21.05.2015
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Der gute Zweck

Ob es der Erlös eines Flohmarkts ist, der den Bau einer Skaterbahn ermöglicht, oder der Erfolg einer groß angelegten Kampagne, der schließlich Barack Obama den Weg ins Weiße Haus finanziert: Fundraising heißt die Wunderwaffe. Fundraising (deutsch: Mittelbeschaffung) ist eine Möglichkeit für gemeinnützige Organisationen, neue Geldquellen zu erschließen. Im öffentlichen Leben spielt auch bei uns das Fundraising eine immer größere Rolle. Denn öffentliche Mittel werden knapper.

Fundraising ist allgegenwärtig

Die Zukunft des Fundraising liegt im Internet.
Die Spendenbüchse beim Bäcker, das Formular im Briefkasten oder ein Aufruf im Fernsehen – die Werbung um Spendenwillige ist überall sichtbar und präsent. Und das erstaunt nicht wirklich, gibt es doch laut Statistischem Bundesamt allein in Deutschland 9 Millionen Spender mit einem Spendenvolumen von vier Milliarden Euro, das jährlich geltend gemacht wird. Und das tatsächliche Spendenaufkommen dürfte deutlich darüber liegen.
Und der Gesetzgeber dankt es ihnen: Der Staat fördert Spenden für mildtätige, religiöse, kirchliche, gemeinnützige, wissenschaftliche und kulturelle Zwecke, indem er sie als abzugsfähig anerkennt. Und steigert so die Attraktivität der freiwilligen Spende.
Die Zukunft dieser Gabe liegt allerdings laut Experten nicht bei Spendenbüchse und Überweisungsformular, sondern eindeutig im Internet: Hier können Organisationen die Vorteile der sozialen Netzwerke nutzen und Spender ihrem Bedürfnis nach mehr Transparenz nachkommen – und per Mausklick spenden.

Kultur des Geben: Beispiele großer Spendenaufrufe

Die großen Spendenaufrufe nach der Elbeflut (2002), für die Überlebenden der Tsunami-Katastrophe in Südostasien (2004) sowie für die Opfer und den Wiederaufbau nach dem Erdbeben in Haiti (2010) zeigen eindrucksvoll das bürgerschaftliche Engagement: Beträge in dreistelliger Millionenhöhe sind hier allein aus Deutschland zusammengekommen.

- Das Jahrhunderthochwasser im August 2002 richtet verheerende Schäden entlang der Elbe und ihrer Nebenflüsse an. In Dresden z. B. wird Katastrophenalarm ausgerufen. Allein für die Sanierung der Semperoper müssen 27 Millionen Euro aufgebracht werden.
- Als am 26. Dezember 2004 ein Seebeben im Indischen Ozean einen Tsunami auslöst, finden rund 230.000 Menschen den Tod. Mit Unterstützung weltweiter Hilfsorganisationen können viele der zerstörten Gebäude und Straßen wieder aufgebaut werden.
- Das Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010 legt die Hauptstadt Port-au-Prince in Trümmer und fordert über 200.000 Menschenleben. Bis heute erschweren ungeklärte Eigentumsfragen bei Grundstücken den Wiederaufbau, so dass Hunderttausende obdachlos bleiben. Hilfsorganisationen sind vor Ort.

Fundraising in den USA und Großbritannien

Im angloamerikanischen Kulturraum ist das Fundraising gesellschaftlich stärker verankert als in Deutschland. Und wer kennt sie nicht zumindest aus Erzählungen, die berühmten "CARE"-Pakete, die die amerikanische Hilfsorganisation CARE unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf das ausgeblutete Deutschland herabregnen ließ?
Zwei Beispiele erfolgreicher Fundraising-Kampagnen aus der jüngeren Zeit: Barack Obamas gigantischer Wahlkampf hat rund 730 Millionen US-Dollar verschlungen. Insgesamt 750 Millionen Dollar hat er über eine perfekt organisierte Fundraising-Kampagne eingenommen. Mal kleinere, mal größere Summen, mal einmalige, mal mehrfache Zahlungen. Das Internet spielte dabei eine entscheidende Rolle: Über die Möglichkeiten, die das Web 2.0 bietet – nämlich Twitter, Facebook und Co. – hat Obama eine riesengroße Online-Fan-Gemeinde an sich gebunden. Der Präsidentschaftskandidat hatte sich gegen eine öffentliche Finanzierung seines Wahlkampfs entschieden und damit auch gegen die Grenzen, die ein aus Steuermitteln finanzierter Wahlkampf mit sich bringt.

Nach dem Verschwinden der vierjährigen Madeleine McCann aus ihrem Urlaubsdomizil in Portugal am 3. Mai 2007 endeten die Ermittlungen der portugiesischen Behörden schnell in einer Sackgasse. Die verzweifelten Eltern des Mädchens gründeten daraufhin das Non-Profit-Unternehmen "Leaving No Stone Unturned". Mit den darüber gewonnenen Mitteln versuchen die Eltern, weiter Licht in das Dunkel um das plötzliche Verschwinden ihrer Tochter zu bringen und weiteren Spuren nachzugehen. Wer die Eltern dabei unterstützen möchte, findet auf der Webseite Angaben zum Spendenkonto.

Der dritte Sektor

Fundraising umfasst alle Mittel – also Geld-, Sach- und Zeitspenden – für am Gemeinwohl orientierte Zwecke. Organisationen, die sich und ihre Arbeit mit Fundraising finanzieren, verfolgen dabei nicht das Ziel, ihren Gewinn zu maximieren. Ihre erwirtschafteten Gewinne werden in die Organisationen reinvestiert.
Gemeinnützige oder Non-Profit-Organisationen sind Akteure im so genannten "Dritten Sektor". In modernen Industriegesellschaften gehören dazu Verbände, Vereine und Gewerkschaften, aber auch Umweltinitiativen oder Selbsthilfegruppen. In Deutschland wird dieser Sektor von folgenden staatsnahen Organisationen dominiert: der Arbeiterwohlfahrt, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Deutschen Caritasverband, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem Diakonischen Werk. Diese Organisationen finanzieren sich wie auch die mehreren 100.000 registrierten Non-Profit-Organisationen in Deutschland bisher noch zu einem Großteil aus Mitteln der öffentlichen Hand – und darüber hinaus aus Spenden.

Die Macht der Spende

Kinder, Kranke und Tiere sind nach Einschätzung von Experten ein besonders beliebter Förderzweck. Aber auch für Umweltorganisationen und Naturschutzprojekte zücken die Menschen bereitwillig ihre Brieftaschen.
Es gilt: Wer spendet, entscheidet. Und zwar darüber, wer oder was einer Förderung bedarf. Damit nimmt er nicht nur Einfluss auf das Gemeinwohl, sondern auch auf die gesellschaftliche und politische Entwicklung.

von Michaela Wetter, wissen.de