21.05.2015
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Vincent van Gogh – das verkannte Genie

Sein Leben verlief dramatisch, sein Werk war revolutionär, seine Bilder erzielen heutzutage Rekordpreise: Letztes Jahr feierten die Niederlande den 150. Geburtstag des großen Malers mit Ausstellungen und Jubiläumsveranstaltungen. Doch nicht nur in Museen ist der einzigartige Künstler zu entdecken, die Spuren Van Goghs finden sich in den Niederlanden vielerorts.

Rastlos und besessen

"Und mein Lebensziel ist es, Bilder und Zeichnungen zu schaffen, so viele und so gute, wie ich kann. Dann am Ende meines Lebens, so hoffe ich, werde ich sterben und zurückblickend auf mein Leben in Liebe und mit leisem Bedauern denken: 'Oh, all die Bilder, die ich hätte schaffen können!", schreibt Vincent van Gogh im November 1883. Die vergangenen Monate haben dem depressiven und unter Epilepsieanfällen leidenden Künstler wieder einmal schwer zugesetzt. Im Sommer verließ er Den Haag nach der Trennung von Sien, seiner langjährigen Liebe. Während der folgenden Wochen flieht er in die Einsamkeit und reist durch die spröde Provinz Drenthe, malt und zeichnet wie ein Besessener.

Kurz darauf steht er vor der Tür seines Elternhauses in Nuenen. Dort findet er für einige Augenblicke Ruhe und Muße. Doch schon im folgenden Sommer ziehen wieder dunkle Wolken auf. Margot, eine Frau in der Nachbarschaft, verliebt sich in ihn. Eine unsichere Liaison beginnt. Hin- und hergerissen zwischen Liebe und Verzweiflung unternimmt sie schließlich einen Selbstmordversuch und stürzt den sensiblen Vincent erneut in tiefe Depression.

Wie so oft in Krisenzeiten zieht sich Van Gogh, der ewig Suchende, auch nun zurück, schafft innerhalb weniger Wochen unzählige Gemälde und Zeichnungen über das Landleben in der niederländischen Provinz Brabant. Den Höhepunkt dieser Schaffensperiode erreicht er ihm Jahr 1885, es entsteht eines seiner berühmtesten Bilder: "Die Kartoffelesser". Gemeinhin gilt dieses technisch brillante, in schweren, dunklen Farben gehaltene Oeuvre als erstes Meisterwerk des Künstlers.

Auf den Spuren des Malers

Zu finden sind die Spuren Vincent van Goghs allerorten. Natürlich in Groot-Zundert, einer Gemeinde in der Provinz Noord-Brabant, wo er am 30. März 1853 geboren wurde. Auch in der Provinz Drenthe gibt es ein Ziel für Van-Gogh-Liebhaber: Das Fähr- und Wohnhaus Scholte in Nieuw-Amsterdam wurde weitgehend in den ursprünglichen Stil zurückversetzt und ist damit das einzige von Van Gogh bewohnte Haus in den Niederlanden, das für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Zu sehen ist das Zimmer, in dem der Maler lebte und arbeite. Im Erdgeschoss lädt das Gelagezimmer zu einer einfachen Mahlzeit oder einer Tasse Kaffee mit Rosinenbrot ein. Im Neubau befinden sich ein Informations- und Dokumentationszentrum sowie ein Museumsshop.

Einen umfassenden Überblick über das Schaffen des großen Impressionisten bietet das Van Gogh Museum in Amsterdam. Die ursprünglich im benachbarten Stedelijk Museum untergebrachte Sammlung, eine Stiftung Theo van Goghs, des Künstlers Bruder, an die Stadt, erhielt 1973 ein eigenes, nach Plänen des bereits 1964 verstorbenen De-Stijl-Architekten Gerrit Rietveld geschaffenes Museumsgebäude. In dem riesigen Klotz aus Granit und Glas werden über 200 Gemälde sowie 500 Zeichnungen und Aquarelle Van Goghs aufbewahrt, dazu der umfangreiche Briefwechsel mit seinem Bruder Theo und die japanischen Holzschnitte, die der Künstler gesammelt hat.

Höhepunkt in der Provinz

Ein weiterer Höhepunkt für Van Gogh-Fans ist das Kröller-Müller Museum bei Arnheim. Der Leidenschaft der Kunstsammlerin Helene Kröller-Müller für das Werk und die Person Van Gogh ist es zu verdanken, dass hier in der niederländischen Provinz mehr als achtzig Gemälde Van Goghs zu bewundern sind. Daneben ist im Van der Velde-Flügel des Hauses auch eine große Auswahl von Zeichnungen Van Goghs zu sehen.

Künstlerisch Begabten bietet das Museum zudem die Möglichkeit, bei ganztägigen Workshops Materialien und Techniken Van Goghs kennen zu lernen und auszuprobieren. Der Schwerpunkt der Motivwahl liegt wie bei Van Gogh auf Portraits, Stillleben und Landschaften. Das Kröller-Müller Museum mit einem der größten Skulpturengärten Europas befindet sich mitten im idyllischen Nationalpark De Hoge Veluwe.

Ein verkauftes Bild

Van Gogh schuf rund 2.200 Bilder, aber er verkaufte nur ein einziges. Für 400 Francs wechselte "Der rote Weinberg" im Februar 1890 den Besitzer. Exakt hundert Jahre später erzielen seine Werke Rekordsummen. Bei Versteigerungen des britischen Auktionshauses Christie's werden für das Portrait des Van Gogh'schen Arztes Dr. Gachet 82,5 Millionen US-Dollar gezahlt der höchste Preis, der jemals für ein Gemälde fällig wurde. Gleiches gilt für die Zeichnung "Garten mit Blumen", die seinerzeit für 8,36 Millionen US-Dollar über den Tisch ging.

Unbehaglich im Kopf

Die jenseits seines Schaffens spektakulärste Tat Van Goghs geschieht jedoch nicht in den Niederlanden, sondern im Süden Frankreichs. In einem Anfall geistiger Umnachtung schneidet sich Vincent van Gogh das linke Ohr ab, läuft zum unweit gelegenen Bordell und überreicht das makabre Geschenk einer Prostituierten. So geschehen in der Nacht des 23. Dezember 1888 in Arles, einer Stadt in der Provence.

Auch das Grab Vincent van Goghs findet sich in Frankreich, in Auvers-sur-Oise, einer Gemeinde in der Nähe von Paris. In der gleißenden Mittagshitze des 27. Juli 1890 verlässt der Künstler kurz nach dem Mittagessen das Haus und geht hinüber zu einem Weizenfeld in der Rue Boucher. Dort richtet er einen Revolver gegen sich und schießt sich in die Brust.

"Was mich betrifft, fühle ich mich oft unbehaglich in meinem Kopf. Denn ich denke, dass mein Leben zu wenig ruhig verlaufen ist; all diese Enttäuschungen, Anfeindungen und Veränderungen hindern mich an meiner vollständigen Entwicklung, und natürlich in meiner künstlerischen Laufbahn", schrieb Van Gogh wenige Monate zuvor an Theo, seinen Bruder, der Zeit seines Lebens Vincents bester Freund und immer wieder Helfer in der Not war. Nun sitzt dieser am Bett und hält die Hand seines sterbenden Bruders. Am 29. Juli 1890 schließt Vincent van Gogh für immer die Augen.

(H&A medien/Paul Balthasar)