21.05.2015
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wissen.de Artikel

Regenbogennation Südafrika

Apartheid noch nicht ganz überwunden

Südafrika, das wegen der vielen unterschiedlichen Volksgruppen, die hier zusammenleben, vielfach auch "Regenbogennation" genannt wird, steht nach Ende der Apartheid in besonderer Weise im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Schließlich leben hier am Kap Schwarze, Weiße, Indischstämmige, Kapmalaien, Chinesen und andere Ethnien, die fast alle Hautschattierungen und ihre jeweils eigene Kultur repräsentieren. Wo, wenn nicht hier, ließe sich die Überwindung des Rassismus überzeugender darlegen? Wo ließe sich besser der Nachweis führen, dass eine multikulturelle und multiethnische Gesellschaft friedlich zusammenleben und positive Kräfte freisetzen kann? Die Realität nach der Apartheid sieht derzeit aber noch ganz anders aus.

Freundschaften statt Vorurteile

Kinder haben nur selten Vorurteile. Sie übernehmen sie meist von ihren Eltern. Auf diesem Foto spielen schwarze Jungs am Strand von Südafrika mit einem weißen Freund.

Schwarze, Weiße und "Coloureds" leben noch immer in sozialen und kulturellen Parallelwelten. Dieses Erbe des Apartheid-Regimes ist auch 20 Jahre nach dessen Ende noch nicht überwunden. Zwar gibt es verheißungsvolle Ansätze wie die Einführung von gemischten Schulen und die Förderung einer schwarzen Mittel- und Oberschicht – noch immer sind die Berührungspunkte der einzelnen Volksgruppen aber denkbar gering. Zuerst muss sich die Einsicht durchsetzen, dass einer der größten Trümpfe Südafrikas die ethnische Vielfalt ist und dass sich aus ihr die Kraft, die Kreativität und die Zukunftsfähigkeit des Landes speisen. Erst dann wird sich auch der Begriff der "Regenbogennation" mit Leben füllen.

 

Chancengleichheit steht noch aus

Kein Frieden in Südafrika ohne Chancengleichheit
Die schwarze Bevölkerungsmehrheit Südafrikas hat sich nach langen Jahrzehnten der Unterdrückung in den 1990er Jahren von den Fesseln der Apartheidpolitik befreit. Politische Beobachter sind sich seither in einem Punkt einig: Eine friedliche Zukunft des Landes wird nach der Apartheid davon abhängen, ob es nun gelingt, annähernd Chancengleichheit herzustellen und die Zulu, Xhosa, Tswana und die anderen schwarzen Bevölkerungsgruppen angemessen am Wohlstand des Landes teilhaben zu lassen. Zu den grundlegenden Maßnahmen zählen eine flächendeckende Schulbildung und die Gewährung von Aufstiegschancen für schwarze Schulabgänger sowie Hochschulabsolventen

Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben ist allerdings nicht nur die Gleichstellung von Schwarz und Weiß, sondern auch die Überwindung teils uralter Stammesrivalitäten zwischen den einzelnen südafrikanischen Volksgruppen. So bekämpfen sich etwa die beiden größten Stämme, die Zulu und die Xhosa, teilweise erbittert und gefährden die politische und soziale Stabilität des Landes.

 

Die "Coloureds" pflegen ihr Erbe

Als Farbige ("Coloureds") gelten alle Südafrikaner, die eine dunklere Hautfarbe als Weiße haben und nicht afrikanischer oder chinesischer bzw. japanischer Abstammung sind. Die Bezeichnung war schon im Apartheidregime gebräuchlich, wird aber bis in die Gegenwart offiziell verwendet. Die "Coloureds" enstanden aus der Vermischung der europäischen Einwanderer mit den südafrikanischen Ureinwohnern, den Khoi, und schwarzen Sklaven. Zu den farbigen Südafrikanern gehören außerdem die sogenannten Kapmalaien, zu deren Vorfahren insbesondere indonesische und malayische Sklaven zählen. Außerdem gibt es am Kap eine größere Gruppe Indischstämmiger, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert als Plantagenarbeiter abgeworben wurden.

In der Zeit der Apartheid wurden die "Coloureds" von den Weißen ebenfalls diskriminiert, jedoch nicht so stark wie die schwarze Bevölkerungsmehrheit. Im neuen Südafrika nehmen sie allerdings kaum Führungspositionen ein. Alle diese Gruppen sind sehr traditionsbewusst und pflegen ihr kulturelles Erbe. Im Malayenviertel Bo-Kaap, einem der historisch interessantesten Teile Kapstadts, wird die vom Islam geprägte kulturelle Identität der Kapmalayen sichtbar. Moscheen und Minarette wechseln mit in Pastellfarben gestrichenen Handwerkerhäusern. Alljährlich am 2. Januar ziehen beim "Coon Carnival" bunt kostümierte Männer durch die Straßen. Der Karneval wurde von muslimischen Sklaven eingeführt, die damit ihren einzigen freien Tag im Jahr feierten.

 

Geschlossene Gesellschaft

Die weiße Bevölkerung Südafrikas, sofern es sich um Buren handelt, leitet ihre Herkunft zum größten Teil von den ersten niederländischen Einwanderern ab. Die Afrikaans sprechenden Buren haben sich noch nicht alle mit der neuen multiethnischen Realität in Südafrika angefreundet, hatten sie doch im Apartheidstaat sämtliche Schlüsselpositionen inne. Viele hadern mit dem Wandel und verharren noch im alten Denken. Die zweite große Gruppe unter den weißen Südafrikanern stellen die englischsprachigen
Nachfahren der britischen Einwanderer. Sie dominieren als Geschäftsleute vorwiegend die Privatwirtschaft und besetzen Leitungsfunktionen in den Schlüsselindustrien, etwa im Bergbau.

Ob Buren oder Britischstämmige: Ihre Freizeit verbringen die Weißen gerne unter Ihresgleichen. Beim Rasenbowling, einem Freizeitvergnügen vorwiegend älterer Herren, herrscht exklusive britische Clubatmosphäre. Ähnlich halten es die hippen weißen Jugendlichen an der Strandpromenade in Camps Bay. Beim Abfeiern bleibt man lieber unter sich. Ein Hoffnungsschimmer bleibt: Vielleicht kann die ganz junge Generation, die nicht mehr mit der Apartheid aufgewachsen ist, mit den alten Denkstrukturen brechen.

 

 

Atlantica! Südafrika aus dem Bertelsmann-Verlag