21.05.2015
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wissen.de Artikel

Der olympische Gedanke

Olympia und der Sport in Deutschland

Alle vier Jahre treffen sich Menschen aus der ganzen Welt, um gemeinsam die größten aller Spiele zu feiern. Verbunden im Sport sollen sich die Athleten eines jeden Landes über Kriege und Krisen hinweg in ihren Disziplinen messen. Die olympische Bewegung ist eine Bewegung des Friedens, in deren Mittelpunkt der Mensch steht, ganz gleich welcher Nation, und zwar mit seiner körperlichen Stärke, Willenskraft und seinem schöpferischen Geist. Welchen Einfluss hat der olympische Gedanke auf die Sportbewegung in Deutschland? Über soziale Aspekte, Chancen und die Situation hierzulande hat wissen.de mit Andreas Höfer gesprochen, dem Direktor der Deutschen Olympischen Akademie.

 

Herr Dr. Höfer, kurz vorweg, welche Funktion erfüllt die Deutsche Olympische Akademie?

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Dr. Andreas Höfer, Direktor der Deutschen Olympischen Akademie
Wir kümmern uns um Grundsatzfragen des olympischen Sports, organisieren Veranstaltungen, geben Publikationen heraus und engagieren uns für eine Förderung der olympischen Idee. Kurz, es geht uns darum, durch den Sport Werte zu vermitteln, insbesondere an junge Menschen.

 

Womit wir schon beim Thema wären. Was macht diese Werte beziehungsweise den olympischen Gedanken aus?

Konkret geht der Gedanke auf den Begründer der Olympischen Bewegung der Neuzeit zurück, den französischen Baron Pierre de Coubertin. Mit der Organisation eines internationalen Sportfestes verfolgte er vor allem einen pädagogischen Zweck. De Coubertin wollte durch die Kraft des guten Beispiels positiv auf die Jugend der Welt einwirken.

Im Mittelpunkt stand die harmonische Verbindung von Geist und Körper. Indem herausragende Sportler genau das darstellten, sollten sie junge Menschen dazu animieren, das Beste aus sich herauszuholen. Natürlich war auch der Gedanke der Ritterlichkeit von Belang, heute würden wir von Fairplay sprechen. Es galt, Athleten über alle Grenzen hinweg an einen Ort zusammenzuführen „für eine friedlichere und bessere Welt“, wie es in der Olympischen Charta heißt. Das ist und bleibt zwar eine Utopie, dem nachzueifern ist jedoch Anspruch sowie Ziel der olympischen Bewegung. Die fünf ineinandergreifenden Ringe auf der Flagge belegen die anhaltende Kraft für diese Idee der Völkerverständigung.

 

Trägt Sport auch auf nationaler Ebene zu einem besseren Verständnis bei, etwa zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen?

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Pierre de Coubertin
Ich bin überzeugt, dass der Sport in dieser Hinsicht über ein großes Potenzial verfügt. Dies erwächst sowohl aus der allenthalben vorhandenen Faszination für Bewegung und Wettkampf als auch aus dem Bewusstsein, dass Sport gemeinsam mehr Spaß macht als allein.

Ein Faktor sind auch Mannschaftssportarten. Hier ist der Mitspieler ebenso notwendig wie der Gegner, das führt die Menschen zusammen. Wesentlich ist die geteilte Begeisterung sowie der Gedanke, ungeachtet aller Hürden miteinander kooperieren zu können.

Der Sport birgt zwar auch Konfliktpotenzial: Wo es um Leistung geht, gibt es nicht nur ein Miteinander, sondern auch ein Gegeneinander. Aber seine Stärke besteht eben darin zu zeigen, dass Konflikte auf friedliche Weise beigelegt werden können, also im partnerschaftlichen Sinne. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die eigene Integrität, gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme und die Einhaltung von Regeln als verbindendes Element.

 

Nun sind die Spiele zu einer recht kommerziellen Veranstaltung geworden. Geht das nicht zu Lasten des olympischen Gedankens?

Das ist ein Vorwurf, dem man häufig ausgesetzt ist, wenn man sich in der olympischen Sache engagiert. Dahinter steckt ein wenig die Ansicht, dass Geld den Charakter verderbe. Aber das würde ich nicht so ohne Weiteres gelten lassen.

Der Sport ist immer ein Kind seiner Zeit, und wir leben in einer Zeit, die sehr stark – vielleicht hier und dort zu stark – von kommerziellen Interessen geprägt ist. Das mag man beklagen. Aber daran, dass Sportler mit ihrer Leistung Geld verdienen, ist nichts Unmoralisches, das tun Künstler ja auch.

Was das Sponsoring betrifft, so dürfen sportliche Interessen natürlich nicht hinter den kommerziellen stehen. Doch solang ein gegenseitiger Nutzen gewährleistet ist, jenseits von Korruption und übertriebenen Gewinninteressen, ist gegen eine gewisse Kommerzialisierung des Sports nichts einzuwenden.

 

Salopp gesagt, wenn eines Tages die Olympischen Spiele „McDonald’s-Spiele“ heißen, ist der Grat überschritten?

Das ist jetzt sehr überspitzt. Bitte bedenken Sie, dass das Internationale Olympische Komitee Werbung ja schon auf der Kleidung der Athleten oder in den Sportstätten untersagt.

 

Wo wir schon einmal bei den kritischen Punkten sind: Auch Doping ist immer wieder ein Problem. Gefährden Dopingskandale auf olympischer Ebene den hiesigen Sport im Allgemeinen?

Sicher, Doping widerspricht dem Geist des Sports und ist besonders problematisch hinsichtlich dessen pädagogischer Wirkung auf junge Menschen. Die lassen sich schließlich von den Leistungen der Spitzenathleten motivieren und eifern ihnen gegebenenfalls nach. Hier ist die Vorbildfunktion absolut fatal. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass der Sport durch Doping seine Glaubwürdigkeit und Akzeptanz in der Bevölkerung verliert.

 

Wie ist es um die Sportbegeisterung in Deutschland bestellt?

Deutschland ist ein Sportland par Excellence, da müssen wir nicht einmal über Fußball reden, das ist ein Sonderfall. Die Begeisterung lässt sich schon daran messen, dass wir um die 29 Millionen Mitglieder in Sportvereinen haben. Die Einschaltquoten bei Sportübertragungen sprechen auch für sich.

 

Welche Chancen bietet der Sport jungen Menschen mit wenig Perspektive? Wie wirkt er sich sozial aus?

Fälle wie in romantischen Aufsteigergeschichten nach dem Motto „vom Tellerwäscher zum Sportmillionär“ gibt es natürlich. Aber im Blick aufs Ganze sind das eher Ausnahmen, entsprechend transportiert durch die Medien. Dennoch glaube ich, dass der Sport jedem Einzelnen die besondere Chance bietet, sich selbst in einer Gemeinschaft zu entwickeln, seine eigenen Möglichkeiten zu erfahren und seine Stärken herauszubilden, unter anderem durch Rückmeldungen und Erfolgserlebnisse.

Gerade junge Menschen aus einem schwierigen Umfeld können daher im Sport eine sinnvolle Betätigung finden, die ihre Entwicklung positiv beeinflusst. Letztendlich sollten wir trotzdem nicht den Fehler machen, den Sport zu überfrachten und ihn als ein Allerheilmittel für alle gesellschaftlichen Probleme in Anspruch zu nehmen.

 

Herr Dr. Höfer, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte wissen.de-Autor Jens Ossa.