21.05.2015
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wissen.de Artikel

Faszination des Leidens

Warum uns der Krieg der Bilder in seinen Bann zieht

Erstmals in der Geschichte der Menschheit können wir vom sicheren Sofa aus hautnah einen Krieg verfolgen. Artillerieangriffe, Bombeneinschläge, Zivilisten zwischen den Fronten, Tod, Leid, Zerstörung - und wir sind live dabei. Information oder Spektakel: Wo ist die Grenze?

Faszination des Leidens

Versteckter Unterhaltungswert

1991 / 2. Golfkrieg / Bagdad

Schon der Golfkrieg von 1991 war ein massenmediales Superevent. Selbstkritisch erklärt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: "Es war totales Fernsehen mit null Informationen und trotzdem haben wir mitgemacht. Wir waren von der Einschaltquote fasziniert." Doch die Bilder von damals waren ganz anders inszeniert als heute. Der französische Philosoph Paul Virilio analysierte in seinem Buch „Krieg und Fernsehen“ die unpersönliche Kühle der Filmsequenzen, in denen Fadenkreuze und ferngesteuerte Marschflugkörper dominierten. Die „Operation Wüstensturm“ wirkte auf ihn wie ein Videospiel.

Heute wird das Leid der Menschen ganz nah herangezoomt. Moderne Kommunikationstechnologien und die Medienpolitik der USA, Berichterstatter direkt in militärische Einheiten „einzubetten“ machen es möglich: Rund um die Uhr empfangen wir in unseren Wohnzimmern „Live-Streams“ von Toten, Tränen und Traumata.

Medienforscher bezweifeln jedoch, dass die Unmittelbarkeit und Fülle der Schreckensbilder zu einem besseren Verständnis des Kriegsgeschehens führen. Für Virilio hat die simultane Abbildung einer Katastrophe nichts mit Information zu tun. „Je intensiver gesendet wird, um so weniger weiß man im allgemeinen," betonte der Kulturkritiker in einem Interview mit der FAZ anlässlich der Terroranschläge vom 11. September.
Christian Hörburger vom Verein für Friedenspädagogik verurteilt in seinem „Fernsehalphabet“ Medienberichte, die nur auf kurzfristige Emotionen abzielen: „Kriegsbilder laden immer wieder zum Voyeurismus ein. Ohne Hintergrund von Einzelschicksalen und geschichtlichen Zusammenhängen bleiben sie 'schrecklich und dienen lediglich als Nachricht mit verstecktem Unterhaltungswert.“

Furcht und Mitleid

Den Vorwurf des Voyeurismus müssen sich die Medien immer wieder gefallen lassen. Medienskandale wie die Gladbecker Geiselaffäre oder die Reality-Soap Big Brother bereiteten den Boden für ein immer ungenierteres Vorstoßen in Tabuzonen der menschlichen Intimsphäre. Es scheint als hätten sich die Medien der sportlichen Devise „höher, schneller, weiter“ verschrieben. Menschen werden gegen Kopfgeld gejagt, Liebespärchen mit Handschellen aneinandergefesselt, Wildfremde wochenlang auf einer einsamen Insel ausgesetzt. Die Skandale und Sensationen werden immer ausgefallener, die Gefühle immer extremer.

Doch warum haben wir so viel Lust am Frust der anderen? Was gehen uns die Tränen von Deutschlands gescheitertem Superstar, Daniel Küblböck, an und was Oliver Kahns Ausbrüche aus seiner Rolle als treusorgender Familienvater?

Schon im 4. Jh. v. Chr. stellte der griechische Philosoph Aristoteles fest, dass die Tragödie beim Betrachter eine Art Reinigung bewirkt. Indem sich der Betrachter „Jammern“ und „Schaudern“ - in modernem Wortsinn „Furcht“ und „Mitleid“ - aussetze, werde er selbst von diesen Affekten befreit.

Heute wirkt das Fernsehen wie eine große Bühne. Der Bildschirm verflacht die gezeigten Gefühle. Auf der einen Seite können wir uns mit den dargestellten Regungen identifizieren, auf der anderen Seite können wir jederzeit ausschalten, wenn uns das Spiel mit der Seele zuviel wird.

Fitness-Studio für Gefühle

BBC Kamerateam auf der USS Abraham Lincoln

Der amerikanische Psychologe Daniel Goleman stellt in seinem Buch „Emotionale Intelligenz“ fest, dass Gefühle in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit lebenswichtig waren. Gefühle machen schnelles Handeln möglich. So mobilisiert Angst alle körperlichen Reserven zu Verteidigung oder Flucht.
In unserer heutigen, verhältnismäßig sicheren und geordneten Welt hat die Bedeutung von Emotionen zur Lebensbewältigung jedoch abgenommen. Vermutlich sucht unsere Seele deshalb einen anderen Weg, das angeborene Repertoire von Gefühlen auszuleben. Ähnlich wie wir im Fitness-Studio bestimmte Muskelpartien trainieren, die bei der täglichen Arbeit am Schreibtisch verkümmern würden.

Die Massenmedien konfrontieren uns mit vielfältigen und starken Gefühlen. Meist basieren sie auf der archetypischen Zweiteilung in Gut und Böse. Für unsere Vorfahren war die Unterscheidung Freund oder Feind eine Frage des Überlebens. Vermutlich reagieren wir deshalb mit so großer Faszination auf Kämpfe jeder Art - auf Kriege ebenso wie Rosenkriege.

