21.05.2015
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wissen.de Artikel

Mozarts Meisterwerke: Don Giovanni

Das Werk

Entstehung: Wien / Prag, 1787

Uraufführung: Prag, 29. Oktober 1787, Nationaltheater

Teile: Ouvertüre und 24 Nummern

Spieldauer: ca. 3 Stunden (ohne Pause)

Was hat Mozart bewogen, den „Don Giovanni“ zu schreiben?

Die Zusammenarbeit mit dem kongenialen Textdichter Lorenzo da Ponte war für Mozart im Fall der komischen Oper Le Nozze di Figaro (Die Hochzeit des Figaro) überaus erfolgreich verlaufen. Das Publikum in Prag zeigte sich begeistert. Diese Gunst wollten Da Ponte und Mozart nutzen und suchten rasch nach einem neuen Stoff. Sie fanden ihn in verschiedenen Quellen um die Legende des an Casanova erinnernden Frauenhelden Don Giovanni. In der Oper Il dissoluto punito, ossia Il Don Giovanni (Der bestrafte Wüstling oder Don Giovanni) lassen sie den charismatischen Verführer in eine zunehmend verzwickte Lage geraten und schließlich für seine betrügerischen Amouren und einen Totschlag vor den Augen seines treuen Dieners Leporello zur Hölle fahren. Giovanni war nämlich bei dem Versuch, die schöne Donna Anna zu erobern, von deren Vater überrascht worden und hatte ihn auf der Flucht getötet. Anna und ihr Verlobter Don Ottavio schwören Rache und treffen in Giovannis enttäuschter Ex-Geliebten Donna Elvira sowie in dem nicht zu Unrecht eifersüchtigen Bauern Masetto und dessen Braut Zerlina Verbündete.

Warum ist der „Don Giovanni“ ein kompositorisches Meisterwerk?

Musikforscher, Theaterwissenschaftler, Dirigenten und Operngourmets schwärmen gleichermaßen von einem vollkommenen Werk, das in drei Spielstunden keine Sekunde die Spannung verliere. Wohl nirgends sonst jongliert Mozart so gekonnt und zielgerichtet mit historischen Opernmodellen, klassischem Formgefühl und einer Ausdrucksintensität, die die Romantik vorausahnt. In den Kontrasten von Hell und Dunkel, Komik und Dämonie, Dur und Moll tut sich eine Welt der musiktheatralischen Farben auf. In diesem „dramma giocoso“ (scherzenden Drama) wird die affektgeladene Arien-Aura der ernsten Opera seria von der verspielten Heiterkeit der Opera buffa durchbrochen. Beide zu jener Zeit eigentlich strikt getrennten Operntypen erscheinen in den grandiosen Ensemble-Sätzen sogar kühn gekreuzt.

Was macht den besonderen Reiz der Oper „Don Giovanni“ aus?

Mozart, der vielleicht wie kein anderer Komponist der Musikgeschichte in der Lage war, Figuren mit musikalischen Mitteln menschliche Konturen zu geben, lässt wunderbar in der Schwebe, wem seine Sympathie eigentlich gehört. Donna Anna ist mit ihrer dramatischen Sopranpartie die würdevolle Tragödin, Donna Elvira ihr zwischen flammender Empörung und nie gänzlich erkalteter Zuneigung für Giovanni hin- und hergerissenes Pendant, gesegnet mit Arien voller spätbarocker Affektgeladenheit. Don Ottavio schwankt zwischen heroischem, aber letztlich hilflosem Pflichtbewusstsein und lyrisch glühender Tenor-Emphase. Zerlina bietet die anmutige Naivität eines zarten Soubretten-Soprans. Der getötete und als Richter aus dem Jenseits wieder auferstandene Komtur vertritt die seriöse Bass-Würde, während der gutmütig gewitzte Diener Leporello als Paradepartie für einen Bassbuffo geschätzt wird. Entscheidend für die Gesamtwirkung ist, dass alle letztlich genauso plastisch erscheinen wie der vermeintlich bösartige Titelheld. Don Giovannis Kavalierbariton-Singen sprüht vor männlicher Kraft und Charisma, ist herrisch, virtuos, sinnlich und bleibt sich, höhnisch aufbegehrend, selbst im Angesicht des Todes treu.

Welche Rolle spielt das Werk im Musikleben und für welchen Typ Hörer ist es besonders geeignet?

Mozarts “Dramma giocoso zählt wie etwa Puccinis Tosca oder Verdis Traviata zu den Opern-Highlights schlechthin und ist wie die Zauberflöte stets unter den meist aufgeführten und inszenierten Gattungsbeiträgen in den Opernhäusern der Welt zu finden. Anders als die äußerlich volkstümliche Zauberflöte“ oder der köstlich buffoneske Figaro fordert das so kunstvolle und stilistisch weit gespannte Werk aber mit seinen Kontrasten einen besonders aufgeschlossenen, aufmerksamen Hörer, der gerne schon etwas Opernerfahrung mitbringen darf.

Der CD-Tipp von wissen.de

Don Giovanni

Eberhard Wächter, Joan Sutherland, Elisabeth Schwarzkopf, Giuseppe Taddei, Luigi Alva, Piero Cappuccilli, Graziella Sciutti, Gottlob Frick; Philharmonia Chorus; Philharmonia Orchestra; Carlo Maria Giulini.
EMI Classics 3 Compact Disc 5678692

Christian Strehk