01.06.2015
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wissen.de Artikel

Das Lebensgefühl der Pop-Kultur

Dank Autoren wie Christian Kracht oder Rebecca Casati ist das Genre der Popliteratur so angesagt wie nie zuvor. Lesungen von Alexa Hennig von Lange oder Benjamin von Stuckrad-Barre sind inzwischen so gefragt wie Rock-Konzerte - ein sicherer “Sellout“. Mehr noch: Der erst 27-jährige Stuckrad Barre hat unlängst mit seinem Lesezirkel auf MTV fast einen popstar-ähnlichen Status erlangt. Doch wie viel Substanz steckt tatsächlich in der Popliteratur? Eine Bestandsaufnahme.

Erstaunliche Trendwende

Martin Walser

Martin Walser

Die Trendwende war erstaunlich: Mitte der 90er-Jahre noch dümpelte der Literaturbetrieb in Deutschland vor sich hin - die Altmeister waren in die Jahre gekommen. Grass und Walser, den letzten großen deutschen Aushängeschildern von Weltruhm, hatten schon längst keine großen Würfe mehr landen können - im Gegenteil: Die letzten Veröffentlichungen Finks Krieg und Ein weites Feld wurden von der Kritik dankbar verrissen.

Auch den großen Amerikanern fehlte es an Impulsen: Die Trias Mailer-Updike-Irving produzierte zwar fleißig veritable Alterswerke, doch die Innovationskraft früherer Werke schien dahin. Schlimmer noch: Während unbekannte Namen, wie Wislawa Szymborska, den Nobelpreis abräumten, scharten Bestseller-Autoren wie John Grisham, Stephen King oder Michael Crichton immer größere Lesermassen um ihre Veröffentlichungen. Immer mehr Menschen, so schien es, kauften und lasen das Gleiche - Literatur, dieses einst höchste Kulturgut menschlicher Sublimierung, schien zur Einheitsware zu verkommen.

Trendsetter Douglas Coupland

“Generation X“

“Generation X“

Fast unbemerkt veröffentlichten in diese stetig wachsende Kommerzialisierung der Literatur eine Horde junger, frustrierter Autoren ihre ersten Frühwerke: Mitten ins Herz der zynischen 90er Jahre traf der schüchterne Kanadier Douglas Coupland mit seinem Debütroman Generation X, der wie kein zweites literarisches Dokument den Zeitgeist einer Generation beschrieb, die es (wirtschaftlich) zum ersten Mal schlechter haben sollte als ihre Eltern-Generation.

Doch der Zynismus hielt sich nicht lange: Kaum war die einzige Rezession der Clinton-Ära 1995 durchschritten, setzte die US-Konjunktur zu einem gigantischen Millenniums-Spurt an, der bis ins nächste Jahrtausend reichen sollte. Getragen wurde der große Boom vom Phänomen der “New Economy“ - ein hohes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger geringer Inflation.

Die desillusionierten Generation-Xler wichen ihren jüngeren Brüdern, die der Fortschrittsgläubigkeit und einem betonten Materialismus huldigten: Douglas Coupland hat diese “Global Twens“ in seinem Nachfolgeroman Shampoo Planet genau beschrieben.

Auch die verstaubte deutsche Literaturszene wurde plötzlich vom Sog der Veränderung erfasst: Ein gewisser Christian Kracht beschrieb die gepflegte Langeweile einer jungen Erwachsenen-Generation, die sich beharrlich weigerte, erwachsen zu werden, leitmotivisch in Faserland - der junge Benjamin von Stuckrad-Barre folgte ihm, weniger generationsübergreifend, in seinem Debüt Soloalbum.

Popliteratur und Internet-Euphorie

Was dann folgte, muss als eine der überraschendsten Wendungen der deutschen Literaturszene der Nachkriegsära begriffen werden. Junge Autoren wurden wieder gelesen - mehr noch: Sie wurden gar umworben! Parallel zum Boom der hippen Internet-Wirtschaft, in der Twenty-Somethings an den Aktienmärkten virtuelle Milliarden bewegten, nahm eine junge Schriftsteller-Generation einen kometenhaften Aufstieg, den es in dieser Form bisher in Deutschland nicht gegeben hatte.

