21.05.2015
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Mount Vinson – auf dem “Eisschrank“ der Erde

Der Berg

Blick vom Gipfel des Mount Vinson. © Michael Straub (Bern)

Der westantarktische Mount Vinson ist Teil der Ellsworth Mountains und liegt auf 78°35' südlicher Breite und 85°25' westlicher Länge. Damit trennen ihn knapp 1200 Kilometer vom geografischen Südpol. Das Vinson-Massiv selbst ist ein Plateau von 25 Kilometern Länge und 15 Kilometern Breite. Es liegt durchweg auf über 3500 Metern Höhe und weist fünf Gipfel auf, die kaum niedriger sind als der Mount Vinson selbst. Obwohl sich das Vinson-Massiv nur rund 100 Kilometer von der Küste entfernt befindet, wurde es erst im Jahr 1958 von Piloten der US-Navy entdeckt. Seinen Namen hat der Berg vom US-Kongressabgeordneten Carl G. Vinson. Er setzte sich zwischen 1935 und 1961 sehr stark für die Erforschung der Antarktis ein.

Der Mount Vinson ist der höchste Berg der Antarktis und damit einer der “Seven Summits“, wie man die sieben höchsten Gipfel aller Kontinente nennt. Doch seine genaue Höhe ist offenbar noch unbekannt mit GPS vermessen erreicht er 4986 Meter, die trigonometrische Vermessung ergab eine Höhe von 5130 Meter und aus barometrischer Sicht misst er sogar stolze 5460 Meter.

Und noch etwas ist am Mount Vinson ungewöhnlich: Die Luft ist auf seinem Gipfel bereits so dünn wie in 6000 Metern Höhe im Himalaya. Daher ist eine Besteigung des Berges anstrengender als die eines Fünftausenders in Nepal. Der Grund für dieses Phänomen ist das Zusammenspiel zwischen Erdanziehung und Erdrotation. Durch die Drehung der Erde entstehen Zentrifugalkräfte, die die Lufthülle entgegen der Erdanziehung nach außen drücken. Dadurch ist auch in größeren Höhen noch mehr Luft vorhanden, als dies ohne Erddrehung theoretisch der Fall wäre. Die Zentrifugal- oder Fliehkräfte sind am Äquator am größten, an den Polen dagegen am geringsten. Deshalb ist die Luft in der Antarktis in geringer Höhe dichter als in den außerpolaren Breiten. Mit zunehmender Höhe aber wird die Luft in der Antarktis schneller dünn. Recht kalt ist es am Gipfel des Mount Vinson übrigens auch. Selbst im antarktischen Sommer liegen die Temperaturen dort bei minus 20 bis minus 40 Grad Celsius. Dies entspricht in etwa den Temperaturen auf dem Gipfel des 8848 Meter hohen Mount Everest.

Das Vinson Massiv ist ein Teil des Transantarktischen Gebirges. Dieses zieht sich quer durch den Antarktischen Kontinent und bildet die Fortsetzung jenes Gebirgszuges, der sich über drei Kontinente erstreckt. In Alaska beginnend zieht er mit der Küstenkordillere durch Nordamerika, mit den Anden durch Südamerika und findet in der Antarktis seinen Abschluss.

Gipfelstürmer

Nach der Entdeckung des Mount Vinson dauerte es noch acht Jahre, bis am 17. Dezember 1966 erstmals Menschen auf seinem Gipfel standen. Es war eine US-amerikanische Expedition unter der Leitung von Nicholas B. Clinch, die den Gipfelsieg errang. Erst 13 Jahre später, im Dezember 1979, gelang den deutschen Geologen Peter von Gizycki und Werner Bugisch die zweite Besteigung des Berges.

1983 erreichte eine japanisch-amerikanische Expedition den Fuß des Mount Vinson und bezwang den Gipfel in 14 Tagen. 1984 blieb eine amerikanische Expedition wegen technischer Probleme und extremen Wetterbedingungen ohne Erfolg. Obwohl zahlreiche spätere Expeditionen ebenfalls scheiterten, wurden bis heute insgesamt über 400 erfolgreiche Besteigungen des Berges verzeichnet.

© Michael Straub (Bern)

Der Anstieg auf den Mount Vinson ist technisch nicht schwierig, erfordert jedoch viel alpinistische Erfahrung, vor allem wegen seiner Höhe und der isolierten Lage. Dass der Mount Vinson kein zweit- oder gar drittklassiger Berg irgendwo in der Weite der Antarktis ist, zeigt ein Blick in sein Gipfelbuch. Dort finden sich bekannte Namen wie die von Chris Bonington (Besteigung 1983), Yvon Chouinard (1984), Reinhold Messner, Wolfgang Thomaseth und Oswald Ölz (1986), Ronald Naar (1987), Rob Hall (1989), Peter Hillary, Conrad Anker und Doug Scott (1992), Ralf Dujmovits (1993) und Erhard Loretan (1994).

Die beste Zeit zur Besteigung ist der antarktische Sommer von Mitte Dezember bis Mitte Januar. Das größte Problem allerdings ist der Preis: Man muss schon mit etwa 25.000 US-Dollar rechnen, wenn man auf dem höchsten Berg des eisigen Kontinents stehen will - und das ohne Erfolgsgarantie.

Leben am Berg

Das Leben am Mount Vinson dürfte auch in ferner Zukunft auf Mikroorganismen und die wenigen Teilnehmer von Expeditionen beschränkt bleiben. Denn nicht nur der höchste Berg, sondern der gesamte antarktische Kontinent gleicht einem “Eisschrank“: In der russischen Forschungsstation Vostok wurde am 21. Juli 1983 die tiefste Temperatur auf unserer Erde gemessen: minus 89,5 Grad Celsius.

© Michael Straub (Bern)

Expeditionsteilnehmern machen am Mount Vinson vor allem die Klima- und Wetterextreme zu schaffen. In der Höhe sind Temperaturschwankungen extrem stark und schnell. Obwohl man während des antarktischen Sommers 24 Stunden Sonnenschein hat, schwanken die Tagestemperaturen zwischen null und minus 40 Grad Celsius. Die Feuchtigkeit, die bei schlechtem Wetter herangeführt wird, fördert den Verlust der Körperwärme. In der Antarktis kommt es auf Grund der allgegenwärtigen Winde und Stürme zudem sehr häufig zu dem Phänomen des so genannten “Windchill“. Bei Windstille oder geringen Windgeschwindigkeiten bildet sich wegen der Wärmeabstrahlung ein Warmluftpolster um den Körper. Normalerweise herrscht in der Vinson-Region immer ein leichter Wind mit 10 bis 30 Stundenkilometern vor, der aber innerhalb von kürzester Zeit auf bis zu 150 Kilometer pro Stunde auffrischen kann. Dieses Polster wird dann von den stärkeren Windbewegungen weggeweht. Am Mount Vinson kann daher eine tatsächliche Temperatur von minus 40 Grad Celsius sehr leicht zu einem Windchill von minus 70 Grad Celsius führen. Das ist eine Temperatur, bei der höchste Erfrierungsgefahr besteht.

Die dünnere Atmosphäre und die Ausdünnung der Ozonschicht im Bereich des Südpols machen die Sonneneinstrahlung am Mount Vinson für Bergsteiger noch gefährlicher als zum Beispiel in den Alpen oder Pyrenäen. Vor allem die Wirkung der UV-Strahlung ist deshalb nicht zu unterschätzen und ein sehr guter UV-Schutz angebracht. Fazit: Der Mount Vinson ist ein extremer Berg für extreme Menschen mit extrem hohem Einkommen.

Dr. Alexander Stahr/Lesestein.de