28.10.2015
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Science meets Fiction: Frühe Visionäre der Raumfahrt

Seit Jahrtausenden träumen die Menschen beim Blick in den Himmel davon, einst diese unendlichen Weiten besuchen zu können. Kein Wunder also, dass Science-Fiction keineswegs eine Domäne der modernen Zeit ist: Schon in der Antike gab es Gelehrte, die von Reisen zum Mond oder zu Planeten fabulierten. Später übernahmen dann Schriftsteller wie Jules Verne diese Rolle. Viele der frühen Raumfahrtpioniere wurden von solchen Geschichten inspiriert - ohne sie wäre der Traum von der Raumfahrt vielleicht nie wahr geworden.

Der Traum vom Fliegen

Es gibt einen Traum, den jeder Mensch schon einmal geträumt hat: Den Traum vom Fliegen! Wie ein Vogel sich vom Erdboden zu lösen, dahinzugleiten wie Peter Pan oder die Welt von oben zu sehen wie Niels Holgersson, der auf einer Wildgans reitet. Ein kühner Traum zwar, aber kein ungewöhnlicher und vor allem kein moderner. Die Sagen und Märchen der alten Welten sind voll von Vogelmenschen und mutigen Helden, die es den Göttern gleich tun wollten. Berühmtes Beispiel aus der griechischen Sagenwelt: Der unglückselige Ikarus, der mit seinem aus politisch korrektem Biomaterial gebastelten antiken Hangglider verunglückt, weil er die thermoplastischen Eigenschaften von Bienenwachs unterschätzt.

Der Traum, der uns hier beschäftigen soll, ist von anderem Kaliber: Es ist der Traum, die Erde zu verlassen und zu “den Sternen“ zu fliegen. Der meistgeträumte Traum, der uns hier immer wieder begegnen wird, ist der Traum von der Reise zum Mond. Für diesen Traum gibt es kein Vorbild. Kein Vogel ist je zum Mond geflogen. Um vom Flug zum Mond träumen zu können, muss man sich den Mond überhaupt als Ziel, d.h. als Himmelskörper vorstellen können. Man muss eine Vorstellung von Entfernung und Größe des Mondes haben, um die Fantasie einer Mondreise zu entwickeln. Und man muss sich Wege und Techniken erträumen, um das Ziel zu erreichen.

Der Mond: Faszinosum und Sehnsuchts-Ziel zugleich
Der Mond: Faszinosum und Sehnsuchts-Ziel zugleich

Science und Fiction in der Antike

Es ist schwer zu sagen, wie sich “die alten Griechen“ den Mond vorstellten. Es gab viele Philosophen und entsprechend viele Meinungen. Manche sagten, der Mond sei eine “verdichtete Wolke“, andere hielten ihn für eine Art silbernen Spiegel, der die Landschaften Griechenlands reflektiert. Die erste Science - Fiction stammt wohl von Philolaos von Kroton aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert. Er behauptete, dass ein Mondtag 15-mal länger dauert als der Erdtag (was stimmt) und dass deshalb auf dem Mond Wesen leben, die 15-mal größer und schöner als wir Erdbewohner sind (was nicht stimmt).

Es gehört schon eine große Portion Selbstvertrauen dazu, sich vorzunehmen, die Entfernung zum Mond zu messen. Besonders wenn man in einer Zeit lebt, in der es keine Teleskope und keine Taschenrechner gibt, und wenn man von vielen Zeitgenossen nicht richtig ernst genommen wird.

Aristarchs Berechnung der Entfernung von Erde, Mond und Sonne
Aristarchs Berechnung der Entfernung von Erde, Mond und Sonne

Aristarch: Wie weit ist es von der Erde zum Mond?

Vor fast 2300 Jahren (um 310 bis 230 v.Chr.) lebte auf der Mittelmeerinsel Samos dieser Mann, der es als Erster wagte, eine Entfernung außerhalb der Erde zu vermessen. Sein Name war Aristarch. Seine Abhandlung “Von der Gestalt und den Entfernungen der Sonne und des Mondes“ ist uns erhalten geblieben. Wie ging er vor? Als Erstes brauchte Aristarch eine Maßeinheit. Er wählte als Einheit den Erddurchmesser. Zwar wusste er noch nicht, wie groß die Erde ist diese Größe bestimmte einige Jahrzehnte später der Kollege Eratosthenes aber zu wissen, wie viele Erdduchmesser der Mond entfernt ist, ist schon spannend genug.

