01.06.2015
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Über Nacht

Schlaflos. Seit Tagen. Was soll ich im Bett? Ich kriege bei dieser Hitze sowieso kein Auge zu. Linke Seite, rechte Seite, Rückenlage. Decke zur Seite geschoben. Wieder zugedeckt, ich könnte mich ja erkälten, wenn der Schweiß abkühlt. Mir reicht es. Heute Nacht werde ich es gar nicht erst versuchen. Ich schlüpfe in ein dünnes Hemd und schlendere auf den Balkon. Ich rücke die beiden Stühle gegeneinander, lege die Auflagen darauf und mache es mir mit hochgelegten Beinen bequem. Die Nacht kann kommen. Ich werde sie nicht aus den Augen lassen.

Die Luft ist angenehm. Immer noch sehr warm, aber kein Vergleich zu der stickigen, stehenden Schlafzimmerluft. Tief dunkelblauer Nachthimmel in der linken Hälfte meines Panoramas. Nach rechts dagegen zunehmend heller, die Großstadt lässt grüßen. Gegenüber die beiden Nachbarhäuser: zwei Eingänge, jeweils sechs Parteien. Links davon eine riesige Tanne, nachtschwarz. Rechts, hinter einen Erdwall geduckt, ein kleines Einfamilienhaus. Wie vertraut mir das alles ist. Auf der moosigen Grasfläche liegen perspektivisch verzogene Lichtvierecke, Hinweise auf Bewohner neben und unter mir, aus deren Wohnzimmern dieser Schimmer fällt.

Es ist kurz vor elf. Gegenüber brennt nur in zwei Wohnungen Licht. Das ist nicht verwunderlich, denn ich blicke auf die Küchen- und Schlafzimmerfenster. Die meisten halten sich vermutlich noch in ihren Wohnzimmern auf, die nach der anderen Seite gelegen sind. Oder auf dem Balkon, so wie ich. Ich sollte mir etwas zu trinken holen. Später vielleicht.

Im Parterre rechts steht die dicke Frau am Herd. Wie jeden Abend ist sie mit Einkaufstüten beladen nach Hause gekommen und bereitet nun das Essen für den nächsten Tag vor. Zwischendurch räumt sie die Spülmaschine leer. Das fertige Essen füllt sie in Plastikbehälter, die sie im Kühlschrank stapelt. Vermutlich nimmt sie ihre Überlebenstupperdöschen anderntags mit ins Büro.

Über Nacht II

Keine Glühwürmchen zu sehen. Schade. Aber mein Stern ist schon da. Er steht einen Fingerbreit über dem linken Schornstein. In ein paar Minuten wird er dahinter verschwunden sein. Er blinzelt mir freundlich zu und ich lächle still in mich hinein. Von weit her dröhnt aus dem unablässigen Hintergrundrauschen der Autobahn der Lärm eines Motorrads heraus.

Jetzt ist mein Stern verschwunden. Dafür tut sich unten etwas. Smartie kommt nach Hause. Der junge Mann von neulich begleitet sie. Letztens gab es ein Abschiedsküsschen vor der Haustür. Heute darf er mit hinein. Oh, wie schön, eine Liebesgeschichte? Das Küchenlicht geht an, aber es dauert eine Weile, bis die beiden auf der Bildfläche erscheinen. Sie reden miteinander. Smartie steht ganz nah vor ihm.

Ich nenne Smartie Smartie, weil sie einen Smart fährt. Das ist ja ein ausgesprochen kurzes Auto, aber wenn Fahranfängerin Smartie versucht, damit auf ihren Stellplatz zu gelangen, scheint sie sich in einem Straßenkreuzer zu wähnen. Schräg rein, schräg wieder raus, bisschen steiler rein, wieder raus, flacher rein, vor, zurück, schräger, noch schräger. Besser geht es heute einfach nicht. Sie muss ja morgen auch wieder aus der Lücke rauskommen. Irgendwann hat sie dann aber den Bogen rausgehabt und es stehen seitdem auch nicht mehr so viele Nachbarn auf der Straße und an den Fenstern, um sich das anzusehen.

