21.05.2015
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wissen.de Artikel

Wolfgang Amadeus Mozart – Kindheit, Reisen, erste Erfolge

Professor Martin Geck, Musikhistoriker an der Universität Dortmund, nähert sich dem Phänomen Mozart in einer exklusiv für wissen.de geschriebenen Biographie mit Ausblicken auf die wichtigsten Werke. Sein vor kurzem erschienenes Buch “Mozart. Eine Biographie“ wird nicht nur hochgelobt, sondern findet sich auch auf der aktuellen “Spiegel-“Bestsellerliste wieder. Das gelingt Büchern über Musik nicht gerade häufig ...

Früheste Kindheit: 1756-1762

Mozart kommt am 27. Januar 1756 abends acht Uhr Salzburg, Haus Nr. 225 am Löchelplatz, zur Welt. Das im Zentrum nahe der Universität gelegene Geburtshaus heißt heute Getreidegasse 9 und ist als Gedenkstätte eingerichtet. Die im 3. Stock befindliche und 182 Quadratmeter große Wohnung verfügt über einen repräsentativen Salon, dessen vier Fenster auf den Löchelplatz weisen. Ferner gibt es eine Schlafkammer, in der Mozart geboren sein dürfte, sowie ein Arbeits- und ein Gästezimmer. Einige Stufen abwärts geht es in eine Küche mit offenem Feuer und marmoriertem Boden. Das alles ist von gut bürgerlichem Zuschnitt.

Schon am Morgen nach der Geburt wird er im Salzburger Dom getauft. Chrysostomus heißt er nach dem Kirchenlehrer, an dessen Festtag er geboren ist, Wolfgang nach dem Großvater mütterlicherseits und Theophilus so heißt es im Taufbuch nach dem Taufpaten Pergmayr, einem wohlhabenden Salzburger Kaufmann. Doch weder "Gottlieb" noch "Theophilus" wird Mozart übernehmen: In Italien nennt er sich "Amadeo" und seit etwa 1777 durchgehend "Amadé".

Obwohl siebtes und letztes Kind, wird er nicht etwa in einen stattlichen Geschwisterkreis hineingeboren, trifft vielmehr nur auf die viereinhalbjährige Marie Anna, genannt Nannerl. Die anderen Geschwister sind im Säuglingsalter gestorben.

Wenn man späteren Äußerungen Vater Leopolds traut, beruhte die Ehe der Eltern auf einer Liebesheirat. Und obendrein so schreibt Konstanze Mozarts zweiter Ehemann Nissen waren beide "von einer so vortheilhaften Körpergestalt, dass man sie zu ihrer Zeit für das schönste Ehepaar in Salzburg hielt".

Die dominierende Rolle in der Familie kommt dem Vater zu. Nach dem Besuch der Salzburger Universität hat er sein erstes Geld als Kammerdiener des Salzburger Domherrn Graf Thurn-Valsassina und Taxis verdient. Seit 1747 ist seine Stellung als vierter Violinist so weit konsolidiert, dass geheiratet werden kann. Später wird er es am Salzburger Hof bis zum Vizekapellmeister bringen.

Bei der musikalischen Erziehung seines Sohnes lässt Vater Leopold keineswegs jenen Drill walten, der uns in Peter Shaffers Bühnenstück Amadeus und dem danach gedrehten Film von Milos Forman ins Auge springt. Er scheint vielmehr ein guter Pädagoge gewesen zu sein, was andauernde menschliche Konflikte mit dem heranwachsenden und erwachsenen Sohn freilich nicht verhindert hat.

Die Mozart-Familie auf den ersten Konzertreisen: 1762-1766

In der musikalischen Ausbildung von Wolfgang Amedé setzt der Namenstag seiner Schwester Nannerl im Sommer 1759 einen ersten Akzent: Der Vater schenkt ihr ein liniertes Notenbuch, in das man nach und nach Stücke eintragen kann, die man für den Klavierunterricht braucht, mit dem die fast Achtjährige nun beginnen soll.

Da hat Nannerl etwas zu üben, und der dreieinhalbjährige Wolfgang sieht und hört zu. Es vergehen etwa eineinhalb Jahre, bis Vater Mozart hinter dem achten Menuett den Vermerk anbringt: "Diese vorgehenden 8 Menueten hat d. Wolfgangerl im 4ten Jahr gelernt", womit er meint: im Alter von vier Jahren.