Aristarch wusste, wie eine Mondfinsternis zustande kommt: Der Schatten der Erde fällt auf den Mond. Er nahm an, dass der Schatten ungefähr so groß wie die Erde selbst ist, und schätzte aus der Dauer der Verfinsterung ab, wie viel mal der Mond in den Erdschatten passt. Sein Ergebnis: Die Erde ist 2,8-mal größer als der Mond. Tatsächlich ist die Erde 3,7-mal größer als der Mond. Aber für den ersten Anlauf war es gar nicht so schlecht. Bei dem Versuch, die Entfernung zum Mond abzuschätzen, lag Aristarch dann schon ziemlich daneben. Seiner Meinung nach ist der Mond nur 9,5 Erddurchmesser entfernt. Tatsächlich sind es im Mittel aber 30,2 Erddurchmesser. Immerhin erleichtert der zu kleine Wert von Aristarch die Planung einer Mondreise.

Die erste Fantasiereise zum Mond

Am Ausgang der Antike gab es Menschen, die sich eine Reise zum Mond vorstellen konnten. Im 2. Jahrhundert beschreibt der griechische Satiriker Lukian von Samosata in einem Text mit dem bezeichnenden Titel “Wahre Geschichte“ eine Fantasiereise zum Mond. Ein Schiff wird von einem gewaltigen Sturm in die Luft gehoben und erreicht nach sieben Tagen (Apollo 11 brauchte vier Tage) den Mond. Hier werden die Reisenden von der Erde sogar Zeugen einer Schlacht zwischen Mond- und Sonnenbewohnern. Obwohl zu jener Zeit das Rückstoßprinzip bereits seit Jahrhunderten bekannt war, dauerte es dann doch noch weit über tausend Jahre, bis die Träume von der Mondreise sich wieder in einige Köpfe einnisteten.

Johannes Kepler

Johannes Kepler (1579 - 1630) war ein kleiner, ernster und frommer Mann. Und doch war er ein Riese. Einer von denen, über die Isaac Newton spricht, wenn er sagt: “Ich konnte nur deshalb so weit sehen, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ Kepler löste das Rätsel des Roten Planeten: Er war der Erste, der präzise berechnen konnte, an welcher Stelle des Himmels der Mars zu einer bestimmten Zeit stehen würde.

Johannes Kepler (1579 - 1630)

Indem er diese Aufgabe löste, fand er seine berühmten Kepleŕschen Gesetze. Doch dieser Triumph bescherte ihm nur Ruhm, aber wenig Geld. Zeitlebens musste er sich abmühen, um seine Familie finanziell über Wasser zu halten. Er hatte in seinem Leben wohl nicht allzu viel zu lachen, und trotzdem gönnte er sich einmal einen Spaß: Er leistete sich das Vergnügen, die bizarre Geschichte einer Reise zum Mond zu erfinden - und lieferte damit die erste Science-Fiction bzw. Fantasy-Geschichte der Neuzeit. Unter dem Titel “Keplers Traum“ ist sie in die Geschichte eingegangen.

Keplers Traum

Kepler erzählte die Geschichte als Ich-Erzähler aus der Perspektive eines gewissen Duracotus - und machte damit einen verhängnisvollen Fehler ...

Doch zunächst zur Geschichte: Duracotus und seine Mutter Fiolxhilda leben auf der sagenumwobenen Insel Island. Fiolxhilda verkauft Talismane an abergläubische Seeleute und hat Kontakt mit bösen Geistern und Dämonen. Nach einem fünfjährigen Astronomiestudium kehrt Duracotus nach Hause zurück und um ihm ein genaueres Studium des Mondes zu ermöglichen, beschwört Fiolxhilda einen Dämon, der die beiden zum Mond bringen soll. Duracotus berichtet nun, wie der Dämon in allen Einzelheiten die Reise zum Mond und das Leben dort oben schildert. Was die astronomischen Fakten angeht, so nimmt es Kepler damit sehr genau: Der Dämon beschreibt, dass für einen festen Ort auf dem Mond die Erde immer an derselben Stelle des Himmels steht, dass sie also nie auf- oder untergeht. Wenn auf der Erde Neumond ist, beobachten die Mondbewohner “Vollerde“. Die Mondbewohner beobachten auch, dass sich die Erde dreht und teilen so ihre Zeit ein.