Jetzt schlingt sie die Arme um seinen Hals und sie küssen sich. Lang und zärtlich. Ich komme mir wie ein Spanner vor. Ja, aber wo soll ich denn sonst hinblicken? Die zwei stehen im Küchenlicht und küssen sich. Da muss man doch hinschauen. Unwillkürlich. Die Augen suchen das Licht und die Bewegung. Naja, Bewegung ist da nicht viel.

Lautes Knattern mit einem abschließenden Knall lässt mich hochfahren: Unsere Polizistin im rechten Haus links unten lässt uns allabendlich wissen, wann sie keine Blicke mehr in ihre Wohnung möchte. Morgens bekommt sie die Rollläden nicht in derselben Lautstärke hoch, welch ein Segen!

Oh, bei Smartie brennt das Licht in der Küche nicht mehr. Nur noch ein schwacher Schein aus dem Flur ist zu sehen. Und jetzt?

Über Nacht III

In der Parterrewohnung räumt jetzt auch die Parfümfrau das Geschirr aus der Spülmaschine. Gleich wird sie noch den Mülleimer raustragen. Das macht sie jeden Abend, bevor sie schlafen geht. Dann ist schon lange der Duft verflogen, den sie morgens aufträgt und der ihr den Spitznamen eingebracht hat. Wenn ich morgens früh das Haus verlasse, um zur Arbeit zu fahren, habe ich etwa hundert Meter denselben Weg zu den Parkplätzen wie sie zu gehen und weiß sofort, ob sie an diesem Tag schon vor mir unterwegs war. Ein durchdringender Duft hängt dann schwer in der Luft und ich hoffe für ihre Kolleginnen und Kollegen inständig, dass sie ein Einzelbüro hat.

Jetzt kommt sie mit dem Mülleimer. Lautlos und geruchlos, beide. Ohne das Licht im Treppenhaus einzuschalten, kehrt sie kurz darauf wieder in ihre Wohnung zurück. Sie lebt allein, seit ihr Mann vor zwei Jahren gestorben ist. Vor dem Schlafzimmerfenster blühen die Rosen, die er noch wenige Wochen bis vor seinem Tod, mit der Zigarette in der Hand, immer wieder angeschaut hat. Jetzt lässt sie nacheinander die Rollläden in der Küche und im Schlafzimmer herunter. Bald darauf erlöschen auch die schmalen schwachen Lichtstreifen und nichts verrät mehr, ob sie noch wach liegt.

In der ersten Etage über der Parfümfrau geht das mittelalte Ehepaar seiner allabendlichen Beschäftigung nach: Hinter den nicht vollständig zugezogenen Übergardinen flackert das Fernsehbild. Ob das wirklich der Zweitfernseher ist? Vielleicht gibt es nur dieses Gerät im Schlafzimmer, denn das ist abends immer an. Oder einer sieht in diesem Zimmer ein Programm, der andere im anderen Zimmer ein anderes. Es kommt wohl jeden Tag etwas, das anzusehen sie für lohnend halten. Aber nie dringt ein Ton aus dem offenen Fenster, immer läuft die Sendung auf Zimmerlautstärke. Oder schläft einer von beiden schon und der andere liegt mit Kopfhörern daneben?

Über Nacht IV

Jetzt geht rechts das Licht im Treppenhaus an. Als die Haustür aufgeht, tritt der langhaarige Familienvater mit seinem Hund heraus. Das halbhohe zottelige Tier kommt täglich genau dreimal nach draußen: morgens, mittags und abends. So dachte ich bisher. Jetzt also tatsächlich noch ein viertes Mal. Die Zigarette glüht im Dunkeln. Sobald sie erlischt, muss der Hund sein Geschäft erledigt haben, denn dann geht es gleich wieder zurück ins Haus. So kenne ich das im Hellen. Da wird der Hund aufs Nachbargrundstück geführt. Jetzt darf er gleich an der Hausecke das Bein heben. Sieht ja keiner. Und das wars auch schon. Die Glut ist aus, das Wasser gelassen, es geht wieder hinein.

