21.05.2015
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Margaret Thatcher: Eiserne Lady und konservative Revolutionärin

Bewundert, geliebt und gehasst

„Eiserne Lady“, Kriegsherrin, Galionsfigur der Wirtschaftsliberalen, Hassfigur der Gewerkschaften: Die Politik von Margaret Thatcher entzweite in den 1980er-Jahren nicht nur in England die Bevölkerung. Die erste Frau als britische Premierministerin polarisiert bis heute. Wer die jüngere britische Geschichte verstehen will, kommt nicht vorbei an der eigenwilligen Politikerin, die das Land grundlegend veränderte und etwas hatte, was man heute so oft vermisst: Haltung.

Thatcher, die später das politische Hohelied auf den Wettbewerb und das freie Spiel der Marktkräfte sang, war auch persönlich von klein auf eine Kämpferin in eigener Sache. Ihre Karriere war Thatcher nicht in die Wiege gelegt. Ganz im Gegenteil: Thatcher war eine soziale Aufsteigerin und anfangs auf Unterstützer und Helfer angewiesen. 1925 im kleinen mittelenglischen Städtchen Grantham als Margaret Roberts zur Welt gekommen, wuchs sie in eher bescheidenen, kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater Alfred Roberts war ein kleiner Kolonialwarenhändler, strenger Methodist und beliebter Lokalpolitiker und wurde für seine Tochter zur prägenden Figur. Er lebte ihr die „viktorianischen Tugenden“ vor, die sie aufsog und später zur weltanschaulichen Grundlage ihres politischen Programms machte. Damals waren die Menschen noch „auf sich selbst angewiesen, von Selbstrespekt erfüllt, stets bereit anderen zu helfen, sich selbst zu verbessern und dafür hart zu arbeiten“, wie sie noch als amtierende Premierministerin immer betonte.

Margaret Thatcher
Margaret Thatcher
Mit aller Macht arbeitete sie sich nach oben; weder in der Schule noch im Studium galt sie als die Klügste, aber als Ehrgeizigste und Fleißigste. Beliebt machen wollte sich die als arrogant verschriene Außenseiterin nie. Mit enormer Selbstdisziplin reüssierte sie in unterschiedlichen akademischen Disziplinen. An der Universität Oxford, wo sie unbedingt hinwollte, absolvierte sie unter schweren finanziellen Opfern der Familie ein Chemiestudium und arbeitete sogar eine Zeit lang als Forscherin in einer Chemiefabrik, wo sie aber keine Zukunft sah.

Die Heirat mit dem wohlhabenden Wirtschaftsunternehmer Denis Thatcher 1951 brachte ihr nicht nur den neuen Nachnamen Thatcher, sondern auch die finanzielle Absicherung für einen Neuanfang: Sie begann ein Jurastudium, das sie 1953 abschloss, kurz nachdem sie Zwillinge zur Welt gebracht hatte. Doch dies reichte der Powerfrau Thatcher noch lange nicht. Es ging erst richtig los. Nebenbei machte Thatcher die ersten Schritte auf der politischen Karriereleiter bei den konservativen Tories, ihrer politischen Heimat seit den Studienzeiten in Oxford, wo sie 1946 bereits erste Präsidentin der konservativen Vereinigung war. Thatcher machte in der Folge Politik zu ihrer Berufung – und zu ihrem Beruf.

 

Politische Lehrjahre

1959 wurde sie für einen Londoner Wahlkreis erstmals als Abgeordnete ins Unterhaus gewählt und stieg dank ihres Redetalents schnell in der Parteihierarchie auf. 1970 ernannte der konservative Premierminister Edward Heath Thatcher zu seiner Erziehungsministerin. Bereits in diesem Amt zeigte sich ihre Entschlossenheit, auch unpopuläre Entscheidungen zu fällen. Als Thatcher die Abschaffung der seit 20 Jahren in England an alle Schulkinder frei verteilten Schulmilch durchsetzte, brach ein mediales Gewitter über sie herein, das sie aber unbeeindruckt ließ – und  sie, quasi als angenehmer Nebeneffekt, schlagartig landesweit bekannt machte.