Lesen, diese zeitintensive, anstrengende Tätigkeit war plötzlich wieder trendy - und das im multimedialen Dot.com-Zeitalter. Die Jungautorinnen und -autoren avancierten zu Medienereignissen, die keine Möglichkeit ausließen, um sich selbst zu inszenieren.

Unvergessen der Auftritt der Berliner Autorin Alexa Hennig von Lange in der Harald Schmidt-Show, als sie auf das Kompliment des Talkmasters zu ihrem Kleid entgegnete, sie trage nichts darunter ... Die Selbstinszenierung ist fester Bestandteil des Genres: Der Autor selbst wird “Pop“, seine Vermarktbarkeit in den Medien, getragen von Aussehen, Eloquenz und einer interessanten Biographie, wird zum Erfolgskriterium der Veröffentlichung.

Gegen Ende des Millenniums erlangten die Jungliteraten einen vor wenigen Jahren nicht für möglich gehaltenen Status: Der 18-jährige Benjamin Lebert landete mit dem Pubertätsroman Crazy einen derartig überwältigenden Überraschungscoup, dass seinem Verlagshaus Kiepenheuer und Witsch die Rechte an den Folge-Veröffentlichungen mehr als eine Million Mark wert waren.

Schreibende Popstars

Benjamin von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre, mit fünf Buchveröffentlichungen in fünf Jahren einer der fleißigsten Pop-Literaten, lanciert in seinen öffentlichen Auftritten immer wieder ein Bad-Boy-Image, das provoziert. Und sich verkauft: Die Auflage seiner Titel nimmt proportional zu seinen TV-Exzessen zu - der gebürtige Bremer war mit schon vier Besuchen in der Harald Schmidt-Show einer der regelmäßigsten Gäste in der Sendung seines Mentors.

Den vorläufigen Popularitäts-Höhepunkt erlebte der Dauer-Zyniker im vergangenen Winter mit seiner zwölfteiligen eigenen Fernsehsendung Lesezirkel - naheliegenderweise auf MTV ausgestrahlt -, in der der 27-Jährige einmal mehr nach Herzenslust über die Branche und ihre Protagonisten pöbeln durfte.

Auch die Geschichte der Glamour-Redakteurin Rebecca Casati liest sich wie eine Early Success-Story. Die attraktive Hamburgerin schrieb seit Jahren für das jetzt-Magazin, die jugendliche Beilage der Süddeutsche Zeitung, ehe der Literaturagent Matthias Landwehr bei Casati den Drang nach literarischen Ehren nährte, der ihr den viel diskutierten Vorschuss von geschätzten 150.000 DM einbringen sollte. Entsprechend neiderfüllt diskutierten die Branchenkollegen in ihren Rezensionen eher über den Vorschuss denn über die literarische Qualität des Debüt-Romans.

Blinder Fleck für Schöngeister?

Genau hier offenbart sich jedoch häufig genug das Manko des Genres, das weniger als frühere literarische Strömungen keine in sich geschlossene Gattung ist, d.h. jegliche eigenständige stilistische Charakteristika sowie inhaltliches oder politisches Engagement vermissen lässt. Popliteratur, so wird gelästert, sei nicht viel mehr als eine Marketing-Erfindung, die wie kein zweites literarisches Genre davon lebe, medienwirksam verkauft zu werden.

Doch disqualifiziert der Flirt mit der Öffentlichkeit die Protagonisten der Popliteratur als ernst zu nehmende Autoren? Popliteratur, das beweisen Debütveröffentlichungen wie Faserland, sind nicht zwangsläufig mit Mainstream gleichzusetzen. Vielmehr ist das Genre um alternative Erzählformen bemüht: Internet-Buchprojekte wie Elke Naters und Sven Lagers the Buch, das aus der Website am pool hervorging, stehen stellvertretend für die Experimentierfreudigkeit des Genres.

Ich, Ich, Ich

Diese Suche nach der Form steht häufig genug exemplarisch für die Identitätssuche ihrer Protagonisten. Benjamin von Stuckrad-Barre etwa gefällt es, seinen Plot in impressionistischer Manier mit dem Stilmittel des inneren Monologs zu entfalten: Klassische Dialoge, gekennzeichnet durch Anführungszeichen, sind bei ihm Fehlanzeige.