Am verblüffendsten aber ist die Beschreibung der Reise selbst: “Der Anfangsstoß der Beschleunigung ist das Schlimmste, denn der Reisende wird wie durch die Explosion von Schießpulver nach oben geworfen ... Deshalb muss er vorher mit Einschläferungsmitteln betäubt werden, und seine Glieder müssen sorgfältig geschützt werden, sonst würden sie ausgerissen, denn der Rückstoß breitet sich über alle Teile des Körpers aus.“ 375 Jahre vor 2001 - Odyssee im Weltraum malt Kepler hier das Bild einer in Tiefschlaf versetzten Raumfahrt-Crew! - Clarke und Kubrick lassen grüßen ...

Keplers Modell des Sonnensystems
Keplers Modell des Sonnensystems

Im weiteren Verlauf beschreibt der Dämon den Zustand der Schwerelosigkeit, von dem er allerdings irrtümlich annimmt, dass er nur an dem Punkt herrscht, an dem sich die Erdanziehung und die Mondanziehung gerade aufheben. 200 Jahre nach Kepler wird Jules Verne in seiner “Reise zum Mond“ diesen Fehler übrigens immer noch machen. Man merkt hier, wie dicht Kepler an der Entdeckung des Gravitationsgesetzes war, das dann eine Generation später von Newton gefunden wurde. Die Geschichte endet abrupt: Mitten in der Mondbeschreibung des Dämons wacht Duracotus auf. Alles war nur ein Traum! Folgerichtig heißt dieser Text “Keplers Traum“ (Somnium) und damit steht Kepler am Anfang einer Reihe von Träumern, die in der Mondlandung von 1969 gipfelt.

Der verhängnisvolle Fehler in der Geschichte unseres Mondfahrtträumers war übrigens die Idee, seine Mutter (Fiolxhilda) als Hexe auftreten zu lassen. Hier verstanden die Zeitgenossen keinen Spaß: Als Keplers Mutter nämlich tatsächlich als Hexe angeklagt wurde, musste ein frühes Manuskript des “Somnium“ als Indiz dafür herhalten, dass sogar ihr eigener Sohn sie für eine Hexe hielt. Erst nach sechsjährigem Prozess, der Kepler an den Rand des finanziellen Ruins brachte, wurde seine Mutter freigesprochen. Aus Angst vor weiteren Schwierigkeiten verfügte Kepler, dass die endgültige Version des Somnium erst posthum veröffentlicht werden durfte. “Keplers Traum“ erschien 1634, vier Jahre nach seinem Tod.

Jules Verne

Jules Verne (1828 - 1905) war vermutlich nicht der begnadetste Dichter des neunzehnten Jahrhunderts. Doch wenn es darum geht, einen Schriftsteller zu nennen, der technische Entwicklungen vorhergesehen hat, und der dadurch diejenigen begeistert hat, die diese Entwicklungen erst möglich machten, dann kommt man an Jules Verne nicht vorbei. 1865 erscheint in Frankreich sein Roman De la terre à la lune (Von der Erde zum Mond). Vier Jahre später folgt die Fortsetzung Autour de la lune (Reise um den Mond).

Jules Verne: Von der Erde zum Mond
Jules Verne: Von der Erde zum Mond

Noch Jahrzehnte danach ist die Lektüre dieser Romane Schlüsselerlebnis für die Pioniere der Raketentechnik. Die in diesen Geschichten behaupteten astronomischen, physikalischen und technischen Zusammenhänge reizen zur Überprüfung. Viele der geschilderten Prinzipien sind richtig, manche sind falsch. Und so wird die kritische Lektüre dieser Romane zur raumfahrttechnischen Übungsaufgabe für Pioniere wie Herrmann Oberth und Wernher von Braun.

Jules Verne ist der Vorträumer des zwanzigsten Jahrhunderts. Kein Wunder, dass ganz am Anfang dieses Jahrhunderts - 1902 - eine augenzwinkernde, parodistische Verfilmung seiner Mondreise steht. Georges Méliès schafft mit Le voyage dans la lune den ersten Science Fiction-Film der Geschichte und zeigt zum ersten Mal eine “Mondlandung“ im Kino.

