21.05.2015
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Der Investiturstreit

Begriff

Mit dem Begriff Investiturstreit wird der epochale Machtkampf zwischen Königtum und Papsttum (lat. imperium (regnum) und sacerdotium) bezeichnet, der sich zwischen 1056 und 1125 (Ende der Regentschaft von König Heinrich V.) im Bereich des christlichen Abendlandes abspielte. Der Konflikt entzündete sich am Streit um das Verfahren zur Einsetzung (Investitur) von Bischöfen und Reichsäbten durch den König. Seine politische Bedeutung reichte jedoch über diese Frage weit hinaus. Die Auseinandersetzung war vielmehr Teil eines tief greifenden Wandlungsprozesses, der die geistig-politische Ordnung des Frühmittelalters teilweise auflöste und das Verhältnis zwischen geistlicher und weltlicher Macht auf eine neue Basis stellte.

Im engeren Sinne ging es dabei um die gewohnheitsrechtliche Praxis, dass weltliche Herrscher, also Laien, kirchliche Ämter besetzten und dies durch die symbolische Überreichung von Ring und Stab an Bischöfe und Äbte zum Ausdruck brachten.

Vorgeschichte

Auch König Heinrich IV. folgte dieser traditionellen Praxis. Sie war vor allem im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verbreitet, wo seit den Ottonen-Kaisern (9.Jahrhundert) eine besonders enge Verflechtung zwischen Königtum und Reichskirche bestand. Innerhalb dieses "Reichskirchensystems" bildeten die Bischöfe wichtige Stützen der königlichen Herrschaft. Dies widersprach den überlieferten Normen des Kirchenrechts, worauf 1058 Kardinal Humbert von Silva Candida erstmals wieder mit Nachdruck hinwies. Für ihn war die Laien-Investitur vergleichbar mit Simonie, d.h. dem Kauf von Kirchenämtern. Allerdings schlossen sich Papst und Kardinalskollegium dieser scharfen Anprangerung der Laien-Investitur zunächst nicht an.

Die Könige erhoben zudem sakrale (religiöse) Ansprüche, was u.a. durch den Akt der Salbung bei der Thronbesteigung zum Ausdruck kam. Diese sakrale Überhöhung des Königtums wurde von Theologen und Kirchenführen in der zweiten Hälfte des 11.Jahrhunderts mit zunehmender Vehemenz bestritten. Sie sahen in der Person des Königs in religiöser Hinsicht einen einfachen Laien; die sakrale Sphäre sollte Papst und Klerus vorbehalten bleiben. Dieser Streit traf das Herrschaftssystem, das sich unter den Ottonen und Saliern herausgebildet hatte, an einer zentralen Stelle. Umso heftiger musste der Konflikt zwischen Kaiser und Papst sich entwickeln.

Verlauf

Unmittelbarer Auslöser des Investiturstreits war die Einsetzung des königlichen Kaplans Thedald zum Erzbischof von Mailand durch König Heinrich IV. im Jahr 1075. Papst Gregor VII. reagierte umgehend. Vor einer von Heinrich gewünschten Kaiserkrönung - die der Papst vorzunehmen hatte - verlangte er Gehorsam gegenüber dem Heiligen Stuhl, konkret die Rücknahme der Einsetzung des Erzbischofs von Mailand. Im Weigerungsfall drohte Papst Gregor VII. König Heinrich IV. mit der Exkommunikation und mit dem Verlust der Königswürde. Der Toskaner Hildebrand, ein nichtadliger Mönch, war 1073 als Gregor VII. auf den Heiligen Stuhl gelangt. Energisch bemühte er sich um die Stärkung des Papsttums bis hin zur erstrebten Vorherrschaft über die weltlichen Regenten und um eine grundlegende Reform der Kirche, deren hohe Kleriker häufig ein alles andere als bescheiden demütiges Leben führten. Seine harte Haltung im Streit mit König Hinrich IV. zeigte, dass es Papst Gregor VII. mit diesen Bestrebungen sehr ernst war.

König Heinrich IV., durch seinen Sieg über die Sachsen (Juni 1075) machtpolitisch gestärkt, nahm den Fehdehandschuh auf. In einem Brief vom Januar 1076 griff er seinerseits Papst Gregor VII. scharf an, indem er ihm die Papstwürde absprach und ihn sogar aufforderte, vom Heiligen Stuhl herabzusteigen. Das Schreiben war gerichtet an 'Hildebrand, nicht Papst, sondern falscher Mönch' und endete rhetorisch wirkungsvoll mit der Aufforderung 'steige herab, steige herab!' ('descende, descende'). (Wormser Dekret vom 24.Januar 1076) Bei seinem Gegenangriff auf den Papst konnte sich König Heinrich auf die Mehrheit des deutschen Klerus stützen, dem der Reformeifer Gregors VII. gegen den Strich ging. Viele hohe Geistliche lebten in ehelicher Gemeinschaft und dachten nicht daran, ihre komfortablen Lebensumstände zu Gunsten einer apostolischen Askese aufzugeben. Auf einer Reichsversammlung in Worms kündigte die Mehrzahl der deutschen Bischöfe dem Papst den Gehorsam auf.

