21.05.2015
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wissen.de Artikel

Abgründe in New York

Tief unterhalb des geschäftigen Manhattans liegen Jahrhunderte alte Sklavenfriedhöfe. Bei Bauarbeiten wurde 1991 einer dieser vergessenen Orte wiederentdeckt. Die mehreren Hundert Skelette, die dort gefunden und nun wissenschaftlich untersucht worden sind, erzählen ein dunkles Kapitel in der Geschichte New Yorks. Eine DNA-Datenbank soll es den Nachfahren der Sklaven in der Zukunft ermöglichen, ihre afrikanischen Wurzeln genauer zu lokalisieren.

Sklavenauktion an der Wall Street

Als Thomas, wie ihn seine christlichen Entführer nennen, am 25. September 1852 um 11 Uhr morgens in Charleston im US-Staat Carolina als „erstklassiger Feldarbeiter“ den Besitzern von Baumwollplantagen zum Kauf angeboten wird, liegen unsägliche Qualen hinter ihm und noch viel schlimmere vor ihm. Der 33-jährige West-Afrikaner muss nach seiner Verschleppung aus seinem Heimatdorf acht Wochen im dreckigen Schiffsbauch eines Sklavenschiffes aushalten, Seite an Seite mit kranken und sterbenden Leidensgenossen, bis ihn nach der Ankunft in New York in der Gegend der heutigen Wall Street ein Sklavenhändler bei einer Auktion ersteigert. Für Tausende der schätzungsweise zwölf Millionen Afrikaner, die auf diese Weise zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert in Amerika ankommen, ist Manhattan bereits Endstation: Sie werden von New Yorkern gekauft und überleben die Strapazen ihrer Schwerstarbeit oft nur wenige Jahre. Nach ihrem Tod dürfen sie aber nicht auf dem Stadtfriedhof der Trinity Church beerdigt werden, sondern finden ihre letzte Ruhestätte auf separaten afrikanischen Friedhöfen, selbst wenn sie zum Christentum konvertiert waren.

Eine andere Geschichte

Einer dieser in Vergessenheit geratenen Sklavenfriedhöfe wurde 1991 bei den Bauarbeiten für ein 34-stöckiges und 300 Mio. Dollar teures Regierungsgebäude in der Nähe des Rathauses im Süden Manhattans wiederentdeckt. Archäologen fanden dort die sterblichen Überreste von 400 Sklaven, die sie exhumierten und an die Howard University brachten, wo sie von führenden afroamerikanischen Wissenschaftlern untersucht wurden. Dabei soll es sich um die Skelette der ersten afrikanischen Sklaven handeln, die nach New York gebracht wurden. „Im ganzen Land gab einen riesigen Aufschrei sowohl bei Amerikanern afrikanischer Abstammung als auch bei Wissenschaftlern, weil die Funde neue erstaunliche Einblicke in die afroamerikanische Geschichte von New York bieten,“ sagt Ayo Harrington, Vorsitzende der „Friends of the African Burial Ground Project“. Diese gemeinnützige Organisation arbeitet eng mit der Arbeitsgemeinschaft „African Burial Ground Project“ zusammen, die von der Regierung eingesetzt wurde, um die Untersuchungen und Projekte rund um den Fund zu organisieren und zu verwalten.

Zuflucht auf Friedhöfen

Friedhöfe sind in der Geschichte der Sklaven und ihrer Nachfahren besonders wichtig, denn für Sklaven galt Versammlungsverbot. Mehr als drei Sklaven durften sich nicht gemeinsam unterhalten. Wer dieses Verbot missachtete, musste mit Peitschenhieben oder anderen Strafen rechnen. Ihre weißen „Herren“ fürchteten nämlich, sie könnten bei größeren Zusammenkünften Pläne für Aufstände schmieden. Die einzige Möglichkeit, mit ihren Leidensgenossen zusammenzutreffen, boten Beerdigungen. Nur dann durften die Sklaven ihre traditionellen Rituale anwenden. Der Friedhof war also der einzige Ort, an dem sie sich treffen und durch ihre Kultur und Spiritualität auch ihre Menschlichkeit erfahren konnten. Neben Knochen wurden auch Hunderte von Grabbeigaben wie Leichentuchnadeln, Knöpfe und andere Kunstobjekte gefunden. Nach Ansicht von Sherrill D. Wilson vom African Burial Ground Project deuten diese Funde darauf hin, dass die Afrikaner in den Städten im Norden der USA ihre Versklavung nicht isolierte, sondern ihnen den Antrieb gab, eine afroamerikanische Gesellschaft zu erschaffen. „Das Wenige, was wir über die Sklaven in New York wissen, wurde von Weißen geschrieben, die sie nur als Arbeitskraft sahen. In Wirklichkeit aber spielten die Sklaven eine bedeutende Rolle beim Bau der kosmopolitischsten und mächtigsten Stadt der 'Neuen Welt, “ sagt Wilson.