Die Bremer Psychologin Gisla Gniech hat sich in ihrem Buch „Der Odysseus-Faktor: Sensationslust“ mit dem Hunger nach Grenzerfahrungen auseinandergesetzt. Sie ist der Ansicht, dass Menschen in modernen Industriegesellschaften emotional nicht ausgelastet sind. Im Gespräch mit wissen.de erklärte die Forscherin, mit immer extremeren Freizeitvergnügen und Mediensensationen werde ein Ventil für die Psyche geschaffen: „Unsere Gesellschaft ist ein geschlossenes System, das sich um Ausgleich bemüht. Wenn da Marktlücken auftreten, finden sich ganz schnell Leute, die diesen Bedarf befriedigen und damit Geld machen. Und nichts ist marktpolitisch günstiger als die Katastrophe.“

Im Gespräch: „Der Odysseusfaktor: Sensationslust“

Interview mit Prof. em. Dr. Gisla Gniech, 1973 - 2002 Psychologie-Professorin an der Universität Bremen

1963 / aus aller Welt / 815m lange Europabrücke
zwischen Innsbruck und Schönberg

Auf der Suche nach dem Abenteuer stach Odysseus in See. Wir gehen heute Bungee-Springen oder schalten den Fernseher ein. Die Bremer Psychologin Gisla Gniech befasst sich in ihrem Buch mit dem Hunger nach Sensationen - nach neuen, komplexen, intensiven Empfindungen.

Sie haben sich in ihrem Buch „Der Odysseusfaktor“ mit der Sensationslust auseinandergesetzt. Wie interpretieren Sie die Medienbilder aus dem Golfkrieg in diesem Zusammenhang?

Krieg ist ja auch eine Art Sensationslustsuche. Ich glaube aber, dass sich die amerikanischen Soldaten und GIs nicht vorgestellt haben, dass dieses Abenteuer tatsächlich mit dem Tod endet.

Sie meinen, wenn die Wirklichkeit das Spiel mit dem Abenteuer einholt, wird es zuviel?

Genau. Das ist eine andere Qualität, da bekommen die Akteure Angst. Die Sensationslust ist ja immer abgesichert, man hängt noch am „Nabel“. Bungee-Springen ist ein tolles Beispiel dafür: Man segelt von oben herunter und hat das Gefühl, man ist im freien Fall. Tatsächlich aber wird man „aufgefangen“.

Der Trend geht zu immer riskanteren, immer aufregenderen Freizeiterlebnissen. Was suchen wir?

Zum einen ist die Sensationslust ein Persönlichkeitsmerkmal. Es gibt Typen, die mehr Kraft haben alles auszuagieren und die nach Sensationen suchen. Es gibt aber auch die stillen Genießer, die lieber ein Buch lesen oder schöne Musik hören. Doch generell ist es bei diesem Phänomen so wie bei vielen sozialen Vorkommnissen: Es wird ein Ausgleich geschaffen. Etwas, das fehlt, sucht sich ein Ventil, um die Bedürfnisse in Balance zu halten. Im Alltag ist alles cool, geordnet und läuft ohne Aufregungen ab. Unsere Gesellschaft ist auf eine Art „zugeschmierte Gleichförmigkeit“ ausgerichtet. Deshalb versucht unsere Psyche, Abenteuer, Thrill und Sensationen spielerisch zu befriedigen. Das zeigt sich selbst im Essen: Gesucht wird Nahrung, die scharf ist, exotisch und prickelnd. Stark zugenommen hat auch der Konsum von Psychopharmaka im weiteren Sinne - Ecstasy oder selbst Viagra wirken ja auch auf das Gehirn.

Auch in den Medien dominieren Sensationen - Katastrophen, Kriege, menschliche Schicksale ...

Unsere Gesellschaft ist ein geschlossenes System, das sich um Ausgleich bemüht. Treten Marktlücken auf, finden sich schnell Leute, die diesen Bedarf befriedigen und damit Geld machen. Die Sensationslust wird auf allen Ebenen angesprochen - in den Medien, im Spielerischen, in den Vergnügungsparks, auch im Essen und bei Autos. Und nichts ist marktpolitisch günstiger als die Katastrophe, weil da alles zerschmettert wird. Das sagt auch schon die alte griechische Sage: "Wie der Phönix aus der Asche steigt neues Leben."

Ich denke, dass unter anderem dieser Krieg auch geführt wird, um einmal die ganzen Kasernen und Arsenale leer zu kriegen von altem Schrott. Das pulvert man in die Welt - natürlich an einer Stelle, von der man sagen kann, dass es notwendig ist. Der Wiederaufbau kostet zwar viel Geld, er setzt aber auch viel in Bewegung, was zu einem neuen Aufschwung führen kann.

Wie könnte denn eine Gesellschaft Emotionen auf positive Art ansprechen?

In der Gestaltung von Freizeit auf eine Art und Weise, wie sie heute noch nicht vorhanden ist. Deutschland sollte sich dabei auf sein großes kulturelles Potenzial zurückbesinnen: Burgen und Schlösser. Dann dieses wunderbare Gefüge, dass Deutschland viele Küsten hat: Ost- und Nordsee, wo Seeräuber ihr Unwesen trieben, daneben Kaufleute, Künstler, Dichter ...

Heute kommt das Kreative und die Abenteuerlust zu kurz. In den Schulen wird Sport, Malen und Musik heruntergefahren. Unseren Kindern fehlt das Erleben mit ihrem Körper. Viele kleine Kinder können ja heute nicht mehr rückwärts gehen. Sie setzen ihren Körper nicht mehr ein. Bei diesen Bedürfnissen muss die Industrie, das Marketing ansetzen, damit die kommenden Generationen zumindest "etwas" von ihrem Leben haben.

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Monika Wittmann