Aus der Tory- Wahlniederlage 1974 ging Thatcher persönlich als Siegerin hervor. Thatcher wurde ein Jahr später zur Parteivorsitzenden gewählt und als Oppositionsführerin im Parlament zum Aushängeschild der Partei, die allerdings teilweise immer noch so ihre Schwierigkeiten mit Thatcher hatte. Das lag am wenigsten an Thatchers rigidem Antikommunismus, der ein starker Kitt aller konservativen Parteien Europas im Kalten Krieg war.

Den Titel der „Eisernen Lady“ verlieh ihr 1976 die kommunistische Nachrichtenagentur TASS nach einem harschen Kommentar über die vermeintlichen Ambitionen der Sowjetunion zur Weltherrschaft  – was als Beleidigung gedacht war, trug Thatcher fortan mit Stolz; bis zum Ende ihrer politischen Karriere setzte sie das Etikett immer wieder bewusst in ihren Reden ein. Probleme bereitete Teilen des traditionsbewussten Parteiestablishments vielmehr Persönliches: dass Thatcher eine Frau war. Hinter der Hand wurde auch gerne über die „Krämertochter“ gelästert.

Noch umstrittener war allerdings ihr innenpolitisches Programm, das nicht weniger als den politischen Grundkonsens des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg aufkündigte. Die ausgewiesene Finanzexpertin Thatcher kämpfte für eine radikale Umkehr in der Wirtschaftspolitik: weg von der staatlichen, schuldenfinanzierten Interventionspolitik nach den Lehren Keynes hin zu einer Politik des freien Wettbewerbs im Sinne des Monetarismus. Der Staat hatte sich weitgehend aus der Wirtschaft herauszuhalten, so Thatchers tiefste Überzeugung.

Ihr Glaube an die Kraft des Einzelnen und ihr Misstrauen gegenüber jedwedem Kollektivismus gipfelte in der provokanten Aussage: „ Es gibt keine Gesellschaft. Es gibt nur Individuen und Familien“.  Das glich einer Revolution – einer Revolution, die vor dem Hintergrund einer schweren Wirtschaftskrise mit hoher Inflation und Arbeitslosigkeit 1979 von den Wählern Großbritanniens bewusst herbeigeführt wurde: Am 3. Mai des Jahres wurde Margaret Thatcher zur ersten Premierministerin Großbritanniens gewählt – ein Amt, das sie mehr als zehn Jahre, bis 1990 innehatte.

 

Innenpolitische Kämpfe

In ihrer Regierungszeit enttäuschte Thatcher weder ihre Freunde noch ihre Feinde. Konsequent folgte Thatcher in ihrer Politik den Grundsätzen ihres „Thatcherismus“, der ökonomischen Liberalismus mit Sinn für politische Autorität verband: Reduzierung des Wohlfahrtsstaates, konsequente Deregulierung von Wirtschaftsstrukturen sowie Privatisierung von Staatsunternehmen wie British Telecom oder British Airways. Dazu wurde die bis dahin sehr starke Machtstellung der Gewerkschaft wesentlich geschwächt, ihre Rechte erheblich eingeschränkt – mit eisernem Willen. Ein ganzes Jahr lang streikten die britischen Bergarbeiter 1984/1985 gegen die Schließung bzw. Privatisierung ihrer Zechen, bis den Gewerkschaften das Geld ausging – und Thatcher siegte.

Die innenpolitische Bilanz fiel zwiespältig aus: Die Politik Thatchers führte einerseits zu einem langjährigen Wirtschaftsaufschwung und einem Boom an den Aktienmärkten. Auch die Inflation ließ nach und die Arbeitslosenzahlen gingen ab 1987 massiv zurück. Doch auch die Schattenseiten der Politik Thatchers waren unübersehbar: Die Zunahme von sozialer Ungleichheit nahm Thatcher in Kauf, ja förderte sie bewusst. Eine neue arme Unterschicht entstand, die kaum mehr Chancen auf Teilhabe am gesellschaftlich-ökonomischen Wohlstand hatte.

