21.05.2015
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Weiterbildung wird immer wichtiger

Lebenslanges Lernen

Um den Anschluss nicht zu verpassen, sollten sich auch ältere Arbeitnehmer weiterbilden.

Um den Anschluss nicht zu verpassen, sollten sich auch ältere Arbeitnehmer weiterbilden.

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, lautet ein altes Pädagogen-Motto. Für Arbeitnehmer und Angestellte ist das längst zur Notwendigkeit geworden. Wer nicht ins berufliche Abseits geraten will, muss sich beruflich weiterbilden und das ein Leben lang.

Die Formen beruflicher Weiterbildung sind vielfältig, eine allgemein anerkannte Definition fehlt in Deutschland ebenso wie verbindliche Statistiken. Das Berichtssystem Weiterbildung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in Berlin verzeichnet aber seit Jahren einen Anstieg der Teilnehmerzahlen. 1997 bildeten sich über 24,1 Mio. Deutsche zwischen 19 und 64 Jahren weiter. Auf die berufliche Weiterbildung entfiel davon ein Anteil von 30 Prozent, was einer Verdreifachung seit 1979 entspricht.

Recht auf Bildungsurlaub

Der stärkste Zuwachs vollzieht sich auf dem Gebiet der informellen Fortbildung. Jeder zweite Erwerbstätige bildete sich durch Lesen von Fachbüchern oder durch Selbstlernen am Arbeitsplatz weiter. Eine erstaunliche Tatsache denn Arbeitnehmer können sich für berufliche Bildung bezahlten Urlaub nehmen: Bildungsurlaub. Bildungsurlaub soll der beruflichen Qualifizierung dienen, aber auch die politische Teilhabe am demokratischen Leben stärken.

Schon 1960 forderte der Arbeitskreis Arbeit und Leben, die bildungspolitische Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Volkshochschulen und des Deutschen Gewerkschaftsbundes, ein gesetzlich verankertes Recht auf Freistellung von der Erwerbsarbeit zu Bildungszwecken. Gefördert durch die sozialdemokratische Bildungsreform erließ Hamburg 1974 das erste Bildungsurlaubsgesetz, zuletzt folgte im Mai 2001 Mecklenburg-Vorpommern.

Länderregelungen unterschiedlich

Nur in Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen gibt es keine gesetzlichen Ansprüche auf Bildungsurlaub. Eine Chance auf bezahlte Berufsfortbildung besteht jedoch auch in diesen Ländern: Häufig sind Freistellungsregelungen Teil betrieblicher Zusatz-Vereinbarungen oder in den Tarifverträgen geregelt.

Die Freistellungsgesetze der Länder wenden sich an Arbeitnehmer, Angestellte und Auszubildende. Ein Anspruch erwächst nach sechs Monaten Betriebszugehörigkeit. Pro Kalenderjahr hat der Arbeitnehmer dann Anrecht auf fünf Tage Bildungsurlaub. Spart sich ein Arbeitnehmer seinen Bildungsurlaub auf, kann er im folgenden Jahr zwei Wochen beantragen. Beachten muß er dabei die Antrags-Frist: Sie beträgt je nach Bundesland zwischen sechs Wochen und drei Monaten vor Beginn der Maßnahme.

Persönlicher Einsatz entscheidet

Bildungsurlaub wird eher selten beantragt: “Der Anteil an der berufsbezogenen Weiterbildung stagniert seit Jahren zwischen 0,7 Prozent in Nordrhein-Westfalen und drei Prozent in Bremen resümiert Lothar Jansen, Bildungsreferent im Arbeitskreis Arbeit und Leben in Düsseldorf. “Die bezahlte Freistellung wird nie ein großes Instrument der Weiterbildung werden, vermutet Jansen. Letztendlich komme es immer auf die Einzelfallentscheidung an. “Man muss die sehr persönliche Kraft haben, Bildungsurlaub durchsetzen zu wollen, so Jansen. Dabei gilt: Je berufsbezogener ein Kursangebot ausgewählt wird, desto eher stimmen Arbeitgeber einer Bildungsmaßnahme zu. “Die Front ist da weicher, wo sich die Weiterbildungsziele des Arbeitnehmers mit denen des Arbeitgebers deckt, sagt Jansen.

Bildungsangebot wächst stetig

Das Angebot an Weiterbildung wird breiter so sieht das auch Heike Baltruweit, pädagogische Mitarbeiterin am EDV- und Berufsbildungszentrum der Volkshochschule in Hamburg: “Zunehmend verzeichnet die Volkshochschule Nachfragen von Unternehmen und Beschäftigungsgesellschaften, die Bildungsurlaube als Fortbildung für ihre Mitarbeiter nutzen. Die Hamburger Volkshochschule plant daher für das Jahr 2001/2002 rund 140 Bildungsurlaube im Bereich Berufs- und Arbeitswelt, 1999 waren es gerade 79. Neben Kursen zur Finanzbuchhaltung und Tabellenkalkulation werden die Kurse zum Online-Publishing und zur Home-Page-Gestaltung besonders gut nachgefragt.

Volkshochschulen bieten Computer-Pass

Gefragt wie nie zuvor: EDV-Kurse an Volkshochschulen

Gefragt wie nie zuvor: EDV-Kurse an Volkshochschulen

Dem verstärkten Interesse an EDV-Kursen begegnen die Volkshochschulen zum Herbstsemester mit einem Einheitlichen Lehrgangs- und Zeugnissystem, dem Europäischen Computer Pass Xpert. Der Pass gliedert sich in sieben Bestandteile, darunter die Standardbüroanwendungen, Kommunikations- und Präsentationstechniken. Er wird bundesweit und in den kooperierenden europäischen Staaten einheitlich geprüft. “Wir rechnen bis Ende 2001 mit bis zu 20 000 Prüfungen für den Computer Pass Xpert so Niels Mauermann, Leiter des Prüfungswesens im VHS-Landesverband Niedersachsen in Hannover.

Weitere Xpert-Pässe, zum Beispiel zum Betriebssystem Linux, sind in Vorbereitung. Ob der Xpert oder einzelne Bestandteile als Bildungsurlaub angeboten werden, hängt von der staatlichen Anerkennung durch die Länder ab.

Individuelle Lernzeitkonten

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche (WSI) Institut der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf hat in einer Studie zur betrieblichen Weiterbildung feststellt, dass es längst nicht mehr Firmenalltag ist, betriebliche Weiterbildung in der Arbeitszeit zu absolvieren. Das Institut schlägt deshalb vor, Lernzeitkonten einzurichten.

Individuelle Lernzeitkonten würden die gesetzlichen, tarifrechtlichen und betrieblichen Ansprüche auf Bildungsurlaub bündeln und unabhängig vom Bundesland für jeden Erwerbstätigen ein generelles Recht auf Weiterbildung begründen. Das WSI schlägt vor: Die Arbeitgeberverbände stimmen einen lebenslangen, bundeseinheitlichen Anspruch auf Weiterbildung zu; die Gewerkschaften akzeptieren, dass diese zum Teil auch in der Freizeit stattfindet.

Für Heike Baltruweit ist die Verlagerung von beruflicher Weiterbildung in den Freizeitbereich schon seit eineinnalb Jahren gewohnte Praxis: “Teilnehmer lassen sich nicht freistellen vom Arbeitgeber, sondern nutzen ihren Urlaub für den Besuch von Bildungsurlauben. Das gilt auch zunehmend für Lehrer.