21.05.2015
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wissen.de Artikel

Buenos Aires: Spaziergang durch die Stadt am Rio de la Plata

Plaza de Mayo: Das Herz der Hauptstadt

Wenn die Touristen vor dem pinken Präsidentenpalast, der Casa Rosada (rosafarbenes Haus) auf der Plaza de Mayo, dem Ursprung von Buenos Aires, stehen und sich in Lobpreisungen des kolonialen Stils des Gebäudes ereifern, kann der Taxifahrer, der uns hierher zum Ausgangspunkt unserer Exkursion gebracht hat, nur abwinken: „Na ja, heute ist es rosa. Aber normalerweise ist es rot, gelb, braun, kommt ganz darauf an, was danach geworfen wurde.“

Und im selben Ton erklärt er uns, wie fast alle Porteños (Hafenbewohner, wie die Einwohner von Buenos Aires sich selbst nennen), die wir hier treffen, dass er eigentlich europäischer Herkunft ist, daher einen zweiten, europäischen Pass hat (die meisten Argentinier stammen von Italienern, Spaniern und Deutschen ab) und plant, demnächst in seine Urheimat auszuwandern. Tatsächlich zeigen sich die Argentinier auf den ersten Blick als ein äußerst heimatkritisches Volk. Die meisten haben an der Regierung etwas auszusetzen angesichts der grassierenden Wirtschaftskrise im Lande kein Wunder.

Zur Plaza del Congreso

Auch wir bewundern die Casa Rosada und das historische Rathaus Cabildo auf der Plaza de Mayo, bevor wir die achtspurige Avenida de Mayo hoch laufen, entlang derer sich die prächtigen mehrstöckigen Paläste im Stil des französischen Art Nouveau reihen. Völlig gleichberechtigt schmiegen sich hier Designerlabels an Tante-Emma-Läden. Unter ihnen befindet sich auch das Café Tortoni, wo heutzutage Tango-Shows für Touristen aufgeführt werden, sich einst aber künstlerische Größen von Artur Rubinstein bis Federico Garcia Lorca bei einem Kaffee oder einem Glas argentinischen Rotweins in philosophische Gespräche vertieften.

Am Ende der Avenida de Mayo gelangt man zur Plaza de Congreso. Vor dem dem Kapitol in Washington D.C. nachempfundenen Parlamentsgebäude und dem argentinischen Kilometerstein Null für alle Fernstraßen des Landes sitzt eine dunkle, einsame Gestalt und denkt nach: es ist der Denker von Auguste Rodin, der ein besonderes Faible für diese Stadt hatte.

Von der Plaza de Congreso aus bieten sich Linienbusse oder noch besser die unglaublich günstigen Taxis an, um unsere Entdeckungsreise durch Buenos Aires fortzusetzen.

Die bunte Hafenwelt von La Boca

Die argentinische Hauptstadt, die auf den ersten Blick beinahe wie ein Mosaik aus Barcelona und Paris anmutet, so dass man sich in keinem Moment darüber im Klaren ist, wie weit von Europa man sich eigentlich befindet, ist in 48 Barrios (Stadtviertel) unterteilt, von denen jedes sein absolut eigenes Stadtbild und Lebensgefühl aufweist. Und nicht einmal eine Woche reicht aus, um alle Barrios mit all ihren architektonischen, stilistischen und kulturellen Eigenarten zu erkunden.

Eins der berühmtesten und besichtigenswertesten Stadtviertel ist zweifelsohne La Boca. In der ursprünglich ärmsten Gegend der Weltmetropole ließen sich einst um die Jahrhundertwende vornehmlich italienische Fischer und Hafenarbeiter nieder. Um sich vom tristen Alltag bei den Docks abzulenken und da sie viel Schiffslack übrig hatten, bemalten die Bewohner La Bocas ihre Wellblechhäuschen so bunt wie möglich. Obwohl auch heute noch von Hafenarbeitern bewohnt, entwickelte sich das Barrio seit den 20er Jahren zur Haupttouristenattraktion der Stadt, in dem an allen Ecken Souvenirläden und teure Touristenrestaurants mit Tangoshows blühen, es dabei aber nicht schaffen, das Flair und die sehenswerten Eindruecke für die zahlreichen Besucher zu ruinieren.

San Telmo: Tango & Evita

In San Telmo aufgewachsen: Evita Perón.

In San Telmo aufgewachsen: Evita Perón.

Gleich an La Boca angrenzend befindet sich die einst vornehmste Wohngegend von Buenos Aires, San Telmo. Nachdem die wohlhabendsten Portenos aufgrund einer grassierenden Gelbfieber-Epidemie ihre weitflächigen Herrenhäuser um die Jahrhundertwende verlassen hatten, wurden diese zu Behausungen für die in Massen ins Land strömenden Immigranten des 20. Jahrhunderts umfunktioniert. In den vielen Hinterhofkneipen blühte der Tango auf, wo er heute noch sonntags um die Plaza Dorrego herum zwischen den zahlreichen kleinen Cafes und Antiquitätengeschäften zu finden ist. Hier wuchs auch die legendäre, aus ärmlichen Verhältnissen stammende spätere First Lady Evia Perón auf.