Am 1. Oktober 1763 gibt Wolfgang sein erstes öffentliches Konzert in einem Linzer Gasthof und in Gegenwart von einigen Standespersonen, die den Mozarts den erwünschten Zutritt beim kaiserlichen Hof erleichtern. Knapp zwei Wochen später wird man in Schloss Schönbrunn von Kaiserin Maria Theresia und ihrem Gatten Franz II., empfangen. "der Wolferl", so erzählt Leopold in der bekannten Briefstelle, "ist der Kayserin auf die Schooß gesprungen, sie um den Halß bekommen, und rechtschaffen abgeküsst."

Nachdem die Generalprobe geglückt ist, kann es auf die große Europatournee gehen. Diese wird von Mitte Juni 1763 bis Ende November 1766, also dreieinhalb Jahre, dauern. Wieder ist die ganze vierköpfige Familie unterwegs, begleitet von dem Bedienten Sebastian Winter. Man reist vier- oder sechsspännig in der eigenen viersitzigen Kutsche, muss allerdings Kutscher und Pferde von einer Poststation zur nächsten mieten.

Von November 1763 bis April 1764 ist man in Paris. Die Mozarts speisen an der Neujahrstafel Ludwigs XV. in Schloss Versailles, wo sich die Hofgesellschaft mit Ausnahme der hochmütigen Marquise de Pompadour als gnädig erweist. Dann geht die Reise nach England, wo Wolfgang während seines fünfzehn Monate dauernden Aufenthalts künstlerisch einen gewaltigen Sprung tun wird.

Vermutlich schon recht bald nach der Ankunft in London schenkt Leopold dem Sohn ein leeres Notenheft, was für diesen starken Aufforderungscharakter besitzt. Denn man mag es glauben oder nicht: Bis dahin hat der nunmehr Achtjährige seine Kompositionen weitgehend vom Vater oder von der Schwester aufschreiben lassen.

Der erste Opern-Erfolg in den Jahren 1767-1771

In Salzburg, wo man nach der großen Reise im November 1766 wieder anlangt, warten zunächst nur kleinere Aufgaben. Mozart komponiert die beiden dramatischen Konzertarien KV 36 und KV 70 und erhält dann den Auftrag, für die Fastenzeit 1767 den ersten Teil der Schuldigkeit des ersten Gebots KV 35 aufzuführen - gemeinsam mit zwei Lokalgrößen: Konzertmeister Michael Haydn schreibt den zweiten, Hoforganist Anton Adlgasser den dritten Teil.

Etwa ein Jahr später gelingt Mozart mit Bastien und Bastienne KV 50 der Einstieg in das deutsche Singspiel. Danach, im Herbst 1767, macht er sich in Begleitung seines Vaters nach Wien auf, wo sich Joseph II. im Januar 1768 den Wunsch entlocken lässt, Wolfgang möge für sein Hoftheater eine Oper komponieren und selbst dirigieren. Es geht um die Buffa La finta semplice KV 51, deren Originalpartitur laut Leopolds stolzer Zählung 558 Seiten umfasst. Doch ohne dass eine Aufführung zustandgekommen wäre, muss Mozart nach Salzburg zurückkehren. Kaum hat ihn der Fürsterzbischof im Oktober 1769 zum dritten Konzertmeister ohne Bezüge ernannt, da sitzt er schon wieder in der Postkutsche nach Italien, diesmal nur vom Vater begleitet. Wolfgang soll in Mailand eine Opera seria komponieren.

Am 5. Juli wird Wolfgang Ritter vom goldenen Sporn und erhält aus der Hand des Kardinals Pallavicini im Palazzo Quirinale die Insignien dieses päpstlichen Ordens: das goldene Kreuz am roten Band, den Degen und die Sporen. Eine neue Ehrung wartet in Bologna. Dort wird Mozart am 10. Oktober 1770 in die Accademia Filarmonica aufgenommen, nachdem er am Vortrag in Klausur gesessen und sein Prüfungsstück niedergeschrieben hat: die Antiphon Quaerite primum regnum Dei KV 86. Das zurückhaltende Urteil der siebzehnköpfigen Kommission deutet an, dass Mozart sich schwergetan hat: "In Anbetracht der Umstände für hinreichend befunden" so lautet es.

