01.06.2015
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Das Chamäleon: Alexa Hennig von Lange

Alexa Hennig von Lange legt ein beachtliches Tempo vor: Obschon noch keine 30 Jahre alt, hat die Wahl-Berlinerin bereits drei Romane veröffentlicht. Doch das ist nur eine Seite ihrer Geschichte: Die Popautorin ist Mutter der zweijährigen Mia und demonstriert nachdrücklich, wie man den Traum von Kind und Karriere unbeschwert unter einen Hut bekommen kann.

Alexa im Glück

Alexa Hennig von Lange

Alexa Hennig von Lange

Der aktuelle Romantitel ist Programm: Ich habe einfach Glück - so könnte auch die noch ungeschriebene Biografie der inzwischen 28-jährigen Pop-Autorin heißen. Denn alles, so scheint es, was Alexa Hennig von Lange anfasst, wird ein Erfolg. Nicht nur der Debütroman Relax - auch das Nachfolgewerk Ich bins und eben die jüngste Veröffentlichung Ich habe einfach Glück avancierten zu kritischen als auch Verkaufserfolgen.

Dabei war es bis zum Kultstatus des “Spice Girls der Popliteratur“ (Die Zeit) ein langer Weg. Die Wahl-Berlinerin startete ihre Medienkarriere als Moderatorin des Kinderfernsehen-Formats Bim Bam Bino, um wenig später als Drehbuchautorin für die Daily Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten hinter die Kamera zu wechseln. 1997 gelang ihr als eine der ersten Autorinnen des Pop-Genres der Durchbruch mit dem unverbraucht erzählten Drogenroman Relax.

Charmante Selbstinszenierung

Wie wahrscheinlich kein Autor des Genres, versteht es Alexa Hennig von Lange, Bücher über ihre schillernde Persönlichkeit zu verkaufen: Es ist kein Wunder, dass die attraktive Rothaarige mit den Sommersprossen das Cover ihres aktuellen Romans selbst ziert - denn Inszenierung ist Bedingung für einen erfolgreichen Popautor.

Das gelingt Alexa Hennig von Lange stets auf eine sehr charmante Weise. Wer einmal das Glück hatte, sie auf einer Lesung zu erleben, kann sich ihres Showtalents nur schwer entziehen. Mit viel Sinn für Entertainment trägt sie etwa den Part der 15-jährigen Lelle im aktuellen Roman Ich habe einfach Glück mit mädchenhafter Piepsstimme vor. Das ist dieselbe Alexa, die noch vor einem Jahr Talkmaster Harald Schmidt mit folgendem erstaunlichen Dialog schockte:

“Du dachtest sicher, das wäre ein Kleid, das ich anhabe“, sagt Alexa Hennig von Lange mit lasziver Stimme.
“Bitte?!“ entgegnet der verwirrte Harald Schmidt. “Ja, das dachte ich.“
“Das ist kein Kleid...“
Alexa Hennig von Lange lüftet das Shirt und zeigt ihren Bauch.
“Das ist ein Rock, mit einem - Top? Nennt man das so?“, versucht Schmidt ihr auf die Schliche zu kommen.
“Ja“, grinst sie. “Ich habe nichts drunter ...“ Das Publikum johlt.
“Alexa!“ ruft Schmidt amüsiert aus. “Ist das wahr? Du hast überhaupt nichts drunter?“
Alexa Hennig von Lange grinst genüsslich und schüttelt den Kopf.
“Hast Du das bewusst gemacht, dass Du...“ - Schmidt ringt nach Worten - “...ohne was drunter hier her kommst?“
“Natürlich“, haucht sie. Wieder Gelächter.
Doch Schmidt hat noch ein Ass im Ärmel: “Was hättest Du jetzt gemacht, wenn ich nicht schwul wäre?“

Deutsche Antwort auf Trainspotting

Ebenso wandlungsfähig wie bei ihren öffentlichen Auftritten ist Alexa Hennig von Lange auch im Verlauf ihrer noch jungen Karriere als Autorin gewesen. 1997 schockte die damals erst 24-Jährige mit dem Erstlingswerk Relax - ein Drogenroman, gespickt mit Szene-Vokabular. Relax erzählt die Geschichte eines Wochenendes im Leben eines Party-Pärchens, das zwischen Sex und Drogenkonsum wenig andere Lebensinhalte kennt.