Gang nach Canossa

Papst Gregor VII. nutzte das Forum der Fastensynode im Februar 1076, um zum Gegenschlag auszuholen. In flammenden Worten bezichtigte er Heinrich IV. der "Überheblichkeit" (superbia) gegenüber der Kirche, sprach ihm sodann die Regierungsgewalt in Deutschland und Italien ab, löste die Treueide und verhängte gegen ihn als schärfste Sanktion den Kirchenbann. Dadurch sollte Heinrich IV. zur Abdankung und faktischen Unterwerfung unter den Heiligen Stuhl gezwungen werden.

Heinrich IV. erreichte Mitte 1076 zwar die Exkommunizierung Gregors VII. durch ihm ergebene Kleriker, doch geriet er infolge des Kirchenbanns auch in Deutschland stark in Bedrängnis. Teile des Klerus gingen allmählich auf Abstand zum gebannten König, so die Bischöfe von Passau, Salzburg und Halberstadt. Vor allem in Süddeutschland formierte sich eine erstarkende Fürsten-Opposition und in Sachsen brach erneut eine Rebellion aus. Für König Heinrich IV. wuchs die Gefahr, dass seine weltlichen und klerikalen Gegner im Zusammenwirken ihm den Thron streitig machen und einen neuen König bestimmen könnten.

Radikale Gegenspieler von Heinrich IV. beriefen im Oktober 1076 eine Fürstenversammlung nach Tribur, auf der über das weitere Vorgehen gegen Heinrich beraten wurde. Für diesen wurde die Lage immer bedrohlicher. Die versammelten Fürsten erklärten, dass sie ihn nicht mehr als König anerkennen würden, falls Heinrich IV. nicht binnen Jahresfrist die Lösung des päpstlichen Bannes ereichen sollte. Für Anfang Februar 1077 wurde ein Fürstengericht in Augburg angesetzt, zu dem auch Papst Gregor VII. persönlich erscheinen sollte.

In dieser Situation unternahm König Heinrich IV. einen spektakulären Schritt. Durch eine außergewöhnliche Bußleistung wollte er vom Papst die Aufhebung des Bannes erreichen. Da Gregor VII. es abgelehnt hatte, Heinrich in Rom zu empfangen, entschloss dieser sich, dem Papst entgegenzuziehen und noch außerhalb Deutschlands eine Begegnung herbeizuführen. Mitte Dezember 1076 brach Heinrich von Speyer aus mit seiner Gemahlin Bertha und dem zweijährigen Sohn Konrad mit nur kleinem Gefolge nach Süden auf. Von der abenteuerlichen Überquerung der winterlichen Alpen gab später Lampert von Hersfeld einen anschaulichen, stark ausgeschmückten Bericht.

Papst Gregor VII. wollte allerdings eine Begegnung mit dem von ihm gebannten König vermeiden. Darum zog er sich auf die Burg Canossa der ihm ergebenen Markgräfin Mathilde in den Appeninnen zurück, als er im Januar 1077 von der Ankunft Heinrichs in Oberitalien erfuhr. Dieser nahm über einen seiner Vertrauten, Abt Hugo von Cluny, Verhandlungen mit dem widerstrebenden Papst auf. Als die Vorverhandlungen ohne greifbares Ergebnis blieben, zog König Heinrich IV. am 25. Januar 1077, dem Festtag der Bekehrung des Heiligen Paulus, im Büßergewand und barfuß vor die Burg Canossa, wo er den ganzen Tag über im Schnee auf Einlass wartete. Auch an den beiden darauf folgenden Tagen wiederholte er diesen Bußgang. Am 28. Januar 1077 fand sich Papst Gregor VII. schließlich zur Lösung des Kirchenbannes über Heinrich IV. bereit. Zu den Bedingungen gehörte u.a., dass Heinrich IV. sich verpflichtete, den Konflikt mit den deutschen Fürsten innerhalb einer vom Papst festzusetzenden Frist beizulegen und diesem für eine Reise nach Deutschland freies Geleit zu garantieren.

Gegenkönig Rudolf von Rheinfelden

Mit der durch seinen "Gang nach Canossa" erreichten Lösung des Bannes hatte Heinrich IV. seine Position gegenüber der Fürsten-Opposition entscheidend gestärkt. Ein direktes Zusammengehen des Papstes mit seinen Gegnern unter den deutschen Fürsten hatte er verhindert.

