01.06.2015
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Lunar Sensation - Alles über Nacht

"Entschuldigen Sie, ist dieser Platz noch frei?" Er deutete auf den Stuhl neben ihr, schaffte es aber, einen Blickkontakt zu vermeiden. Er dachte, wenn sie anscheinend beide auf jemanden warteten, könnten sie ja vielleicht auch zusammen warten. Schließlich war das Café ansonsten menschenleer. Sie musterte ihn und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Denn bei seinem Anblick schoss ihr augenblicklich ein Sprichwort durch den Kopf: Wie gewollt und nicht gekonnt. Sie brauchte jedoch eine Weile, bis ihr klar wurde, woher dieser Eindruck rührte: Seine Hose hing ein bisschen zu hoch, sein Hemd war ein bisschen zu eng und seine Sakkoärmel ein bisschen zu kurz. Sie erinnerte sich daran, weswegen sie hier war und das Lächeln schwand von ihren Lippen. "Tut mir leid, ich erwarte noch jemanden", wies sie ihn barsch zurück und konnte sich nicht verkneifen hinzuzufügen: "Aber unter den vielen freien Plätzen hier findet sich doch sicherlich auch noch ein zweiter, der Ihnen eventuell zusagt, nicht?" Demonstrativ hob sie ihre Zeitschrift an und schlug sie auf. Der Kerl konnte ja nicht wissen, dass sie das Magazin in der vergangenen halben Stunde schon zwei Mal von vorne bis hinten durchgelesen hatte, inklusive des Kleingedruckten der Werbeanzeigen und des Impressums. Das las sie sonst nie.

Unschlüssig schaute er sich um. Das Café war leer und nicht schön, im Gegenteil, man könnte es als heruntergekommen bezeichnen. Die Dämmerung, die langsam aber unaufhaltsam durch die Fenster hineinkroch, ließ es noch ungemütlicher erscheinen als vorhin bei seiner Ankunft. Er machte einen Schritt auf den Nebentisch zu, sah sich um, machte zaghaft ein paar Schritte in Richtung Fenster und entschied sich schließlich für einen Hocker zwei Tische weiter. So würde er die Privatsphäre der Dame wahren, redete er sich ein, obwohl ihm bewusst war, dass solange keine weiteren Gäste mehr kamen (und, ganz im Ernst, woher sollten die kommen?), er so oder so ihr Gespräch würde mithören können, egal, wo in diesem Laden er saß. Dafür war dieses Bahnhofscafé am Ende der Welt einfach nicht groß genug. Aber, sagte er sich, Bahnhofscafés sind schließlich auch nicht dafür gedacht, Privatsphären zu wahren. Das machten schon Beichtstühle, Wahlkabinen und Postbankwarteschlangen. Bahnhofscafés waren dazu gedacht, seine Sehnsüchte zu pflegen und sich in Selbstmitleid zu ergehen, während man auf die Verabredung wartet, die nie kommt oder den Zug, in den man nie einsteigt. Bahnhofscafés waren die Wartesäle des Lebens, die Abstellgleise für Versager wie ihn. Aber heute würde sich alles ändern. Ab heute Nacht würde er kein Versager mehr sein, da war er sich sicher. Ein nervöser Blick auf die Uhr ließ diese Sicherheit jedoch schwinden.

Lunar Sensation - Alles über Nacht II

Verstohlen warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr, während sie sich weiterhin hinter ihrer Zeitschrift versteckte. Seit einer Dreiviertelstunde saß sie nun schon hier, und er war noch nicht aufgetaucht. Vielleicht hatte sein Zug ja Verspätung… dafür hatte dieser komische Typ zwei Tische weiter sie angesprochen. Was will einer wie der (jung, halbwegs gut aussehend, wenn auch mit schlecht sitzender Kleidung) von einer wie ihr (alt, dick und langweilig)? Sie konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen. So verzweifelt konnte der doch nicht sein?! Andererseits, mahnte sie sich selbst, hat er ihr ja auch keinen Heiratsantrag gemacht, sondern sich lediglich zu ihr an den Tisch setzen wollen. Vielleicht suchte er einfach nur jemanden zum reden, dachte sie. Bevor sie sich entschließen konnte, ihn eventuell doch an ihren Tisch zu bitten, vergrub sie sich lieber wieder hinter ihrer Zeitschrift, die sie nun zum vierten Mal durchblätterte.