Margaret Thatcher wurde in sozial schwachen Schichten zu einer wahren Hassfigur. Der britische Popstar Morrisey fing 1988 eine tatsächlich vorhandene Stimmung im Land provokativ ein, als er im Lied „Margarat on the Guillotine“ fragte: „When will you die“. Nicht wenigen erschien Thatcher als „neoliberale Hexe“ bzw. Politikerin mit „kaltem Herz“.

 

Außenpolitische Herausforderungen

Auch in der Außenpolitik zeigte Thatcher Muskeln, wenn sie sich für eine starke eigene Nuklearstreitmacht einsetzte, um bei aller Bündnistreue auch britische Unabhängigkeit zu demonstrieren. Für den Commonwealth und die verbliebenen kolonialen Besitzungen aus dem untergegangenen Empire hielt sich ihr Interesse allerdings stark in Grenzen. Es entbehrte so nicht einer gewissen Ironie, dass sich Thatcher 1982 zu einem Krieg im Stile vergangen geglaubter Kolonialzeiten gezwungen sah. Im April hatten argentinische Truppen die Falklandinseln, eine kleine Inselgruppe unter britischer Verwaltung vor der Küste Südamerikas, besetzt. Thatcher sah die nationale Integrität verletzt und befahl als oberste Kriegsherrin die militärische Rückeroberung der Inseln. Nach 72 Tagen Krieg und insgesamt fast 1000 Toten auf beiden Seiten waren die Verhältnisse wieder hergestellt. Der britische Löwe hatte seine Zähne gezeigt.

Auch im Nordirland-Konflikt gab sich Thatcher kompromisslos. 1984 entging Thatcher nur knapp einem Bombenattentat der IRA, als sie auf dem Weg zum Parteitag der Tories war. Auch gegenüber den europäischen Einigungsbestrebungen blieb Thatcher britischen Traditionen treu – und zeigte sich skeptisch bzw. offen ablehnend. Mit Händen und Füßen erwehrte sie sich der Vereinnahmung Großbritanniens durch die EU und handelte bei handels- und organisationspolitischen Fragen immer wieder Sonderkonditionen zu Gunsten ihres Landes aus.

Kurz vor ihrem Amtsrücktritt erlebte Thatcher mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums 1989/1990 noch den ideologischen Triumph des Liberalismus, doch blieb sie selbst in der neuen Zeit hinter der Geschichte zurück. Sie kämpfte mehr oder weniger offen gegen die Wiedervereinigung Deutschlands, aus Furcht vor einem „Vierten Reich“ – vergeblich. Die Abneigung zwischen dem deutschen Kanzler Helmut Kohl und Margaret Thatcher war zu dieser Zeit bei Treffen fast körperlich zu spüren.

 

Rückzug

Nach dem Rückzug aus dem Amt blieb Thatcher als politischer Mensch zunächst öffentlich (als Kritiker der europäischen Einigung) präsent. 1992 als „Baronin“ in den nichterblichen Adelsstand gehoben, erhält Thatcher von da an einen ständigen Sitz im Oberhaus. Ende der 1990er-Jahre wurde es zunehmend ruhig um Thatcher, die immer mehr mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. 2008 machte Thatchers Tochter eine langjährige Demenzkrankheit öffentlich – ein Schicksal, das sie mit ihrem politischen Gesinnungsgenossen, dem US-Präsident Ronald Reagan teilt, der 2004 starb.

Über Thatchers politisches Erbe wird schon heute heftig gestritten. Stellen die einen die von ihr eingeleitete Modernisierung der britischen Wirtschaft positiv in Rechnung, sehen andere in Thatchers Politik den Anfang des neoliberalen Irrwegs, der in der Finanzkrise 2008 fast zum Zusammenbruch der gesamten Weltwirtschaft geführt hätte. Eines ist Thatcher bis heute keinem Briten: gleichgültig. Jetzt ist ist die große "Eiserne Lady" der Politik im Alter von 87 Jahren nach langer Krankheit verstorben.

Christoph Marx