21.05.2015
You voted 1. Total votes: 152
wissen.de Artikel

Marcel Reich-Ranicki - ein bewegtes Leben

Schon zu Lebzeiten war Marcel Reich-Ranicki eine Legende: Kein Literaturkritiker im deutschsprachigen Raum besaß ein solches Renommee wie er - dabei war sein Urteil stets gefürchtet, seine Verrisse galten als erbarmungslos. Seit seiner Jugend widmete Reich-Ranicki seine Aufmerksamkeit ganz der deutschen Literatur und avancierte im Laufe seines bewegten Lebens zum Starkritiker.

Frühe Leidenszeit

Dieses Bild ist leider nicht verfügbar. - wissen.de
Marcel Reich-Ranicki
Marcel Reich-Ranicki hat viel Leid gesehen in seinem Leben. Ihren Anfang nimmt eine der bedeutendsten Karrieren in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts am 2. Juni 1920 in Wloclawek an der Weichsel, als der Sohn eines polnisch-jüdischen Kaufmanns und seiner deutsch-jüdischen Frau geboren wird - Marcel Reich.

Schon mit neun Jahren vollzieht sich der erste Einschnitt im Leben des jungen Marcel Reichs: Die väterliche Fabrik, in der Baumaterialien hergestellt wurden, geht Pleite - die Reichs siedeln nach Berlin über, wo der junge Marcel das Werner-von-Siemens-Gymnasium besucht und, nach dessen Auflösung 1935, an das angesehene Fichte-Gymnasium wechselt. In diese Jugenzeit fällt die so nachhaltige Begegnung mit der deutschen Literatur und der blühenden Berliner Theaterszene der 30er Jahre.

Die Repressalien der Nationalsozialisten werden jedoch immer größer und führen schließlich 1938, kurz nachdem Marcel Reich das Abitur abgelegt hat, zur Ausweisung nach Polen. Am 28.Oktober 1938 muss er mit der Familie das Land verlassen als Deportierter. Die nächsten Jahre sollten die brutalsten und prägendsten seines Lebens werden: Es ist die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Polen während des Zweiten Weltkriegs, die dem jüdischen Volk unvorstellbares Leid zufügt. Im ummauerten Warschauer Ghetto werden auf vier Quadratkilometern über 400 000 Juden unter unmenschlichen Lebensbedingungen zusammengepfercht - Hunger, Kälte und Seuchen fordern unzählige Opfer.

 

Dem Tode nahe im Warschauer Ghetto

Ab 1940 lebt auch Marcel Reich im Warschauer Ghetto, in dessen Verwaltung er als Übersetzer tätig und deshalb auch verhältnismäßig gut unterrichtet ist. Ab Juli 1942 werden über 310 000 Juden aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet - vor dem Hintergrund des drohenden Todes organisieren sich viele Tausend Juden Anfang 1943 zum Widerstand - auch Marcel Reich gehört der Jüdischen Kampforganisation (ZOB) an.

Doch im Februar 1943 sehen er und seine Frau Tosia, die er im Ghetto kennen gelernt hat, dem Tod ins Auge: Sie sollen ins Vernichtungslager Treblinka abtransportiert werden - können jedoch auf wundersame Weise vor der Deportation flüchten. In einem ARD-Interview zur Veröffentlichung seiner Biographie Mein Leben schildert Reich-Ranicki noch einmal die entscheidenden Sekunden seines Lebens:

“Na ja, wir sind herausgesprungen aus der Reihe, und der Soldat hat hinter uns hergeschossen. Das wissen wir von jemandem, das haben wir erfahren von einer Frau, die mit uns in den Reihen stand, die eine halbe Minute nach uns geflohen ist. Er hat geschossen, er hat uns nicht getroffen, er hat das Gewehr weggeworfen. Und die Frage, ob er uns nicht getroffen hat, weil da an dem Gewehr was kaputt war oder weil er uns gar nicht treffen wollte, wird unbeantwortet bleiben.“

 

Das Leben nach dem Ghetto

Es gelingt ihm, zusammen mit seiner Frau den Holocaust zu überleben - doch der Rest der Familie, seine Eltern und sein Bruder, wird in Treblinka vergast. Ein übermächtiges Schuldgefühl beherrscht ihn seitdem, wie Reich-Ranicki im selben Interview berichtet:

“Ein Fragezeichen, das uns beiden, meiner Frau und mir, keine Ruhe gibt, nämlich die Frage: Warum? Warum haben wir überlebt? Warum haben die Eltern meiner Frau und meine Eltern und mein Bruder - sie alle haben es nicht überlebt. Wir haben es überlebt. Warum? Es gibt darauf nur eine einzige Antwort: der Zufall! Es war reiner Zufall. Vielleicht hat noch ein Element eine kleine Rolle gespielt: Wir waren die Jüngsten. Jüngere Menschen hatten vielleicht etwas mehr Chancen zu überleben. Aber die Frage bleibt: Warum?“

