21.05.2015
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Finanzwirtschaft macht sich für Klimaschutz stark

Interview mit Dr. Gerhard Berz, Münchener Rück

Leiter der Abteilung GeoRisikoForschung

"Der Geowissenschaftler Dr. Gerhard Berz (61) leitet seit 1974 den Bereich GeoRisikoForschung der Münchener Rückversicherung, des weltweit führenden "Versicherers der Versicherer".

Herr Dr. Berz, ist Ihr Bereich GeoRisikoForschung bei der Münchener Rück einmalig oder gibt es so etwas in anderen Versicherungen auch?

Berz: Die Münchener Rück war 1974 die erste Versicherung, die eine solche Einrichtung geschaffen und einen Geowissenschaftler eingestellt hat; sehr weitblickend meines Erachtens, denn damals gab es noch nicht wie heute Anzeichen dafür, dass die Naturkatastrophen immer häufiger und immer schwerer werden. Inzwischen haben alle international tätigen Rückversicherer und neuerdings auch Erstversicherer solche geowissenschaftlichen Forschungsgruppen.
1974 war ich in Deutschland und Europa der erste, aber heute arbeiten weltweit rund 1000 Geowissenschaftler für die Versicherungswirtschaft.

Wie arbeitet Ihre Abteilung?

Berz: Zunächst einmal versuchen wir, frühere Naturkatastrophen so weit es geht zurückzuverfolgen. Wir haben hier bei uns wirklich das beste Archiv für Naturkatastrophen geschaffen, das Sie weltweit finden können.
Wir werten jährlich rund 800 bis 900 Naturkatastrophen weltweit aus. Damit haben wir eine sehr gute Basis von rund 15.000 Ereignissen in den letzten 20 Jahren und können beispielsweise feststellen: Vier von fünf Naturkatastrophen haben ihren Ursprung in der Atmosphäre, sind also durch Wetterextreme ausgelöst.
Nur ein Fünftel der Naturkatastrophen sind geophysikalische Ereignisse wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche.

Statistik der Naturkatastrophen

Und was sagt Ihre Statistik aus über die Entwicklung der Naturkatastrophen in den letzten Jahrzehnten - haben sie zugenommen?

Berz: Ja, und besonders deutlich wird das, wenn man die letzten zehn Jahre mit den 60er Jahren vergleicht: dreimal so viele große Naturkatastrophen, achtmal so große Schäden, schon inflationsbereinigt, 14-mal so große versicherte Schäden.
Wir befassen uns natürlich auch mit den Ursachen für diese dramatische Zunahme. Das Klima oder die Klimaänderung ist nicht der entscheidende, aber ein zunehmend wichtiger Faktor. Die anderen Faktoren sind die Zunahme der Weltbevölkerung, Verstädterung, die Lage dicht besiedelter, dicht industrialisierter Gebiete in Hochrisikozonen und natürlich auch die zunehmende Anfälligkeit moderner Industriegesellschaften.

Auf welche Entwicklungen in den nächsten Jahrzehnten stellen Sie sich ein?

Berz: Sicher ist, dass die Temperaturen ansteigen, und dass damit auch Extremtemperaturen bei uns häufiger werden.
Wir haben ermittelt, dass jedes Grad, um das es im Sommer heißer wird, zu 50 Prozent mehr Blitzschlägen führt. Bei Gewittern kommen natürlich noch Starkniederschläge und Hagelschläge dazu.
Für die Zunahme von Gewittern gibt es gute meteorologische Gründe: Der Temperaturkontrast zwischen den heißen Kontinenten und den kühleren Ozeanen wird noch größer werden, und dann steckt in diesen Unwettern viel mehr Musik.
Auch in den wärmeren Wintern, die uns bevorstehen, wird es mehr Stürme geben; dafür haben wir ausreichend Indizien. Denn im Flachland hatten wir früher meist flächendeckend Schnee. Das Kältehoch, das sich über einer solchen Schneedecke bildet, wirkt als Barriere gegen die Stürme aus dem Nordatlantik. Diese fehlt in den milden, grünen Wintern - dadurch können die Stürme häufiger nach Mitteleuropa vorstoßen.
Und in milden Wintern gibt es auch mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre, dadurch mehr Regen, mehr Überschwemmungen.

Zuverlässige Prognosen

Ihre Annahmen basieren auf den Prognosen der Klimamodelle. Für manche Politiker sind diese nicht zuverlässig genug. Können Sie sich darauf verlassen?

Berz: Ja, für mich reicht es aus, wenn die meisten Klimatologen sagen: Bis Ende des Jahrhunderts wird die Temperatur im globalen Mittel um eineinhalb bis sechs Grad ansteigen.
Und wenn ich mir überlege: Wie wird sich der Energieverbrauch entwickeln, wie wird es mit den Emissionen weitergehen, dann tendiere ich auch zumindest bis zur Mitte des Jahrhunderts dazu, dass wir eher im oberen Bereich sein werden. Das reicht für mich als Sicherheit aus um zu sagen: In zehn Jahren wird die Mitteltemperatur ein paar Zehntel höher liegen, in 20 Jahren noch einmal, und in 50 Jahren sind wir dann mindestens schon bei einer zusätzlichen Erwärmung um ein Grad, wenn nicht vielleicht sogar zwei Grad.
Wir sehen natürlich auch die regionalen Entwicklungen hier in Mitteleuropa und können daraus unsere eigenen Schlüsse ziehen. Was uns noch fehlt, sind genauere Prognosen über die Wahrscheinlichkeit von Extremereignissen wie großen Überschwemmungen.

