01.06.2015
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Der Dandy: Christian Kracht

Christian Kracht zählt zu den Popautoren der ersten Stunde: Mit seiner 95er-Veröffentlichung Faserland avancierte Kracht zum Begründer des Genres. Nach der Millenniums-Anthologie Mesopotamia und der Kurzgeschichten-Sammlung Der gelbe Bleistift hat der Schweizer mit 1979 nun endlich seinen zweiten Roman vorgelegt.

Jung, schick und heiter

Die ZEIT hat sich an einer Definition versucht: “Der Schriftsteller von heute ist jung, schick und heiter, gibt sich abgeklärt-illusionslos und mit allen Wassern des Umgangs mit der virtuell verdoppelten Wirklichkeit unserer Medien- und Konsumwelt gewaschen“, charakterisiert die renommierte Hamburger Wochenzeitung den Typus des Popliteraten.

Eine Beschreibung, der sich auch der inzwischen 34-jährige Schweizer Christian Kracht nicht entziehen kann. In betont zynischer Pose ist Kracht seit seiner viel diskutierten Debütveröffentlichung zum Prototypen des Popliteraten avanciert, einzig vergleichbar mit dem deutlich jüngeren Lautsprecher Benjamin von Stuckrad-Barre.

Geballte Provokation

Wie auch Branchen-Kollege Stuckrad-Barre polarisiert Krachts Auftreten - doch seine Provokation greift tiefer, ist zynischer verankert. Wo der deutsche Jungautor flapsig den programmierten Widerspruch herausfordert, schürt Kracht die tiefe Ablehnung, manchmal gar Hass. Es sind Sätze wie die folgenden, als er über die deutsche Solidarität zu den USA nach dem 11. September sinniert, die Kracht für einen nicht unbedeutenden Teil der Leserschaft vorn vornherein disqualifizieren:

“Ich sah hier in den Bangkoker Zeitungen Bilder von Berliner Menschenmassen, die sich solidarisch zusammenschlossen - eine Art solidarischer Loveparade mit den Kriegstreibern, die Demonstrationen für oder gegen Bilder, die ihnen die unfassliche Gleichschaltung suggeriert - all dies ist egal, es existiert nicht, es ist lediglich die Spiegelung eines Zustandes des deutschen Glücks, der heißt: einen Amerikaner umarmen. Und diese Bilder sind eklig, finden Sie nicht?“

Durchbruch mit Faserland

Deutsche Befindlichkeiten, wie sie Kracht in diesem FAZ-Interview kurz nach den Terrorattacken in New York beschreibt, waren auch in seiner Debütveröffentlichung Faserland die treibende Kraft. Krachts namenloser Ich-Erzähler, ein ehemaliger Internatsschüler aus reichem Hause, bereist die Republik - von Sylt über Hamburg, von Frankfurt über München bis schließlich nach Zürich -, genießt Alkohol und Zigaretten en masse, steigt in den besten Hotels ab und langweilt sich in seinem Luxusleben doch nur über die Maßen, so scheint es.

Das Buch ist eine tour de force der tausend Partys und Bars, es handelt von “SPD-Nazis“ (sic!), Himmelfahrtsnasen der Mädchen, vom “Kotzen mit Stil“, der Ästhetik des Rauchringemachens - und immer wieder: von Barbourjacken. Ganz nebenbei ist Faserland allerdings auch ein enorm trauriges Buch, die “Tristesse Royale“ - wie Popautor Joachim Bessing später eine Anthologie nannte - wird hier zum kultivierten Lebensgefühl.