Auffällig bei Stuckrad-Barre und den anderen Popliteraten ist der Hang zur Ich-Form. Faserland, Soloalbum, Relax, Hey, Hey, Hey: In allen Debütantenwerken der jungen Autoren wird der Handlungsstrang aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschildert. Alexa Hennig von Langes Nachfolgeveröffentlichungen machen die Ich-Form gar zum namensgebenden Programm: Auf Ich bins folgte Ich habe einfach Glück.

“Glauben Sie mir, ich bin anders als die anderen“, lässt Rebecca Casati ihren Held den Debütroman eröffnen - ein Satz, der fraglos ebenso von den Protagonisten der anderen Popliteraten stammen könnte. Eine Selbsteinschätzung, die enthüllend ist: Wie selten in der Literaturgeschichte, begreifen sich die Protagonisten als Stimme ihrer Generation - und reden auch so. “Nein“, antwortet der Protagonist in Casatis Hey, Hey, Hey auf die Frage, ob seine Generation keine neuen Ideen hervorgebracht habe: “Keine Kriege, keine Dramen, keine Helden.“

Der Zeitgeist der Twenty-Somethings

Dass die erzählerische Qualität der Pop-Werke selten mit dem öffentlichen Wirbel ihrer Autoren mithalten kann, steht auf einem anderen Blatt. Immer wieder tritt der Vorwurf der Literaturkritik auf, es werde in den Pop-Veröffentlichungen nur behauptet - jedoch selten ernsthaft erzählt: Stringente Handlungsführung und strukturierte Erzählform sind oft Mangelware.

Tatsächlich liest man vielen Veröffentlichungen den enormen Zeitdruck an, unter dem sie geschrieben wurden. Hier Talkshow-Termine und Lesereisen für Promotionzwecke, dort - wie im Falle Casatis - noch eine Redakteursstelle: Der Job des Popliteraten scheint für manchen Autor mehr zum stressigen Nebenberuf als zur kompletten Berufung zu werden.

Doch die literarischen Qualitäten der Popliteratur mit den Parametern der Literaturwissenschaft zu messen, mag in die Irre führen. Die wirkliche Leistung der Popliteratur liegt weniger darin, ein veritables Meisterwerk hervorzubringen, das in 30 Jahren noch gelesen wird - einen “Fänger im Roggen“ der Internet-Generation etwa -, als vielmehr das gegenwärtige Lebensgefühl so real wie möglich literarisch festzuhalten.

Wenn Rebecca Casati in Hey, Hey, Hey ihren Protagonisten alphabetisch nach körperlicher Nähe jagen lässt, dann wird hier ein gesellschaftliches Sujet transportiert, das bislang literarisch kaum behandelt, fast komplett Abendserien wie Sex and the City oder Filmen wie Intimacy überlassen wurde - die allgegenwärtige Frage der Promiskuität im neuen Jahrzehnt.

Hierin besteht die tatsächliche Bedeutung der Popliteratur: Nämlich den Zeitgeist einer ganzen Generation zu beschreiben, ihn authentisch darzustellen. Das, was engagiertere Magazine wie Allegra oder die SZ-Beilage jetzt in 2-3-Seiten-Reportagen als lebendige Momentaufnahme einzufangen versuchen, wird hier zwischen den Buchdeckeln entfaltet, ja erst glaubhaft vermittelt.

Geschichten wie in in Stuckrad-Barres Soloalbum passieren in der 20PlusX-Generation tausendfach, jede Woche. Es sind Geschichten, die ganze Industriezweige treiben - die Mode-, die Musik- und die Film-Branche: Sehnsüchte nach erfüllter Liebe, Selbstverwirklichung, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Die Popliteratur hat begonnen, diese persönlichen Dramen der jungen Erwachsenen in den 90er Jahren und dem neuen Millennium aufzuschreiben, sie zu dokumentieren. Darin unterscheidet sie sich nicht von vorigen Generationen - was sich geändert hat, ist der Anstrich, der Zeitgeist.

Nils Jacobsen