Mit DNA-Analyse zurück zu den Wurzeln

Die Entdeckung des Friedhofs schlug solche Wogen, dass sich sehr bald auch der US-Kongress damit beschäftigte. Die Abgeordneten entschieden sich für eine Herangehensweise auf drei Ebenen: Wissenschaft, Öffentlichkeitsarbeit und Gedenkpflege. Die wissenschaftliche Untersuchung der gut erhaltenen Funde stand natürlich an erster Stelle, und sie erbrachte detaillierte Hinweise auf die Lebenssituation der Sklaven. Für die Wissenschaftler zeigt zum Beispiel der Zustand des Zahnschmelzes der gefundenen Gebisse deutlich, dass viele der Sklaven mangel- bzw. unterernährt waren. Durch die Untersuchung der Knochen fanden sie heraus, welchen negativen Einfluss die harte körperliche Arbeit auf die Gesundheit der Sklaven hatte. Ein gebrochenes Genick zum Beispiel deutet darauf hin, dass sich der Mensch wahrscheinlich durch das Tragen schwerer Lasten regelrecht zu Tode gearbeitet hat. Bei etwa 40 Prozent der Funde handelt es sich um Skelette von Kindern. Die Untersuchungen haben bewiesen, dass die Kinder- und Säuglingssterblichkeit unter Sklaven während der Kolonialzeit etwa zwei bis drei Mal höher lag als die bei Kindern von Eltern aus Europa. Als abschließendes Projekt wollen die Wissenschaftler eine DNA-Datenbank anlegen, mit deren Hilfe Nachkommen von Sklaven eindeutig bestimmen können, aus welchem Land Afrikas ihre Vorfahren stammten. „Früher wurden Sklaven umgebracht, wenn sie sich mit Afrika identifizierten, deshalb ist es für die heute lebenden Afroamerikaner besonders wichtig ihre Wurzeln zu kennen,“ sagt Harrington. Nur leider sind gerade die dafür bestimmten Regierungsgelder ausgelaufen. Eine Fortsetzung der Finanzierung ist noch nicht geklärt.

Angst vor der Wahrheit

Für den Zweig der Öffentlichkeitsarbeit stehen der Einrichtung des African Burial Ground Project zurzeit etwa 20 Referenten zur Verfügung, die in New Yorker Schulen Vorträge über den Wissensstand der Forschung halten. „Dabei handelt es sich um ein fortlaufendes Projekt, das die Erstellung von Archiven und Presseveröffentlichungen beinhaltet,“ erzählt Harrington. Da sich das Büro des Projektes im World Trade Center befand, sind viele Kunstobjekte aus den Gräbern, die sich dort zur Archivierung befanden, bei dem Anschlag vom 11. September für immer verloren gegangen. Die Gedenkarbeit besteht bisher nur aus einem Kunstprojekt, für dessen Verwirklichung vor allem weiße Künstler beauftragt wurden und das sich mit der Sklaverei beschäftigt. Die fünf Kunstwerke wurden in der Empfangshalle des Regierungsgebäudes aufgestellt, das schließlich etwas kleinflächiger als geplant an dem Ort des afroamerikanischen Friedhofs gebaut wurde. Angrenzend an die Rückseite des Gebäudes wurde eine kleine quadratische Fläche frei gelassen. Wer nicht danach sucht, geht wahrscheinlich ahnungslos die Elk Street entlang ohne die unauffällige mit Stacheldraht eingezäunte Wiese oder die Informationstafel wahrzunehmen. Damit dort ein endgültiges Denkmal aufgestellt werden kann, müssen zuerst die sterblichen Überreste wieder beerdigt werden. Doch die Regierung verzögert die Bestattung. Die einzige Angestellte, die mit der Organisation der Beerdigung beauftragt war, wurde entlassen. „Die Regierung hat Angst davor die Wahrheit zu sagen,“ vermutet Harrington, die seit sechs Jahren für einen respektvollen Umgang mit diesem Teil der New Yorker Geschichte kämpft. Käme es zu einer feierlichen und damit spektakulären Bestattung, nähme das ganze Land davon Notiz, sagt sie. Die Regierung müsste dann die Leistung der Sklaven beim Aufbau der USA öffentlich anerkennen, sich gar bei den Nachfahren der Sklaven entschuldigen, so Harrington. „Es hat bisher aber noch keine einzige öffentliche Entschuldigung von Seiten der Regierung gegeben,“ sagt sie. Ein Grund dafür könnte u.a. sein, dass eine solch starke symbolische Geste wie eine öffentliche Entschuldigung erhebliche finanzielle Folgen nach sich ziehen könnte, gerade jetzt wo viele Nachfahren von Sklaven die Regierung auf Wiedergutmachungszahlungen verklagt haben.

Im Schatten von Ground Zero

„Vorerst wird die Geschichte nicht umgeschrieben werden, weil bisher nicht eines der Ziele des African Burial Ground Project erreicht worden ist. Daran ist die Regierung schuld: Sie dreht die Geldhähne zu, schließt wissenschaftliche Laboratorien und geht sogar so weit, Angestellte in diesem Bereich zu mobben,“ sagt Harrington. Um die Wirtschaft zu stabilisieren, flössen riesige Summen in den Aufbau am Ground Zero in Manhattan, doch für ein Museum für die Geschichte der Afroamerikaner sei kein Geld übrig, beschwert sie sich. „Ich bin sehr unzufrieden mit dem Verhalten der Regierung,“ fügt sie hinzu. Und man hört die Wut in ihrer Stimme.

Heidi Friedrich