Der Roman kleidet eine klassische Liebesgeschichte ins Gewand der vergnügsüchtigen, hektischen Techno-Generation: Die Story ist schnell geschnitten, die Dialoge fließen rasant. Dabei bedient sich Alexa Hennig von Lange des Kunstgriffs, das Wochenende sowohl aus der männlichen, als auch aus der weiblichen Perspektive zu schildern.

Der jungen Autorin gelang mit Relax über Nacht der große Durchbruch. Fans liebten den Roman als “deutsche Antwort auf Trainspotting“, die Kritiker vor allem als gelungenes Generations-Portrait. Stellvertretend für die vielen überschwänglichen Rezensionen lobt Die Welt:

“Wenn eine verwunderte Menschheit dereinst probiert, die Geschichte der mit Raves, Slangs, Sex- und Markenmania sowie paranoider Angst vor Stillstand vollgestopften Generation Techno zu rekonstruieren, wird sie froh sein, dass da Alexa Hennig von Lange war. Eine, die den Kids in die Köpfe guckte, aus denen dann Romane quollen, Monologe irrlichternder Wohlstandskinder.“

Ich bins

“Ich bin’s“

“Ich bin’s“

Der Nachfolgeroman Ich bins wagt sich an ein Portrait der Twenty-Somethings außerhalb der Techno-Szene heran: Im Zentrum stehen diesmal Protagonisten, die man getrost der hedonistischen, aber gelangweilten Spaßgeneration der späten 90er Jahre zurechnen kann. So etwa der Berliner Fotograf Lars, der sich von dem Geld, das er bei seinem Bruder, dem Besitzer des Clubs Sexy Stretch, verdient, gerne ein Paar Airmax bei Nike Town kauft - 20 Paar sollen es schließlich werden.

Lars lebt mit seiner Freundin Mia - so übrigens auch der Name des erstes Kindes der Autorin - zusammen, die ihm allerdings mit der Zeit durch ihre Sexbesessenheit auf die Nerven geht - sie ist “irgendwie pornografisch und hat echt kein Benehmen“. Mehr noch: “Wenn ich morgens aufwache, glotzt die mich schon so lüstern an, grabbelt an mir rum und will Liebe.“

Diese beständige Flucht vor der Liebe, nach der die Protagonisten paradoxerweise doch immer auf der Suche zu sein scheinen, ist auch im dritten Roman Ich habe einfach Glück zentrales Thema. Wieder überrascht Alexa Hennig von Lange ihre Leser: Diesmal ist sie in der Zeitachse zurückgesprungen - Protagonistin Lelle ist gerade mal 15 Jahre alt.

Jugendlicher Wahnsinn

Ich habe einfach Glück beleuchtet den alltäglichen Wahnsinn in einer deutschen Durchschnittsfamilie durch den jugendlichen Blickwinkel: Die Schwester Lelle und Cotsch erleiden unter ihrer manischen Mutter den klassischen Pubertätsalbtraum. Doch während sich die zwei Jahre ältere Cotsch mit Jungs-Bekanntschaften zumindest ablenkt, bleibt der 15-jährigen Lelle nur die Flucht in ihre Gedankenwelt - und in die Weigerung, zu essen. Bis sie den Nachbarsjungen Arthur kennen lernt, den sie “irgendwie süß“ findet, um sich noch mehr ihren mädchenhaften Tagträumen hinzugeben.

Der Roman ist kein großer Wurf, kein Fänger im Roggen der Pop-Generation, dafür fehlt es Ich habe einfach Glück an Tiefe. Aber die mittlerweile dritte Veröffentlichung der 28-Jährigen ist doch ein gelungener Versuch, bewusst mit dem Pop-Branche zu brechen. Mal Spice Girl, mal Lolita, mal Mutter - Alexa Hennig von Lange hat viele Gesichter. Es ist ihr großes Vermögen, diese - gleich einem Chamäleon - je der Situation entsprechend geschickt einzusetzen und dabei, mal als Autorin, mal als Entertainerin, das zu tun, was die quirlige Wahl-Berlinern am besten kann: einfach gut unterhalten. Keine Frage: Alexa Hennig von Lange hat einfach Glück.

Nils Jacobsen