Der Vierzehnjährige ist zu dieser Zeit ohnehin mehr mit seiner Seria für Mailand beschäftigt. Mitridate, Ré di Ponto heißt sie, und am 26. Dezember ist Premiere. Das Orchester ist mit je vierzehn ersten und zweiten Violinen prächtig besetzt, Mozart sitzt am ersten Cembalo, und das Publikum ruft "Viva il Maestro, viva il Maestrino". Es gibt insgesamt zwanzig Aufführungen und damit einen großen Erfolg.

Mozart sammelt Berufserfahrungen: 1771-1777

Nach dem Mitridate-Erfolg von Mailand zieht es Vater und Sohn Mozart nachhause; überhaupt ist die Zeit der langen Auslandsaufenthalte vorbei: Von Frühjahr 1771 bis Herbst 1777 wird man sich vor allem in Salzburg aufhalten, jedoch zur Erfüllung von Opern-Aufträgen noch zweimal nach Mailand und einmal nach München reisen.

Zum großen Erfolg wird die Uraufführung von Ascanio in Alba am 17. Oktober 1771 in Mailand, wo das Werk anlässlich eines Habsburgischen Staatsaktes erklingt, nämlich zur Vermählung des österreichischen Erzherzogs Ferdinand mit einer Prinzessin von Modena. Ein Jahr später kommt Mozart, wiederum in Mailand, mit der Seria Lucio Silla gut an, ohne sich in Italien als Opernkomponist jedoch wirklich etalblieren zu können. Der nächste Auftrag kommt vielmehr aus München und gilt einer Buffa. Da ziehen also die beiden Mozarts im Dezember 1774 wieder los, um zum Münchner Karneval mit La Finta giardiniera rechtzeitig zur Stelle zu sein.

Der heimatliche Status der Mozarts bleibt freilich permanent heikel. Leopold ist seit 1763 Vizekapellmeister, wird 1777 einmal im Zorn entlassen und wieder eingestellt. Wolfgang nimmt von 1772 bis 1777 eine feste Konzertmeisterstelle wahr; danach ist er bis zu seinem definitiven Ausscheiden aus Salzburger Diensten teils beurlaubt, teils unerlaubt abwesend, teils als Konzertmeister und Hoforganist angestellt.

Natürlich will der musikalisch gebildete Fürsterzbischof Colloredo von der jungen Berühmtheit an seinem Hof auch selbst etwas haben. So beauftragt er Mozart Anfang 1775 mit der Komposition von Il Ré pastore KV 208, einer von Metastasio gedichteten, zum aktuellen Anlass jedoch neu bearbeiteten Serenata. Das Werk erlebt seine erste und letzte Aufführung am 23. April anlässlich eines Salzburger Hoffestes zu Ehren des Erzherzogs Maximilian

Welche Aufgaben hat ein Salzburger Konzertmeister im Alltag? Er geigt bei der Kammer- und Kirchenmusik und komponiert fürs Repertoire, wenn er dazu in der Lage ist, eigene Stücke unter anderem Sinfonien. Mozarts Salzburger Sinfonien des Jahres 1772 (KV 124, 128-130, 132-134) zeigen eine planmäßige Auseinandersetzung mit der Gattung bei einer Tendenz zur Konzertsinfonie. Und geht es danach auch nicht mit der gleichen Systematik weiter, so gelingen doch mit der "kleinen" g-Moll-Sinfonie KV 183 und derjenigen in A-Dur KV 201 Werke, die es zu Recht ins heutige Konzertprogramm geschafft haben.

Die große Paris-Reise: 1777-1778

Diesmal ist Mozart mit der Mutter unterwegs; denn der Vater hat keinen Urlaub bekommen. Der erste wichtige Aufenthaltsort ist Mannheim, wo ihm vor allem drei Familien das Leben angenehm machen: die Cannabichs, die Wendlings und die Webers. Kapellmeister Christian Cannabich hat in der dreizehnjährigen Rosl eine Tochter, für die Mozart die C-Dur-Sonate KV 309 schreibt, welche im Hause "des tages gewis 3 mahl gesungen, geschlagen, gegeigt, oder gepfiffen" wird. Johann Baptist Wendling ist Hofflötist; für seine Frau Dorothea komponiert Mozart die Kontartarie "Ah non lasciarmi no" KV 295 a.