Welche Konsequenzen zieht die Münchener Rück aus den Klimaprognosen? Wird man sich in Zukunft gar nicht mehr gegen Hochwasser versichern können, weil es zu häufig kommt und zu viele Gebiete gefährdet sind?

Berz: Nein, aber die Versicherungen müssen anders gestaltet werden. Wir wünschen uns eine verstärkte Risikopartnerschaft zwischen Kunden, Versicherungswirtschaft und Staat.
Bei geringen Risiken muss der Kunde mit ins Boot geholt werden. Dem muss man zumuten, dass er Bagatellrisiken selbst trägt - die 500 Euro Eigenbeteiligung beim Auto ist er längst gewöhnt.
Wir haben 1990 nach den Orkanen schon gesagt: Wenn man ein Gesamtpaket aller Naturgefahren in Deutschland schnürt, bei dem dann jeder versichert ist, zusätzlich zu Sturm und Hagel, dann wäre dies bei einer 500-Euro-Selbstbeteiligung ohne Prämienerhöhung möglich. Damals lag der Schadendurchschnitt bei 1.000 Mark; bei einer Selbstbeteiligung in dieser Höhe wären 50 Prozent der Schäden entfallen - das spart dem Versicherer eine Menge Arbeit und Geld und stabilisiert damit die Prämie.
Am anderen Ende des Risikospektrums, bei den Extremschäden, den ganz großen Katastrophen, die glücklicherweise nur ganz selten auftreten, muss man über eine Partnerschaft mit dem Staat oder über Haftungslimitierungen nachdenken. Denn diese Katastrophen können Größenordungen erreichen, die über die Leistungsfähigkeit der Versicherungswirtschaft hinausgehen - beispielsweise die 25 bis 30 Milliarden Euro volkswirtschaftlicher Schaden des Elbe-Hochwassers.
Und wir haben ja noch eine ganze Reihe von anderen Szenarien in Deutschland: Jahrhundert- oder Jahrtausendorkan oder Hagelschlag im Rhein-Main-Dreieck oder Sturmflut an der Nordsee. Vorbilder für diese Risikopartnerschaft gibt es im Ausland, wie in der Schweiz, in Spanien und Frankreich.

Klimaschutz

Versicherungen helfen, Schäden wieder zu reparieren. Besser wäre es natürlich, wenn die Schäden gar nicht erst auftreten würden.

Berz: Ganz richtig, Vorsorge ist das Allerwichtigste; zum Thema Überschwemmung beispielsweise haben wir schon vor Jahren einen Katalog herausgegeben, in dem alle die Möglichkeiten zur Vorsorge dargestellt werden.
Wir sind auch schon seit 1990 im Deutschen Komitee für Katastrophenvorsorge tätig, und bei den Vereinten Nationen in der International Strategy for Disaster Reduction.
Da gibt es einmal die Zielrichtung, Frühwarnsysteme einzurichten für Überschwemmungen, tropische Wirbelstürme und Vulkanausbrüche - bei Erdbeben hat man vorerst wenig Chancen. Ein weiteres Thema sind bautechnische Maßnahmen; aber das kann man immer nur im Neubestand machen - das dauert lange, bis sich das in den Baubestand hineinentwickelt.
Und es werden Hochrisikogebiete festgestellt und untersucht, zum Beispiel besonders gefährdete Großstädte. Wir arbeiten auf internationaler Ebene auch im Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) mit, in der Arbeitsgruppe 2, in der es unter anderem um die Aspekte der Financial Services geht.

Es heißt immer, jeder einzelne könne dazu beitragen, die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren. Was kann eine Versicherung für den Klimaschutz tun?

Berz: Seit dem Klimagipfel 1995 in Berlin gibt es eine Selbstverpflichtungs-erklärung der Banken und Versicherer gemeinsam mit der Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEP), die inzwischen 100 große Unternehmen weltweit unterzeichnet haben.
Sie sollen sich vor allem Gedanken machen über ihre Vermögensanlagen und prüfen, ob nicht ein immer größer werdender Teil in umweltfreundliche, nachhaltige Wirtschaftsbereiche umgelenkt werden kann.
Dazu gibt es in der Zwischenzeit mehrere Umweltindizes, zum Beispiel zusammen mit Dow Jones. Und bis jetzt sind die Erfahrungen mit diesen Indizes sehr positiv.
Wenn die Finanzwirtschaft mit ihren riesigen Investitionsvolumina es wirklich schafft, diese in Richtung umweltfreundlicher Wirtschaftsbereiche umzusteuern, dann kann sie meines Erachtens tatsächlich einen bedeutenden Beitrag zum Klimaschutz leisten.

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