Länger als ein Jahr überleben die beiden die NS-Besetzung Polens, indem sie sich bei einem polnischen Setzer versteckt halten. Im September 1944 folgt endlich die Befreiung Polens durch die sowjetische Armee; der so Entkommene meldet sich im Anschluss freiwillig zum Dienst in der polnischen Armee. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges gehört er ab 1946 der Polnischen Militärmission in Berlin an und arbeitet 1947 im Geheimdienst, der allerdings noch überhaupt nicht organisiert ist, im polnischen Außenministerium. 1948 wechselt er als Konsul ins polnische Generalkonsulat nach London. Hier legt er sich den heutigen Doppelnamen zu, da “Reich“, gerade im Ausland, zu deutsch klänge: Aus Marcel Reich wird Marcel Reich-Ranicki.

 

Neuanfang in Deutschland

Bei seiner Rückkehr in den frühen Fünfzigern erlebt Reich-Ranicki allerdings einen schweren Rückschlag: Er wird aus der Kommunistischen Partei, der er 1946 beigetreten war, ausgeschlossen sowie aus dem Dienst im Außenministerium entlassen. Reich-Ranicki hält die Zeit nun für gekommen, seiner wahren Berufung nachzugehen - der Literatur. Zunächst arbeitet der in einem Warschauer Verlag als Lektor für deutsche Literatur, ehe er sich Ende 1951 auch als freier Schriftsteller versucht. Zu seiner Überraschung wird Reich-Ranicki jedoch Anfang 1953 mit einem generellen Publikationsverbot belegt, das bis Ende 1954 in Kraft bleiben sollte.

In dieser Zeit denkt Reich-Ranicki auch darüber nach, nach Deutschland zurückzukehren und dort einen Neuanfang zu versuchen. 1958 ist es soweit: Reich-Ranicki siedelt nach Hamburg über, wo er als Literaturkritiker für Die Zeit schreibt und sich mit seinen messerscharfen Analysen schnell einen Namen macht. Engagements für Die Welt und vor allem die Frankfurter Allgemeine Zeitung folgen schnell. Der Aufstieg verläuft rasant: Seit 1960 ist Reich-Ranicki ständiger Mitarbeiter der Zeit.

 

Mit dem Literarischen Quartett zum Popstar

1973 gelingt dem inzwischen 53-Jährigen endlich der Schritt in den redaktionellen Alltag: Er wird Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - einen Job, den er bis 1988 innehaben sollte. Dieses Jahr markiert den entscheidenden Schritt vom angesehenen Kritiker zur literarischen Instanz - zusammen mit dem langjährigen Spiegel-Redakteur Hellmuth Karasek, der renommierten Literaturkritikerin Sigrid Löffler und jeweils einem Überraschungsgast ruft er das Literarische Quartett im ZDF ins Leben, das schnell zum Publikumsmagneten avanciert.

Mit seiner direkten und häufig sehr schonungslosen Art steht Reich-Ranicki schnell im Mittelpunkt der Sendung und erlangt regelrecht Popstar-Status. Reich-Ranicki befremdet jedoch zunehmend Kollegen und Schriftsteller: Nobelpreisträger Günter Grass wendet sich etwa nach dem beispiellosen Verriss seines Romans Ein weites Feld, den Reich-Ranicki zudem öffentlichkeitswirksam im Spiegel bildlich zerreißt, ebenso vom Literaturkritiker ab wie Martin Walser nach zahllosen Attacken. Für einen Eklat sorgt Sigrid Löffler im Mai 2001, als sie im Streit das Literarische Quartett verlässt und Reich-Ranicki heftig kritisiert.

Nach Absetzung des Literarischen Quartetts präsentierte Reich-Ranicki ab Herbst 2001 in neun Folgen seiner Sendung Solo Neuveröffentlichungen ohne seine langjährigen Weggefährten. Im Verlauf seiner Karriere als Publizist veröffentlichte Reich-Ranicki mehr als hundert literaturwissenschaftliche Bücher, die von einer Sammlung seiner wichtigsten Kritiken bis zu Interpretationen über Thomas Mann (Thomas Mann und die Seinen) und Heinrich Heine (Der Fall Heine) reichen. Seinen größten Erfolg als Autor feierte Marcel Reich-Ranicki jedoch 2000 mit seiner Autobiographie Mein Leben, die sich über eine halbe Million Mal verkaufte. Im Juni 2002 erlangte der Großkritiker die Ehrendoktorwürde der Ludwig-Maximilian-Universität München. Im Jahr 2007 erfolgte sogar die Einrichtung eines Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhls für deutsche Literatur an der Universität Tel Aviv. Schlagzeilen machte der Literaturkritiker im Oktober 2008, als er bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises den Preis für sein Lebenswerk ablehnte.

Vielen wird der berühmteste Literaturkritiker unserer Zeit in sehr lebhafter Erinnerung bleiben.

Von Nils Jacobsen