21.05.2015
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wissen.de Artikel

Sakrileg: Thesen, Dichtung und Wahrheit  

Worüber gestritten wird und warum alles ein kalkuliertes Missverständnis ist

Dan Browns Thriller „Sakrileg“ (im Englischen „The Da Vinci Code“) gehört zu den meistgelesenen Büchern der letzten Jahre. Weltweit gingen bisher 40 Millionen Exemplare über die Ladentische. Kein Wunder, dass sich auch Hollywood des Stoffes angenommen hat. Doch während die einen den Thriller als packende Lektüre empfinden, fühlen sich andere von den Thesen in „Sakrileg“ abgestoßen.

Dan Brown verzerre die biblische Botschaft, lautet einer der Vorwürfe. Der Autor selbst hat damit keine Probleme. Im Gegenteil: „Je heftiger wir diese Themen debattieren, desto klarer wird unser Verständnis der eigenen Spiritualität. Kontroversen und Dialog sind gesund für die Religion als Ganzes“, so Dan Brown. Der Vatikan dagegen sieht das naturgemäß ganz anders. Dieser hat nämlich bereits im März 2005 zum Boykott des Bestsellers aufgerufen. Begründung: Der Roman sei „schändlich und unbegründet“ und ein reines „Lügengebäude“. Doch warum erzürnt ein fiktiver Text derart die Kirche? Warum beschäftigen sich ernsthafte Religionswissenschaftler immer wieder mit einem Thriller-Autor? Und: Warum fühle sich so viele Leser vom „Sakrileg“ in ihrem Glauben verletzt? 

 

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Sakrileg - Filmszene

Im Louvre suchen Robert Langdon (TOM HANKS) und Sophie Neveu (AUDREY TAUTOU) Leonardo da Vincis weltberühmte "Mona Lisa" nach verborgenen Hinweisen ab.

 

Die Thesen

In seinem Thriller lässt Dan Brown seine Hauptfiguren einige Thesen aufstellen, die tatsächlich als Sakrileg aufgenommen werden können. Zu den wichtigsten gehören: 

 

  • Jesus war mit Maria Magdalena verheiratet und sie hatten gemeinsame Kinder
  • Da Maria Magdalena die Kinder von Jesus gebar und das Blut Christi weitervererbte, war ihr Leib der „Heilige Gral“ (dieser sei eben nicht der Kelch vom letzten Abendmahl wie es in den mittelalterlichen Legenden heißt)
  • Geheimgesellschaften wie die „Prieuré de Sion“ und die Templer haben diese „Wahrheit“ über Jesus und Maria Magdalena – der Nachkommen Christi – über die Jahrhunderte bewahrt
  • Leonardo da Vinci war einer der Großmeister der „Prieuré de Sion“ und hat in seinem Gemälde „Das letzte Abendmahl“  nicht den Jünger Johannes, sondern Maria Magdalena verewigt

 

 

Dichtung und Wahrheit

Kritiker werfen dem amerikanischen Autor vor, dass seine Theorien unhaltbar seien und es in keinem Fall echte Belege dafür gäbe. Renommierte Religionswissenschaftler wie Walter-Jörg Langbein („Das Sakrileg und die heiligen Frauen. Das Geheimnis um die Nachkommen Jesu“) haben überzeugend gezeigt, dass die meisten Thesen in „Sakrileg“ tatsächlich zu einem einzigen großen „Lügengebäude“ führen. Nur sind die Kritiker vermutlich alle dem Autor auf den Leim gegangen. Denn es ist zwar richtig, dass Dan Brown seinem Thriller eine Seite mit Fakten („Facts“) voranstellt und so den Eindruck erweckt, die zitierten religiösen und kunstgeschichtlichen Quellen und die sich daraus ableitenden Thesen seien wahr. Doch im Buch steht lediglich, sie seien „wirklichkeits- bzw. wahrheitsgetreu wiedergegeben“. Über ihre Glaubwürdigkeit sagt das nichts aus. Darüber hinaus ist der Text „Fakten und Tatsachen“ bereits Teil des Thrillers (im englischen Original ist er die erste Seite nach dem Deckblatt mit dem Titel „The Da Vinci Code“).  Er ist zudem nicht unterzeichnet. Dem entsprechend bleibt es offen, ob hier der Autor spricht oder wer diese Fakten „gesetzt“ hat.

Und: Es ist nicht Dan Brown, der die biblischen Botschaft verbiegt, sondern seine Figuren. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. „Sakrileg“ ist eine Fiktion – und kein Sachbuch. Dass alle Welt die darin enthaltenen Thesen Dan Brown zuschreibt, kann ihm indes nur Recht sein. Immerhin hat das den ehemaligen Lehrer zum vielfachen Auflagenmillionär gemacht – und nach der Verfilmung werden vermutlich noch einige Millionen hinzukommen.  

 

 

wissen.de Buchtipp

Walter-Jörg Langbein: Das Sakrileg und die heiligen Frauen. Das Geheimnis um die Nachkommen Jesu. Aufbau Taschenbuch Verlag. ISBN 3-7466-8141-3 

von Michael Fischer, wissen.de