Die Handlung von Vernes Roman ist die Geschichte eines grandiosen Fehlschlags. Mit einer riesigen, 270 Meter langen Kanone lassen sich die drei Romanhelden zum Mond schießen. Startplatz ist übrigens Stone Hill in Florida, nicht weit von Cape Caneveral, von wo hundert Jahre nach Erscheinen des Buchs ebenfalls drei Männer tatsächlich zum Mond starteten. Durch einen unerwarteten Zwischenfall verfehlen die Abenteurer aber den Mond und geraten in eine Mondumlaufbahn. Das Unternehmen ähnelt dadurch Apollo 13, das nach einem Schaden an Bord nicht auf dem Mond landen konnte. Wie Apollo 13 zünden Jules Vernes Mondfahrer einige Raketen und gelangen so wieder in den Anziehungsbereich der Erde, wo sie sicher im Pazifik landen. Obwohl die Abenteurer den Mond nicht erreicht haben, setzen sie ihr Vertrauen in die Zukunft der Raumfahrt und gründen ein Interplanetarisches Reisebüro ...

Clarke und Kubrick - Träume werden Bilder

Stanley Kubrick

Der Schriftsteller Arthur C. Clarke und der Regisseur Stanley Kubrick sind sehr unterschiedliche Träumer, und als sie 1964 die Zusammenarbeit für den Film 2001 - Odyssee im Weltraum begannen, war es keineswegs sicher, dass diesen beiden unterschiedlichen Charakteren der Science Fiction-Kultfilm des Jahrhunderts gelingen würde. Arthur C. Clarke (seit 1998: Sir Arthur C. Clarke), Jahrgang 1917, gilt heute als einer der bedeutendsten Science FictionAutoren überhaupt. Er hat mehr als 60 Bücher geschrieben, zahlreiche Preise erhalten und lebt seit 1956 auf Sri Lanka.

Clarke (oder ACC, wie ihn seine Fans nennen) hat eine geradezu prophetische Gabe: Mehrmals hat er - seiner Zeit weit voraus - technische Entwicklungen vorhergesehen bzw. angeregt. Zum Beispiel veröffentlichte er bereits 1945 einen Artikel, in dem er auf die Möglichkeit von geostationären Satelliten zur erdumspannenden Kommunikation hinwies. Später machte er als einer der Ersten auf die Vorteile von Wettersatelliten aufmerksam. Von Anfang an wies er auf die (problematische) Rolle hin, die in der Zukunft von Computern übernommen werden könnte. Kein Wunder, dass im Frühjahr 1997 die Fangemeinde den Geburtstag von HAL 9000, dem wichtigsten Helden aus 2001 - Odyssee im Weltraum, feierte und ACC ein Grußwort ins Internet schickte.

1964 nahm Stanley Kubrick mit ACC Kontakt auf. Kubrick wollte einen Science Fiction-Film drehen und bat Clarke um einen Themenvorschlag. Clarke griff in seine Ideenkiste und schlug seine Kurzgeschichte Der Wachtposten vor, die er schon 1948 geschrieben hatte. Darin geht es um eine geheimnisvolle Pyramide, die auf dem Mond gefunden wurde. Zunächst arbeiteten Clarke und Kubrick gemeinsam am Drehbuch. Aber im Laufe der Zeit drifteten die beiden ungleichen Persönlichkeiten auseinander und Clarke beschloss, das Thema zu einem Roman zu verarbeiten, während Kubrick den Film fertigstellte. Später hat Clarke seinen eigenen Anteil am Film auf ca. 5% eingeschätzt.

Nachbau des Raumschiffs aus 2001 - Odyssee im Weltraum
Nachbau des Raumschiffs aus 2001 - Odyssee im Weltraum

Kubrick schuf die bis dahin eindrucksvollsten (geträumten) Bilder der Raumfahrt. Lange Sequenzen ohne Worte bringen die stumme Unendlichkeit des Raumes zur Geltung. Die Eintönigkeit der monatelangen Reise zum Jupiter (in Clarkes Buch ist es der Saturn) wird erlebbar.

Die Arbeiten am Film laufen parallel zum Apolloprojekt. Und so wird dieser Film auch das letzte Produkt der “Traumfabrik“, das noch auf Träume (Fiction) in Bezug auf die Mondreise angewiesen ist. Ein Jahr danach ist aus Fiction Science geworden und der Mondspaziergang Neil Armstrongs wird live in die Wohnzimmer übertragen. Die Träumer haben ihre Aufgabe erfüllt. Das Zeitalter der Weltraumfahrt hat begonnen. Die Ingenieure haben das Wort aber sicher nicht das letzte.

Dr. Dirk Soltau