21.05.2015
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Faszination Bernsteinzimmer

Höhepunkte der Bernsteinkunst

Bernsteinerzeugnisse waren immer sehr gefragt: in der Zeit der späten Antike wurde der bearbeitete Bernstein wertvoller als Gold; im Mittelalter wurden dem Bernsteinschmuck heilende Kräfte zugeschrieben; und im 17. Jahrhundert begann die Blütezeit der Bernsteinschnitzkunst in den Ländern, die in der Nähe von Bernsteinlagerstätten waren: Preußen, Dänemark, Polen und Sachsen. Deshalb waren die Meister aus den Städten Königsberg, Danzig, Lübeck und Elbing besonders berühmt. Hier haben sich ganze Werkabteilungen entwickelt, die dann als „Meistergilde der Bernsteinkunst“ bezeichnet wurden.

Gefertigt wurden vor allem kunstvoll gearbeitete Bernsteinkästchen, Kronleuchter, Kerzenhalter, Schachspiele, Pokale, Tabakdosen, Degengriffe, Halsketten und andere Zier- und Gebrauchsgegenstände. Diese Werke der Bernsteinkunst gelangten als Hochzeits- und Diplomatengeschenke in viele europäische Adelshäuser. Aber am Ende des 17. Jahrhunderts kam der Bernstein aus der Mode. Porzellan und kunstvoll verarbeitetes Glas lösten ihn ab. Die Kunst der Bernsteinverarbeitung verschwand, und es blieb für die kommende Generation nur eine Erinnerung diese meisterhafte Handwerkskunst: das Bernsteinarbeitszimmer des ersten preußischen Königs.

Das Bernsteinzimmer

Das größte und eindrucksvollste Kunstwerk aus Bernstein, das in den Jahren 1701 bis 1711 entstand, blieb das vom preußischen König Friedrich I in Auftrag gegebene Bernsteinzimmer. 1716 machte es sein Sohn, Friedrich Wilhelm der I., dem russischen Zaren Peter I. zum Geschenk. Aber erst die Zarin Elisabeth ließ das Bernsteinzimmer 1755 im Katharinen-Palast in Zarskoje Selo aufstellen. Elisabeth beauftragte den Hofarchitekt F. B. Rastrelli, die Paneele des Bernsteinzimmers in einen der Säle einzubauen. Da es in Russland noch keine Bernsteinmeister gab und für den fast einhundert Quadratmeter großen Raum Paneele fehlten, wurde der obere Rang der Wände ausgemalt und die Bernsteinmosaike in Deckennähe imitiert. Schnell wurde klar, dass für die Aufstellung und Bewahrung der empfindlichen Bernsteinmosaike ein Fachmann notwendig war. Drei Jahre später wurde der berühmte Meister Friedrich Roggenbuch aus Königsberg für den Einbau verpflichtet. Er sollte auch die später notwendige Betreuung des Zimmers übernehmen. Mit Roggenbuch begann das Bernsteinkunsthandwerk in Russland. Zu ihm stießen weitere Königsberger Meister: Klemens Fride und Johann Gottlieb Welpendorf. In die neu entstandene Werkstatt kamen die späteren russischen Meister Gerasim Koslovskij, Nikita Savin und Alexander Mihajlov dazu.

In der Bernsteinwerkstatt in Zarskoje Selo wurden viele Fragmente der Saalausstattung neu ausgeführt, die zu dem preußischen Bernsteindekor passten: enge Bernsteinpaneele zwischen den Spiegelpilastern und Bernsteinpostamente darunter, „Dessue de Porte“ über der Tür sowie eine elegante Bernsteinkonsole mit dem Monogramm der Kaiserin Elisabeth Petrovna für die Ausschmückung der großen Bernsteinrahmen mit eingefassten Florentiner Mosaiken. 1770 hat das Bernsteinzimmer sein endgültiges Aussehen angenommen, wie wir es später auf den Schwarz-Weiß-Fotos und dem einzigen vorhandenen farbigen Foto erkennen können.

In Zarskoje Selo sollten die Meister die Bernsteingegenstände aus den Magazinen des Palastes in Sankt Petersburg restaurieren. Sie bildeten den Grundstein der Sammlung von Kunstwerken aus Bernstein im Katharinen-Palast, die ungefähr 100 Kunstschätze umfasste. Eine besondere Bedeutung kommt den Kunstwerken zu, die in den Jahren von 1760 - 1770 entstanden.

Friedrich Roggenbuch starb 1771, und sein Sohn Johann wurde der „Hüter des Bernsteinzimmers“ (heute Kurator) - der letzte, der die alte Tradition der Bernsteinschnitzkunst in Zarskoje Selo beherrschte. 1830 verlor das Bernsteinzimmer seinen professionellen Kurator. Die Blütezeit der Bernsteinschnitzkunst verging, und zusammen mit ihr starben die alten Meister, die die Geheimnisse dieser Kunst bewahrt hatten.