Geschichte und Urlaubsflair in Recoleta

Morbid-romantisch: Friedhof von Recoleta. (© Olga Voinovitch)

Begraben ist Evita am Friedhof von Recoleta, dem jeder Besucher von Buenos Aires unbedingt einen Besuch abstatten sollte. Nach südamerikanischem Stil reihen sich hier die marmornen Familiengruften mit Bildern und Statuen der Verstorbenen aneinander, ohne dass eine einzige einer anderen gleichen würde. Wem das zu morbid ist, der kann sich im Stadtviertel rund um den Friedhof auch direkt in eines der kleinen französischen oder italienischen Cafes in den malerischen Gässchen von Recoleta setzen oder ein riesiges Rindersteak in einem der landestypischen Restaurants genießen, um von hier aus den Sonnenuntergang über der Hauptstadt Argentiniens zu bewundern.

Nachtleben: Die Qual der Wahl

Abendstimmung in Buenos Aires. (© Argentinische Botschaft, Berlin)

Und ist die Sonne erstmal untergegangen, hat man die Qual der Wahl. In Recoleta sind die Bars und Diskotheken von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang offen und bevölkert. Aber auch in Porto Madero ist das Nachtleben, nachdem die letzten Besucher die zahlreichen Fischrestaurants verlassen haben, in vollem Gange. Als Alternative zu Bar und Disko kann man sich einfach in das Taxi eines älteren Fahrers setzen und sich in eines der vielen Tangolokale entführen lassen, um die Sinnlichkeit des in den Hafenbordellen von Buenos Aires entstandenen Tanzes zu spüren.

Trommeln gegen die Krise

Doch egal wo man sich in Buenos Aires befindet, hört man heutzutage pünktlich zum Sonnenuntergang ein Trommeln. Das Klappern von Schlüsselbunden, das Schlagen von Löffeln gegen Kochtöpfe und andere Utensilien, die sich im Haushalt finden lassen. Das trommeln der Bevölkerung zum Zeichen ihrer Unzufriedenheit über die Politik und Korruption der Regierung, als Schrei nach einer besseren Zukunft, der die Farbe der Casa Rosada verändert und den einsamen Denker auf der Plaza del Congreso noch nachdenklicher erscheinen lässt.

Praktische Hinweise

Anreise

Von Deutschland aus fliegt Lufthansa nonstop von Frankfurt nach Buenos Aires für ca. 900 inkl. Tax. Umsteigeverbindungen mit häufig günstigeren Tarifen ab ca. 700 inkl. Tax bieten z.B. Iberia, Alitalia und Air France an.

Einreise

Touristen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz können mit einem noch mindestens drei Monate gültigen Reisepass ohne Visum einreisen und bis zu 90 Tage in Argentinien bleiben.

Unterkunft

Sucht man in Buenos Aires einfach eine billige Unterkunft ohne besonders große Ansprüche zu stellen, ist es am leichtesten, am Flughafen oder Busbahnhof einfach zur Touristeninformation zu gehen und sich dort die verschiedenen Angebote abzuholen. Viele kleine und mitunter eher heruntergekommene Hotels und Pensionen bieten direkt im Stadtzentrum auf der Avenida de Mayo oder direkt neben der Plaza del Congreso Zimmer um die 10 pro Nacht. Dafür gibt es weder Fernseher noch Klimaanlage, aber eine sichere Gegend und freundliche Gastgeber.

Ein Hotel der besonderen Art in Buenos Aires ist das "Boquitas Pintadas Pop Hotel" in San Telmo (Peru 880, Tel. und Fax:301261). Neben einer Sprachschule beherbergt das Haus 25 von argentinischen Künstlern und Designern individuell eingerichtete Hotelzimmer an.

Essen & Trinken

Neben Spezialitäten aus der ganzen Welt herrschen in Buenos Aires vor allem zwei wichtige Geschmacksrichtungen vor: Rindfleich und Pizza. Fast in jedem Restaurant gibt es einen riesengroßen Grill, die Parilla, auf der alle Arten und Größen von Rindfleisch zubereitet werden. So zum Beispiel im "Cabana Las Lilas" in Puerto Madero (Avenida Alicia Moreau de Justo 516, Tel.3131336), das die argentinischen Steaks auf der Expo 1992 in Sevilla berühmt gemacht hat.

In der "Bar Sur" in San Telmo (Avenida Estados Unidos 299, Tel.43626086) gibt es jeden Abend außer sonntags eine Tango Show und dazu so viel Pizza, wie man will.

Gegenüber des Friedhofs in Recoleta reiht sich ein Restaurant an das nächste. Überall kann man gut und nicht zu teuer essen, argentinischen Wein trinken und die Menschen beobachten -allerdings erst spät, denn in Buenos Aires isst keiner vor 22 Uhr zu Abend.

Buch-Tipps

Online bestellen:

Lonely Planet: Buenos Aires (engl.)

Marco Polo: Buenos Aires.

Tango: Leidenschaft in Buenos Aires.

Reise Know-How: Argentinien, Uruguay und Paraguay.

Olga Voinovitch