Das ferne Verkehrsrauschen ist sanfter geworden. Ich hole mir ein Gläschen Wein. Mit dem vollen Glas schleiche ich durch die dunkle Wohnung und fühle mich unsichtbar. Zurück auf meinem behaglichen Beobachtungsposten lasse ich die Augen entspannt über den Himmel wandern. Wie wundervoll die Nacht ist. Oh, ganz rechts passiert etwas: Da ist garantiert wieder die Katze durch den Vorgarten geschlichen und hat den Bewegungsmelder aktiviert. Das Licht ist so stark, dass ich blinzeln und einen aufkeimenden Ärger niederkämpfen muss. Ich versuche, nicht hinzusehen, aber das funktioniert nicht, und so schließe ich für eine Weile die Augen und betrachte die Bilder auf dem Innern meiner Lider.

Als ich die Augen wieder aufschlage, ist der grelle Schein verschwunden. Von Westen her zieht der Himmel jetzt immer mehr zu. Ich hatte gehofft, vielleicht in dieser Nacht wieder für eine halbe Minute die ISS auf ihrer Bahn um die Erde verfolgen zu können. Aber das wird wohl nichts. Nicht einmal der Mond zeigt sich. Er müsste jetzt allmählich über unser Hausdach auf diese Seite gewandert sein. Doch nur ein diffuser heller Fleck lässt seinen Standort erahnen. Vom großen Wagen sind noch zwei Deichselsterne auszumachen, der Rest ist in milchigem Dunkelgrau verschwunden.

Über Nacht V

Plötzlich streifen die Lichter zweier Scheinwerfer übers Gras. Ein Blick genügt: Alfaman kommt zur Stippvisite. Alfaman ist jung, schwarzhaarig und modebewusst. Jede freie Minute widmet er seinem roten Cabrio, das er dann putzt und wienert und poliert, manchmal von den Blicken und Kommentaren umstehender Freunde begleitet. Der gepflegte Wagen ist mit seinem ebenso gepflegten Fahrer zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten unterwegs. Beide kommen zwischendurch immer mal wieder nach Hause. Der junge Mann verschwindet für zehn Minuten in seiner Wohnung. In der Zeit steht der blitzende Wagen mit offenem Verdeck nachlässig direkt unter dem Parkverbotsschild geparkt. So wie jetzt. Alfaman wohnt unterm Dach. Dort ist ein schwacher Lichtschein zu sehen, vom Flur her wohl. Nein, er macht weder in der Küche noch im Bad Licht an. Nie. Während ich mir ausmale, ob er jetzt vielleicht im Halbdunkel sein Zwergkaninchen füttert, das er manchmal vor dem Haus frei herumhoppeln lässt, wird es in der Wohnung schon wieder ganz finster und kurz darauf kommt er, ohne im Treppenhaus das Licht angemacht zu haben, wieder heraus, steigt in seinen Wagen und fährt davon.

Dann bin ich doch tatsächlich eingenickt und meine, als ich erwache, ein Déjà-vu-Erlebnis zu haben: Die Scheinwerfer des Alfa erlöschen gerade, Alfaman kommt wieder einmal nach Hause. Wie spät mag es sein? Oh, wohl schon früh: Im Dachgeschoss rechts gehen alle Lichter an. Der Zeitungsmann steht auf. Ich wollte schon immer mal wissen, zu welcher Zeit jemand aufsteht, der die Tageszeitung austrägt. Jetzt könnte ich es erfahren. Aber dazu müsste ich mich erheben und drin auf die Uhr schauen. Keine Lust. Alfaman lässt sich nicht mehr blicken.

Langsam kündigt sich der Tag an. Es ist nicht nur ein wenig heller geworden, auch der Verkehrslärm nimmt wieder zu. Der Zeitungsmann kommt aus der Tür und geht mit großen Schritten zu seinem Auto. Er muss einige Male vor und zurückfahren, um an dem Alfa vorbeizukommen. Der kommende Tag wird sein, wie der vorherige war. Über Nacht ist nichts geschehen.

von Christel Baumgart