21.05.2015
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wissen.de Artikel

Insel Rügen

Vom wilden Westen und schicken Seebädern

Ein kleiner unscheinbarer Laden versorgt die Dorfbewohner von Neuenkirchen mit Lebensmitteln, Zeitungen und Getränken. Von der Straße weist kein Schild auf den Laden. Die Bewohner wissen ja auch bereits seit drei Generationen, dass sie in der Dorfmitte ihre Grundversorgung erhalten, da braucht es wohl keine blinkenden Werbetafeln. Die wenigen Touristen, die sich in Neuenkirchen aufhalten, erfahren es von ihren Gastgebern.  

Wenn man in das knapp 400-Seelendorf hineinfährt, erinnert auf der einen Seite ein hässlicher Plattenbau an die Geschichte der Insel, auf der anderen Seite stehen schwarzweiße Kühe im Morast vor einem landwirtschaftlichen Großbetrieb und in der Mitte des Ortes gibt es ein Gasthaus. Neuenkirchen, etwa 20 km nordwestlich von Rügens größter Stadt Bergen, ist wahrlich keine Schönheit.

 

Schönheiten kann man vielmehr in der bezaubernden Landschaft um das Dorf herum finden, an den vielen Wasserstellen. Neuenkirchen liegt zwischen dem Lebbiner Bodden und dem Großen Jasmunder Bodden. Insbesondere am Morgen und Abend gibt es über dem Wasser atemberaubende Lichtspiele zu erleben. Vögel, Romantiker und Segler finden hier ein Paradies vor. Das weiß auch das ZDF-Team: Derzeit wird am Lebbiner Bodden die neue Staffel der ZDF-Serie „Hallo Robbie“ gedreht.

 

Holger Bunge, der Ladenbesitzer, möchte niemals von diesem Ort weg. Der Freizeitwert sei hoch, er gehe Surfen und Segeln und liebe die Ruhe, erzählt er und packt einer alten Dame Äpfel und ein Glas Rapshonig ein.

 

Der Westen von Rügen ist touristisch wenig erschlossen - im Gegensatz zum Osten. Böse Zungen sprechen vom  „Wilden Westen“ Rügens. Es gibt hier keine großen Hotelketten, keine Supermärkte mit riesigen asphaltierten Parkflächen, keine Souvenirläden oder gebührenpflichtige Parkplätze. Die Dörfer liegen oft kilometerweit auseinander, dazwischen erstrecken sich riesige landwirtschaftliche Flächen.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist das schönste Seebad im Land?


Darüber streiten seit jeher Binz und Sellin. Binz ist jedenfalls das größte. Das Seebad im Osten der Insel verfügt über eine drei Kilometer lange Promenade und 12 000 Gästebetten. Von Ruhe kann hier keine Rede sein. Der Glanz der Bäderarchitektur erstreckt sich nicht nur entlang des Strandes. Häuser mit verspieltem Dekor, spitzen Türmchen und Erkern und gusseisernen Balkonen sind hier überall zu sehen.
 

Beim Anblick dieser Häuser fühlt man sich in die Zeit der Sommerfrischler Ende des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Allerdings passt der Gast im Jahr 2008 nicht in diese Kulisse. Nahezu respektlos sieht es aus, wenn er in kurzen Hosen und Turnschuhen durch das mondäne Seebad schlappt.   

 

Sellin, das zweitgrößte Ostseebad der Insel, punktet mit der einzig bebauten Seebrücke auf Rügen. 1978 musste die bestehende Brücke von 1906 wegen Verrottung abgerissen werden, Anfang der 90er Jahre wurde sie wieder errichtet. Die Pracht dieses Seebads erstreckt sich nicht entlang der Strandes, sondern ist die Verlängerung der Seebrücke - die Wilhelmstraße. In dieser Straßenzeile reiht sich eine prächtige Villa an die nächste. Zwischendrin sind noch wenige unrestaurierte Häuser zu sehen, die an die DDR-Zeiten erinnern. Beim SED-Regime waren Pomp und Glanz gänzlich verpönt.

Die bebilderten Schilder vor den Häusern weisen auf die Historie der Gebäude hin. Es sind oftmals wechselvolle Geschichten - Aufbau, Enteignung, Verstaatlichung. Nach der Wende kamen die großen Investoren aus dem Westen und kauften die architektonischen Sahnestücke. Leider ist heutzutage nur wenig „Prachtbesitz“ in den Händen von Rüganern.

Das Wahrzeichen bricht

Es bröckelt, meldeten die Zeitungen im Frühjahr. Viel Niederschlag ließ das Wahrzeichen der Insel – die Kreidefelsen – wieder einmal kleiner werden. Bereits 2005 sind die Wissower Klinken, bekannt durch Caspar David Friedrichs Gemälde, abgebrochen.

 

Die Kreidefelsen befinden sich im Jasmunder Nationalpark zwischen Sassnitz und Lohme und ziehen sich 15 Kilometer an einer Steilküste entlang. Der Reinheitsgehalt der Jasmunder Kreide sei besonders hoch, wirbt der Tourismusverband. Und das wissen die Rüganer gut zu vermarkten. Viele Hotels, Bäder und Kosmetikstudios werben mit Kreideprodukten in Form von Cremes, Badezusätzen oder Massageöle für so ziemlich alle Problemstellen des Körpers.

Ein weiterer Schatz der Insel: Sanddorn. Die Pflanze wachst gerne auf den sandhaltigen Böden an der Ostsee. Die Früchte werden wegen ihres hohen Vitamine C-Gehalts geschätzt. Die säuerliche Frucht wird in Marmelade, Likör, Bonbons, Senf oder Cremes umgewandelt und es gibt kaum einen Souvenirladen auf Rügen, der keine Sanddornprodukte anbietet.

Auf diesen Schnickschnack verzichtet Holger Bunge: In dem Dorfladen in Neuenkirchen gibt es weder Sanddornprodukte noch sonstige Souvenirs. Einzig die Grundversorgung seiner Neuenkirchner hat er im Visier.    

Linktipps

Bio Bauer Lange

Bauer Lange bietet in Lieschow neben seinen hofeigenen Kartoffeln, ein Restaurant, Ferienwohnung, einen großen Spielbereich und einen Hofladen.

www.bauer-lange.de

 

Komfortable Ferienwohnungen

Der Rügen-Ferienhof liegt sehr schön ruhig, auf der Halbinsel Lieschow, umgeben von Wiesen und Wasser.

www.ruegen-ferienhof.de


Hofgut Bisdamitz
Biohof im Norden der Halbinsel Jasmund. Hübscher Biohof-Laden mit Restaurant und Käserei.

www.hofgut-bisdamitz.de

 

Lust auf Urlaub auf dem Wasser?

Das bietet die Ferienwelt Rügen mit Unterkünften am und im Wasser inklusive Sport- und Kinderprogramm im Ortteil Lauterbach direkt am Rügischen Bodden.

www.im-jaich.de

 

Seebad-Kur

Schicker Kuraufenthalt im Seebad Binz bietet das Hotel Meersinn. Achtung: Kinder unter 12 Jahren dürfen aber leider nicht das zugehörige Restaurant besuchen! Wäre vielleicht zu turbulent für die nach Ruhe suchenden Kurgäste.

www.meersinn.de

von Andrea Rickert, wissen.de