Und dann gibt es die Weberischen ein Name, welcher Vater Leopold recht bald einen Schauer über den Rücken rieseln lässt. Vater Franz Fridolin ein direkter Onkel von Carl Maria von Weber verdient als Bassist, Souffleur und Notenkopist des Hoftheaters sein Geld. Seine vier Töchter Josepha, Aloisia, Konstanze und Sophie haben sämtlich mit Musik zu tun; doch vorerst interessiert Mozart nur eine: die damals siebzehn- oder achtzehnjährige Aloisia. Sie tritt bereits als Sängerin am Hof auf, und Wolfgang tut alles, um sie zu fördern; denn schließlich soll sie mit ihm nach Italien und ihn heiraten.

Vater Mozart sieht den Sohn unter die fahrenden Leute gefallen, muss ihn geradezu nach Paris prügeln und ist heilfroh, als dieser am 24. Marz 1778 endlich Vollzug meldet: "gestern Monntag den 23:ten nachmittag um 4 uhr sind wir gott lob und danck glücklich in Paris angekommen".

Da das Reisegeld wieder einmal knapp zu werden droht, logieren Mutter und Sohn sparsam, wenn nicht ärmlich zunächst in einer Wohnung außerhalb des Zentrums und ohne Klavier und Sonnenschein. Vor allem die Mutter, die kaum französisch spricht und auch zum Essen nicht ausgeht, ist bald vereinsamt und todunglücklich; später werden die Wohngelegenheiten etwas besser.

Auch Mozart ist überwiegend unzufrieden; vor allem der Adel erscheint ihm wetterwendisch und an dem Zweiundzwanzigjährigen weit weniger interessiert als am ehemaligen Wunderkind. Erfolg hat er mit seiner D-Dur-Sinfonie KV 279, der sogenannten "Pariser", die am Fronleichnamstag des Jahres 1778 im Concert spirituel aufgeführt wird: mit der reichen, in Deutschland noch ungewöhnlichen Bläserbesetzung von je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotten, Hörnern und Trompeten.

Am 3. Juli 1778 stirbt die Mutter. Dass Mozart von ihrem Tod tief getroffen ist, steht außer Frage; dass es mit der Gründung einer eigenen Familie weitergehen soll, ist gleichwohl unstrittig. So führt ihn die Rückreise nach Salzburg über München, wo man gerade Aloisia als Alceste in Anton Schweizers gleichnamiger Oper feiert; ihr Gehalt als Hofsängerin übersteigt dasjenige, das ihren Verehrer in Salzburg erwartet, um mehr als das Doppelte. Mozart überreicht ihr die Konzertarie "Io non chiedo" KV 316, holt sich aber einen Korb.

Auf dem Sprung nach Wien: 1779-1781

Im Jahr 1779 schreibt der renommierte Reiseschriftsteller Caspar Riesbeck, der damals auch das Bonn des jungen Beethoven skizziert: "Alles atmet hier den Geist des Vergnügens und der Lust. Man schmaust, tanzt, macht Musiken, liebt und spielt zum Rasen, und ich habe noch keinen Ort gesehen, wo man mit so wenig Geld so viel Sinnliches genießen kann".

Im kompositorischen Bereich liegt ein starker Akzent auf der Kirchenmusik. Unter anderem schreibt Mozart die "Krönungs-Messe" KV 317 und die C-Dur-Messe KV 337. Die erstgenannte hielt er für gut genug, um sie im Frühsommer 1791 für eine Präsentation im Wiener Stefansdom vorzusehen und einige Monate später anlässlich der Prager Krönungsfeierlichkeiten tatsächlich aufzuführen daher der Name. Ferner arbeitet Mozart an einem deutschen Singspiel Zaide, das aber unvollendet bleibt. Stattdessen komponiert er für die Münchner Karnevalssaison 1780/81 eine Seria mit dem Titel Idomeneo, Ré di Creta.

Anschließend gerät Mozart in so heftige Auseinandersetzungen mit seinem Dienstherrn, dem Fürsterzbischof Colloredo, dass er seine Entlassung fordert, sie aber nicht gleich erhält.Er wird immer aufgeregter; doch erst am 8. Juni lässt Mozarts unmittelbarer Vorgesetzter Graf Arco anlässlich einer neuerlichen Demarche zu dem historischen "tritt im arsch" hinreißen, der dem Dienstverhältnis ein jähes Ende setzt. Mozart beschließt, sich in Wien als freier Künstler niederzulassen.

Lesen Sie weiter im 2. Teil “Die Wiener Jahre“

Martin Geck