Allerdings hatte das Königtum im Ansehen der Zeitgenossen doch Einbußen erlitten. Öffentliche Buße bedeutete auch für einen Herrscher im mittelalterlichen Verständnis keine Schande. Doch trübte die Tatsache, dass Heinrich IV. vor allem dem Bußgang nach Canossa den Erhalt der Krone verdankte, etwas den Glanz seines Königtums. Die entschlossensten Gegner Heinrichs IV. ließen sich von der Aufhebung des Bannes nicht beeindrucken. Im März 1077 erklärten sie auf einem Fürstentag in Forchheim Heinrich für abgesetzt und wählten den Schwabenherzog Rudolf von Rheinfelden zum König. Im nachfolgenden Streit um den deutschen Königsthron vermied Papst Gregor VII. eine direkte Parteinahme. Gegenkönig Rudolf konnte sich auf einen Teil der süddeutschen Herzöge sowie die sächsischen Fürsten stützen.

1080 kam es zu einem erneuten Zerwürfnis zwischen König Heinrich IV. und Papst Gregor VII. Heinrich setzte den Papst mit der Forderung unter Druck, den Gegenkönig zu bannen und drohte indirekt mit der Erhebung eines Gegenpapstes. Daraufhin verhängte Gregor VII. im Februar 1080 erneut den Kirchenbann über Heinrich IV. Dieser sorgte als Reaktion dafür, dass Gregor VII. auf der Synode von Brixen von königstreuen Klerikern für abgesetzt erklärt wurde. Im Oktober 1080 konnte Heinrich den Machtkampf für sich entscheiden, nachdem Gegenkönig Rudolf in einer Schlacht tödliche Verletzungen erlitten hatte.

Wormser Konkordat

Auch in der Auseinandersetzung mit Gregor VII. suchte Heinrich nunmehr eine gewaltsame Entscheidung. 1081 zog er mit einer Streitmacht nach Rom, das er im Juni 1083 eroberte. Gregor VII. musste fliehen. Der von Heinrich favorisierte neue Papst Clemens II., vormals Wibert von Ravenna, vollzog zu Ostern 1084 die Krönung Heinrichs zum Kaiser.

Der eigentliche Auslöser des Machtkampfes zwischen König Hinrich IV. und Papst Gregor VII., der Streit um die Investitur, war über die Auseinandersetzungen um Bann, Absolution (Canossa), Gegenkönig und Gegenpapst in den Hintergrund getreten. 1080 bekräftigte Papst Gregor VII. noch einmal das Investiturverbot des Königs und dehnte es auf niedere Kirchenämter aus. Der Streit zog sich noch über mehrere Jahre hin. Als möglicher Schlüssel für eine Lösung erschien die Unterscheidung zwischen geistlichen und weltlichen Aufgaben der Kleriker (spiritualia und temporalia).

Die Mitsprache des Königs bei der Investitur sollte sich auf den Bereich der Besitztümer und weltlichen Rechte der Kirchenoberen beziehen. Auf eine Investitur mit Ring und Stab, den Symbolen der geistlichen Aufgaben, sollte der Herrscher ganz verzichten. In Frankreich und England war der - nicht so heftig wie in Deutschland ausgetragene - Streit 1104 bzw. 1107 in etwa nach diesem Muster beigelegt worden. Nach mehrmaliger Zuspitzung des Kampfes - so nahm König Heinrich V., der Nachfolger Heinrichs IV., 1111 Papst Paschalis und 16 Kardinäle zeitweise gefangen - wurde der Investiturstreit 1122 durch das Wormser Konkordat beendet. In der Kompromissvereinbarung zwischen Kaiser und Papst verzichtete Heinrich V. auf die Investitur der Bischöfe und Reichsäbte mit Ring und Stab und gestand die freie Kirchenwahl zu. Im Gegenzug erlaubte Papst Calixtus II. u.a. die Anwesenheit des Kaisers bei den Wahlen im Deutschen Reich, darüber hinaus gestand er dem Herrscher zu, in Deutschland, Burgund und Teilen Italiens die weltliche Investitur zu vollziehen und dabei die Lehnshuldigung der Kirchenoberen entgegenzunehmen.

Folgen

Das Wormser Konkordat bedeutete ein Zurückdrängen des herrscherlichen Einflusses auf die Besetzung von Kirchenämtern, faktisch eine Aufhebung des ottonisch-salischen Reichskirchensystems. Des Weiteren war der Weg frei zur allmählichen Herausbildung von geistlichen Fürstentümern. Weitgehend ungelöst blieb hingegen die epochale Frage nach der Machtstellung von Papsttum und Königsherrschaft. Allerdings hatte sich im Ergebnis des Investiturstreits das Papsttum politisch behaupten können, während das Königtum an sakralem Nimbus einbüßte.

Bibliografie

Die große Chronik Weltgeschichte. Bd. 8: Orient und Okzident im Aufbruch. Gütersloh/München 2008