Etwa hundert Jahre später begann die Vorbereitung zur Restaurierung des Bernsteinzimmers. 1941 war die Bernsteindekoration in einem sehr schlechten Zustand, vor allem aufgrund unzulänglicher Restaurationsmethoden. Fehlende Fragmente wurden durch ungefärbten Bernstein, aus Gips gegossenen Stücken und sogar Siegellack ersetzt. Im Vorfeld großer Veranstaltungen am Hofe wurden die Paneele eilig überlackiert; 1911 wurden sie sogar mit Trockenöl behandelt. Mit dem damals verwendeten Harzkleber hielten der Bernstein und die Eichenholzpaneele kaum zusammen. Firniss und Trockenöl wurden dunkler und rötlich; Gravuren waren kaum zu sehen. Doch der Krieg vereitelte die geplante Restaurierung. Heute ist das Original-Bernsteinzimmer als Meisterwerk der barocken Schnitzkunst spurlos verschwunden.

1981 bis 2003: Restaurierung des Meisterwerks

Man sagt, dass alles seinen Sinn habe. Und vielleicht gibt es sogar einen Sinn in den Verlusten, die wir erleiden. So wurde in der Gegenwart nicht nur das Bernsteinzimmer wieder hergestellt, sondern auch die verlorene Kunst der Bernsteinbearbeitung und damit die Schaffung vielfarbiger Bernsteinerzeugnisse und Schnitzereien in der Technik der Florentiner Mosaike zu neuem Leben erweckt.

Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde die einzigartige Schule der Sankt Petersburger Restauratoren wiederbelebt die Bernsteinwerkstatt in Zarskoje Selo. Im Laufe fast eines Vierteljahrhunderts restaurierte man in mühevoller Kleinarbeit die Kunstgegenstände aus der Sammlung, und hier entstand das Bernsteinzimmer neu. Es zeichnet sich besonders gegenüber anderen Bernsteinerzeugnissen durch seine Größe aus, die einem Paradesaal des Katharinen-Palastes entspricht. Da mehrere Gegenstände aus der Bernsteinsammlung den Einzelteilen des Bernsteinzimmers vergleichbar waren, konnten die Künstler von heute auf diese Weise die schwierige Technik der Bernsteinbearbeitung aus dem 18. Jahrhundert wiedererlernen. Man konnte Daten der Entstehungsgeschichte und der Urheberschaft rekonstruieren. Aus dieser Erfahrung heraus wurde die Methode der Bernsteinbearbeitung wieder entdeckt.

Die Bernsteinwerkstatt in Zarskoje Selo gilt mit Recht als schöpferisches Zentrum. Hier werden Ideen geboren, auf der Spur der großen Meister wird hier akribisch getüftelt, probiert, gerechnet, gefeilt, diskutiert. Alle haben eine Vision, und alle glauben an ihre Mission: das Achte Weltwunder zu neuem Leben zu erwecken.

In dieser Werkstatt wurden die Geheimnisse der alten Gilde der Bernsteinmeister in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern gelüftet. Die Aufgaben waren sehr kompliziert, denn es ging nicht nur darum, die alten Technologien wieder aufleben zu lassen, sondern auch die Langlebigkeit des Bernsteindekors im Auge zu behalten. Hierfür wurden die Erfahrungen eingesetzt, die bei der Restauration der Bernsteinerzeugnisse aus der Sammlung gemacht wurden. Von unschätzbarer Bedeutung waren auch die wissenschaftlichen Forschungen, als deren Ergebnis die Methode des Bernsteinfärbens besonders zu nennen ist. Die physikalischen Eigenschaften des „Sonnensteins“ wurden untersucht, die Profilhöhen an den Bernsteinschnitzereien ermittelt, der Stoff für die Herstellung der Holzschilder festgelegt und die chemische Zusammensetzung des historischen Mastix-Kittes bestimmt, der zur Befestigung des Bernsteins diente.

Alles war für die Rekonstruktion des Kunstwerks vorbereitet. Aber in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand ein ganz anderes Problem: Die Finanzierung war nicht mehr gesichert. Es bestand die Gefahr, dass die langjährige Arbeit, die ohne Beispiel in der Geschichte der ganzen Welt war, aus finanziellen Gründen beendet werden musste. Dieses Problem konnte im Jahre 1999 gelöst werden, als die Ruhrgas AG mit 3,5 Millionen US-Dollar exklusiver Sponsor der Wiederherstellung des Bernsteinzimmers wurde. Damit war nicht nur die Vollendung des Bernsteinzimmers gewährleistet, sondern diese Spende ermöglichte auch die Einhaltung des vorgesehenen Zeitplans. Dank der Modernisierung der Werkstatt in Zarskoje Selo und der Verdoppelung der Mitarbeiterzahl auf rund 50 Fachleute konnten die Arbeiten pünktlich zum 300-jährigen Stadtjubiläum von St. Petersburg im Mai 2003 beendet werden. Die weitere restauratorische Betreuung des wiedereröffneten Bernsteinzimmers wird Alexander Krylov begleiten, der künstlerische Leiter der Werkstatt, der auch für die farbliche Gestaltung des Bernsteinzimmers verantwortlich zeichnet.

Tatjana Zharkova und Swetlana Sulimowa