21.05.2015
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wissen.de Artikel

Das große Buhlen der ostdeutschen Unis

Studenten aus dem Westen wollen nicht "rübermachen"

Während die Hochschulen im Osten zunehmend verweisen, steigt die Zahl der Studienanfänger im Westen rapide. Einen Ausgleich soll da der Hochschulpakt 2020 schaffen, dessen zweite Phase Bund und Länder Anfang Juni 2009 beschlossen haben. Dabei verpflichten sich die ostdeutschen Länder, ihre frei werdenden Studienplätze zu erhalten, um die Platznot im überfüllten Westen zu lindern. Die Crux: das Imageproblem des Ostens. Auch 20 Jahre nach der Wende will kaum ein Wessi zum Studium "rübermachen". Dabei sind die Studienbedinungen zwischen Ostsee und Zwickau viel besser als im Westen.

Studieren im Urlaubsparadies

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So lässt es sich aushalten...

Wer in Mecklenburg-Vorpommern studiert, wird aussehen, als habe er ausschließlich Semesterferien gehabt. Das jedenfalls verspricht die Landesregierung

Meeresrauschen und Möwenschreie erklingen, klickt man die Seite www.studieren-mit-meerwert.de an, die problemlos aus einem Reiseprospekt stammen könnte. Tatsächlich ist sie Teil einer Imagekampagne des Landes Mecklenburg-Vorpommern, die sich an Studenten - vor allem aus Westdeutschland - richtet. Zehn "gute Gründe" werden geliefert, um sich in Stralsund oder Rostock zu immatrikulieren. Gelockt wird mit Freizeitargumenten wie den "meisten Sonnenstunden Deutschlands", "Robinson-Feeling" beim Inselhopping, Wassersport und "Kult-Partys". Handfestere Standortvorteile seien das "einmalige Studienangebot", ein Drittel niedrigere Lebenshaltungskosten als in den alten Ländern, Praxisnähe und exzellente Forschungsbedingungen an den nordostdeutschen Unis.

Meck-Pom ist längst nicht das einzige neue Bundesland, das die Werbetrommel für seine Unis und FHs rührt. Tatsächlich sind in allen fünf Ländern Imagekampagnen angelaufen, die den Studenten aus dem Westen das Studieren im Osten schmackhaft machen sollen. Gleichzeitig soll der "Nachwende-Knick", also die Abwanderung der eigenen Landeskinder in westdeutsche Unistädte, gestoppt werden.

Der Osten verwaist, der Westen explodiert

Hintergrund dieser Imagekampagnen ist der Hochschulpakt 2020, dessen 2. Phase - die Jahre 2011 bis 2015 betreffend - die Regierungschefs von Bund und Ländern jetzt unterzeichnet haben. Dieser Pakt, zu dem Bund und Länder in der 1. Phase je 565 Mio. Euro beigesteuert haben, soll "die Chancen der jungen Generation zur Aufnahme eines Studiums wahren, den notwendigen wissenschaftlichen Nachwuchs sichern und die Innovationskraft in Deutschland erhöhen". Und zwar vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Studienberechtigten bis 2020 massiv ansteigen wird - dank geburtenstarker Jahrgänge sowie doppelter Abi-Jahrgänge durch das G 8. Der Pakt soll bis 2010 die Aufnahme von über 91.000 zusätzlichen Studienanfängern gegenüber 2005 garantieren. Das scheint auch bitter nötig. Zumal das Zentrum für Hochschulentwicklung für die Jahre 2007 bis 2020 von 715.000 zusätzlichen Studienanfängern gegenüber dem Referenzjahr 2005 ausgeht. Doch aufgepasst: 710.000 davon werden allein im Westen erwartet. Womit klar wäre, wo das Problem liegt: Der Osten verwaist, der Westen explodiert.

Deshalb werden 15 Prozent der Mittel aus dem Hochschulpakt ausschließlich für den Erhalt vorhandener Studienplätze im Osten eingesetzt. Sie sollen eine Ventilfunktion für den unter Druck stehenden Westen sein. Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz werden zwischen 2011 und 2015 ganze 63.000 Studienplätze in den neuen Bundesländern frei werden. 63.000 Studienplätze, die Abiturienten aus München, Hamburg oder Köln also wie ein Geschenk des Himmels erscheinen müssten.

Gute Gründe für ein Studium im Osten

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Vorurteile werden weniger

Zu wenig Auslandsaufenthalte, geringe Chancen, den Studienort zu wechseln. Im Bologna-Prozess läuft nicht alles reibungslos.

"Ich bin dennoch nicht zu 100 Prozent optimistisch, ob wir tatsächlich 63.000 Studenten aus dem Westen für den Osten gewinnen können", sagt Dr. Gerhard Wünscher vom Kultusministerium Sachsen-Anhalt, "die Vorurteile, die 20 Jahre nach der Wende noch immer in westdeutschen Köpfen herumgeistern, sind wirklich enorm."

Vorurteile, die völlig unbegründet seien, findet Simone Hepp vom sächsischen Wissenschaftsministerium: "Nach der Wende ist enorm viel Geld in die Ausstattung unserer Universitäten geflossen. Das sächsische Hochschulsystem bietet beste Studienbedingungen: gut ausgestattete Bibliotheken, moderne Labore, einen hervorragenden Betreuungsschlüssel." Dass es im Osten keine Studiengebühren gebe und ein WG-Zimmer in Leipzig oder Dresden nur halb so viel koste wie in Köln oder Bochum, spreche ebenfalls für eine Immatrikulation an einer ostdeutschen Uni.

Mit der Imagekampagne "Pack dein Studium. Am besten in Sachsen" kämpft das Ministerium gegen hartnäckige Vorurteile dort, wo sie entstehen. "Nachdem wir letztes Jahr in Bayern auf Roadshow gegangen sind, haben wir jetzt im Mai die Schulhöfe in NRW überrollt", sagt Eileen Mögel, Pressesprecherin des sächsischen Wissenschaftsministeriums. So erfahren die Abiturienten im Westen aus erster Hand, weshalb sich ein Studium im Osten lohnen könnte.

Überzeugungsarbeit im Internet

"Willkommen in der Denkfabrik", "Wir stehen früher auf!, "Greif dir die Zukunft" - auch die Titel der übrigen Länderkampagnen propagieren Selbstbewusstsein und Modernität. Mit angestaubtem Plattenbau-Image will man nichts mehr zu tun haben. Die vor acht Wochen gestartete länderübergreifende Imagekampagne "Studieren in Fernost" unter Federführung des Kultusministeriums Sachsen-Anhalt nimmt dagegen die teils dramatischen Wissenslücken der Westdeutschen über den Osten aufs Korn.

"Für viele jungen Leute im Westen sind die neuen Bundesländer furchtbar weit weg", erklärt Gerhard Wünscher. Wie naheliegend ein Studium für Abiturienten aus den alten Bundesländern aber sein könnte, soll ihnen spielerisch klar gemacht werden. Ganz im Trend der Zeit im Social Network Schüler-VZ, das 70 bis 80 Prozent der an einem Studium interessierten Schüler abgreife, so Wünscher. Über einen "Einstellungstest" sollen die VZ-ler prüfen, welche ostdeutsche Uni am besten zu ihnen passen würde. Über Profile in Schüler-VZ stellen sich die einzelnen Unis dann genauer vor. 60.000 Nutzer in acht Wochen, die das Matchmaking-Tool durchgespielt hätten, das sei eine durchaus positive erste Bilanz für die länderübergreifende Marketing-Kampagne im Internet, sagt Wünscher.

von Susanne Dreisbach, wissen.de