzt. Wir haben eine lange Leitung, stehen völlig auf der Leitung oder haben sogar einen Dachschaden. Im besseren Fall sind wir auf dem Damm oder auf Draht und arbeiten mit Hochdruck. Manchmal ist es höchste Eisenbahn, mal Dampf abzulassen oder eine neue Platte aufzulegen. Solangealles im grünen Bereich ist, kann eigentlich nichts schief gehen. Wie wir sehen, gilt oft auch: Alles im technischen Bereich! Auch viele Fachausdrücke aus dem Sport bekommen eine übertragene Bedeutung, vom Tiefschlag der Boxer bis zum Sprungbrett der Schwimmer.

Manche Schlagworte und Zitate aus Film, Fernsehen, Presse und Werbung machen so schnell die Runde, dass sie beinahe schon stehende Wendungen sind. Besonders, wenn sie so oft wiederholt werden wie der Sylvesterkult “Dinner for one“. Same pocedure as every year, denken sich die Fernsehsender auch noch nach zig Jahren und hoffen, dass die Familien sich nicht immer - aber immer öfter vor der Mattscheibe versammeln. Manche mögen s heiß, Sie baden gerade Ihre Hände darin,... Ob es sich um Eintagsfliegen handelt oder ob diese Renner tatsächlich in die Lexika eingehen, wird sich mit der Zeit herausstellen. Eins aber steht heute schon fest: Hat man die sprichwörtlich längste Praline der Welt zu bieten, dann klappt s auch mit dem Nachbarn (oder dessen Spülmaschine)! Und vielleicht wird man sich auch 2050 noch fragen wie einst Kaiser Franz: Ja, is denn heut schon Weihnachten? Oder - wenn der “Terminator“ längst ein Western von gestern ist - die Hand zum Gruß erheben: Hasta la vista, baby!

Esther Quicker