Draußen begann es zu regnen und auch der letzte Lichtstrahl, der den Klauen der Dämmerung bisher noch entkommen konnte, verschwand hinter einer Mauer aus Wasser. Die Aussicht vor dem Fenster war genauso bedrückend wie die Innenausstattung des Cafés. Ob er sich die Zeitschrift der Dame ausleihen könnte, fragte er sich. So oft, wie sie das Magazin seit ihrer Ankunft schon durchgeblättert hat, müsste sie es inzwischen sowieso fast auswendig können. Komisch - mit wem sie wohl verabredet war? Er versuchte sich auszumalen, wie ihr Freund wohl aussah. Klein, rundlicher als sie und mit Glatze? Zu klischeehaft. Groß und schlank? Wohl kaum passend. Mittelgroß, rundlich und mit Schnäuzer – das war es! Mr. Schnäuzer musste aber entweder unhöflich oder unfähig sein, denn er ließ die Dame schon über eine Stunde warten. Ein weiterer Blick auf die Uhr verriet ihm, dass auch er schon über eine Stunde wartete, um genau zu sein volle 76 Minuten. Wo um alles in der Welt steckte dieser Dieter Uwe Nahr?

Lunar Sensation - Alles über Nacht III

Sie bestellte sich einen zweiten Latte Macchiato. Nicht, weil sie Durst hatte, sondern weil sie so langsam ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Wirt entwickelte. Sie konnte ja schlecht zwei Stunden hier sitzen und nur ein Getränk bestellen. Sie versuchte, den Wirt bei ihrer Bestellung in ein Gespräch zu verwickeln, so langweilig war ihr schon. Viel kam allerdings nicht dabei heraus. Auf ihre Frage, wieso er ausgerechnet Wirt geworden sei, belehrte er sie lediglich, er sei kein Wirt, er sei ein Barista. Dann rauschte er davon, um ihr wenig später einen schlecht schmeckenden Kaffee mit Milch zu bringen. Sie wusste zwar nicht, was Barista bedeutete, denn sie konnte keine Fremdsprachen. Sie wusste aber genug vom Leben, um sich sicher zu sein, dass ein so wohlklingendes Wort wie Barista definitiv nicht einen so verbrauchten, Flanellhemden tragenden Mann meinen konnte. Sie vermied es, diese Einsicht mit ihm zu teilen.

So ein Mist, schoss es ihm durch den Kopf. Jetzt, wo die Dame ein zweites Getränk bestellt hatte, musste er das wohl oder übel auch tun. Er zählte das Kleingeld in seiner Tasche. Für ein Bier würde es noch reichen, wenn er mehr ausgab, konnte er sich keine Rückfahrkarte mehr leisten. Und bleiben wollte er hier nicht – zumindest nicht länger als nötig. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet. Er drehte sich so schwungvoll um, dass seine Münzen ihm aus der Hand rutschten und sich laut klirrend auf den dreckigen Fliesen verteilten. Enttäuscht machte er sich daran, sein Geld aufzusammeln.

Ein junges Pärchen, vielleicht noch Teenager, vielleicht schon sogenannte Twens, trat ein. Wobei, eintreten schien ihr nicht das richtige Wort zu sein, vielmehr hereinstolpern, hereinplatzen oder vielleicht auch hereinrennen. Aber definitiv nicht eintreten. Auch sie hatte sich zur Tür umgedreht, aber mit dem kalten Lufthauch kam auch die Ernüchterung, dass dies nicht ihre Verabredung war. Das junge Pärchen schien reichlich angeheitert zu sein, sie kicherten und torkelten knutschend auf die Theke zu. Der Teenager winkte den Wirt zu sich heran, schrie dann aber so laut, dass es alle Anwesenden hören konnten. "Samma, verkaufst du auch Kondome?" Der Wirt schüttelte den Kopf. "Das hier ist ein Café, ich verkaufe Kaffee." Verwirrt schaute der Teenager sich um. "Ist kein Café hier, ist 'ne Bahnhofskneipe. Oder ist das etwa kein Bahnhof da draußen, hä?" Eine vage Handbewegung in Richtung Gleise unterstrich das Gesagte. "In jeder abgewrackten Bahnhofskneipe gibt's 'nen abgewrackten Kondomautomat, nur diese Stadt ist so abgewrackt, da wird einem auch der letzte Spaß noch genommen." Ein bedeutungsschwangerer Blick in die Runde und das Pärchen verzog sich eiligst wieder nach draußen. Sie bekam eine Gänsehaut, nicht nur, weil der kalte Luftzug beim Öffnen und Schließen der Tür sie streifte. Sie lief rot an und schämte sich zugleich dafür.