Tristesse Royale

Denn obschon äußerlich gelassen und scheinbar unbeteiligt, entgeht dem Erzähler nichts: Mit Detailwut entwirft der Protagonist ein Deutschlandbild, das gleichsam von Verachtung, Schwermut - und wenn gar nichts mehr hilft - Humor geprägt ist, etwa, wenn er über die deutsche Provinzialität sinniert. Doch am Ende bleibt nur der Zynismus:

“Ich würde ihnen von Deutschland erzählen, von dem großen Land im Norden, von der großen Maschine, die sich selbst baut, da unten im Flachland. Und von den Menschen würde ich erzählen, von den Auserwählten, die im Inneren der Maschine leben, die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen und guten Alkohol trinken und gute Musik hören müssen, während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein ganz klein bißchen schlechter. Und daß die Auserwählten nur durch den Glauben weiter leben können, sie würden es ein bißchen besser tun, ein bißchen härter, ein bißchen stilvoller.“

Großer Wurf: 1979

Von dieser Spieß- und Neid-Gesellschaft haben sich die Protagonisten des Nachfolgeromans 1979 längst abgewandt. Der Erzähler, ein junger deutscher Innenarchitekt, und sein gebildeter, - wieder - zynischer, jedoch gesundheitlich stark angeschlagener Freund Christopher reisen zu der Musik von Devo und Blondie durch den Iran, bis nach Teheran.

1979: Es ist der Vorabend der islamischen Revolution, des Aufstandes der Anhänger Ajatollah Khomeinis gegen den Schah und sein westliches Regime. Die Stadt liegt in einem schwer durchschaubaren Taumel, Panzer stehen an den Straßenkreuzungen - doch die beiden Protagonisten sehen dies nicht, realisieren keineswegs die Konsequenzen der bahnbrechenden politischen Umwälzungen: Sie sinnieren lieber über Herrensandalen und Bezüge von Sofakissen.

Dieser völlig wirklichkeitsfremde Ästhetizismus ist bezeichnend für Krachts Figuren - im Grunde eine überspitzte, logische Fortsetzung des Faserland-Entwurfs, nur radikaler eben. Freund Christopher stürzt schließlich, mit Drogen vollgepumpt, in eine Glastür und stirbt noch in derselben Nacht, während der Erzähler in den Wirren der Revolution nicht minder wirr in den Straßen Teherans umherirrt, um sich schließlich einer Läuterung zu unterziehen, nämlich einen heiligen tibetischen Berg zu besteigen.

Moderne Dekadenz

Doch dazu kommt es nicht: Auf chinesischem Gebiet wird der Ich-Erzähler, als russischer Spion verdächtigt, verhaftet und in ein Umerziehungs-, später Arbeitslager gesteckt - ein Schicksal, in das sich der Protagonist ohne große Gegenwehr fügt: “Ich war ein guter Gefangener. Ich habe immer versucht, mich an die Regeln zu halten, ich habe mich gebessert. Ich habe nie Menschenfleisch gegessen.“

Das ist schon starker Tobak, den Kracht in seinem zweiten Roman verbreitet. Die moderne Dekadenz - der eigene Untergang, quasi aus Bequemlichkeit, Trägheit und Rückgratlosigkeit: “Der junge Mann, der nie wusste, was er wollte, oder wollen sollte, will nun nichts mehr“, fasst die FAZ lakonisch zusammen.

Positive Resonanz

1979 wurde vom Literaturbetrieb im Herbst letzten Jahres begeistert aufgenommen. Elke Heidenreich war im Spiegel “sehr fasziniert“, der Kolumnist Peter Praschl hält 1979 gar für ein “großartiges Buch“. Fest steht: 1979 ist vor allem ein Buch für Kritiker - klug konzipiert, voller Anspielungen auf den Soziologen Karl Mannheim und Gabriele DAnnunzio, wie Heidenreich vermutet, beziehungsweise eine “bittere Persiflage“ auf Lord Byrons Reise nach Oxanien, wie die FAZ glaubt.

Kracht selbst scheint die Diskussion wenig zu berühren: “Alles ist so grotesk überhöht und camp, dass Sie sicher finden können, dass 1979 schlecht sei, aber ernst und tragisch ist es nun wirklich nicht. Es ist eher light entertainment, würde ich sagen.“

Light Entertainment?! Fast scheint es, als könne man es dem streitbaren Schweizer nie recht machen: “Ich habe beim Schreiben immer laut lachen müssen, weil ich dachte, so einen Kitsch kann man jetzt nicht wirklich ernsthaft hinschreiben“- Selbstironie war schon immer eine große Passion des Christian Kracht.

Nils Jacobsen