Lunar Sensation - Alles über Nacht IV

Nachdem er alle seine Münzen wieder beisammen hatte, wartete er anstandshalber noch eine halbe Stunde. Er wollte nicht riskieren, dass die Dame seine Bitte, ihm ihre Zeitschrift auszuleihen, als Anmache empfand. Deswegen ließ er absichtlich eine ganze Menge Zeit verstreichen zwischen dem Abgang des aufgedrehten Pärchens und dem Vortragen seiner Bitte. Es war kurz nach zwölf. Geisterstunde, dachte er, und kam sich dabei lächerlich vor.

Als sie ihm auf seine freundliche Bitte hin ihre Zeitschrift in die Hand drückte, fiel ein Flyer heraus. Das war ihr sichtlich unangenehm, doch ihr Versuch, den Zettel schnell mit dem Fuß unter ihren Stuhl zu kehren, missglückte. Er war schneller und hob den Zettel auf. "Lunar Sensation – Alles über Nacht", stand in großen Lettern darauf geschrieben, und darunter war zu lesen: "Mit positivem Karma und Meditation über Nacht zum Glück - Dieter Uwe Nahr zeigt Ihnen wie's geht! Verwirklichen Sie jetzt das, wovon Sie schon immer geträumt haben. Und das Beste: der Effekt kommt über Nacht, keine langen Wartezeiten und keine halben Versprechen- garantiert! Dafür steht Dieter Uwe Nahr mit seinem Namen." Darunter war ein Bild von Herrn Nahr, der dem Betrachter mit nach oben gerecktem Daumen zuzwinkerte und seine Unterschrift.

"Sie glauben jetzt sicherlich, ich sei einem Scharlatan aufgesessen, was?", fragte sie ihn mit leicht jämmerlicher Stimme. Ihr fiel keine passende Ausrede ein, deshalb hielt sie sich an die peinliche Wahrheit. Er schien jedoch überhaupt nicht anwesend zu sein, starrte auf den Zettel, dann auf sie, dann wieder auf den Zettel. "Ich, also… sagen wir so: Wenn ich glauben würde, Sie seien einem Scharlatan aufgesessen, müsste ich auch glauben, ich selbst sei einem Scharlatan aufgesessen und ich glaube, das bin ich noch nicht bereit einzugestehen." Sie schaute ihn lange an. Er schaffte es immer noch, Blickkontakt zu vermeiden. "Heißt das, Sie warten auch auf Herrn Nahr?" Er nickte und ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber fallen. Diesmal, ohne zu fragen, aber sie schickte ihn auch nicht weg.

Lunar Sensation - Alles über Nacht V

Sie schwiegen sich eine Weile an, die ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam. "Und, was hat er Ihnen versprochen?", fragte sie zaghaft. "Geld, Erfolg, alles was ich will", leierte er resigniert herunter. "Und Ihnen?" "Dass ich endlich abnehme." Ihre Stimme war kaum noch zu hören und Tränen sammelten sich in ihren Augen. "Haben Sie die Anzahlung auch geleistet?" "Ja." Mehr gab es nicht zu sagen.

Er musste zwischendurch eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal auf die Uhr schaute, war es schon nach drei Uhr morgens. Sie saß ihm gegenüber, mit leerem Blick, aber wach, soweit er das feststellen konnte. "Ich glaube, er kommt nicht mehr." – "Stimmt, wir sollten gehen. Alles über Nacht – von wegen!"

Der Wirt schaute seinen beiden einzigen Gästen verwirrt dabei zu, wie sie aufstanden und ihre Sachen zusammenpackten. Hatten sie die ganze Nacht hier gewartet, um ein Phantom zu treffen? Alles über Nacht, das war ein komisches Versprechen. "Über Nacht wird man in dieser Stadt nur eins", sinnierte er, "und zwar älter."
Draußen gaben sie sich die Hand und liefen in Richtung verschiedener Gleise davon. Er hielt noch immer den Flyer in seinen Händen. "Alles über Nacht … dafür steht Dieter Uwe Nahr mit seinem Namen" las er, hielt inne, sagte laut: "Dieter Uwe Nahr - D.U. Nahr – DU NARR!"

Wütend ließ er das Stück Papier in den Rinnstein fallen und beobachtete das Konterfei von D.U. Nahr, während es langsam aber sicher durch den regennassen Rinnstein bis zum Gully trieb. In der Ferne kündigte die beginnende Morgenröte das Ende der Nacht an.

von Sabine Fortmann