21.05.2015
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wissen.de Artikel

Melancholie – die positive Traurigkeit

I've got the blues ...

Wer kennt solche Tage nicht: Man ist schwermütig, hat nahe am Wasser gebaut. Beinahe ist es, als ob sich ein feiner Schleier über die Seele gelegt hat, der alles in einem traurigen Licht erscheinen lässt. Der alte Mann, der einsam an der Haltestelle sitzt, oder das kleine Kind, das hingefallen ist und – Kleinigkeiten genügen schon, um einem die Kehle zuzuschnüren oder die Tränen fließen zu lassen. Auf Smalltalk mit dem Nachbarn oder einem Plausch mit der Freundin keine Lust. Lieber allein sein, den Gedanken nachhängen, tagträumen. Für diesen Zustand gibt es einen Namen: Melancholie. 20 bis 30 Prozent der Mitteleuropäer bekennen sich zu ihr.

In unserer heutigen Spaßgesellschaft scheint dieser Zustand fast etwas "Uncooles", etwas Anormales, ja Krankhaftes an sich zu haben. Daher kommt auch die weit verbreitete Meinung, dieser Zustand müsse mit allen Mitteln bekämpft werden. Und so hagelt es schnell vermeintlich gute Ratschläge von allen Seiten: Die Mutter meint, ein Abendessen im Familienkreis täte nun besonders gut. Die beste Freundin will Sie mit ins Kino oder in die Disco zerren, getreu dem Motto "Tu Dir was Gutes, dann geht es Dir wieder besser!". Der Partner will Sie vielleicht anders motivieren und versucht, Ihnen die trübselige Stimmung einfach auszureden. Vielleicht sind es aber auch Sie selbst, die sich diese Gedanken machen und alles daran setzen, dieses Gefühl der Melancholie zu bekämpfen.

 

Die andere Seite der Melancholie

Bevor Sie das nächste Patentrezept gegen Ihre Melancholie ausprobieren, lohnt es sich, diese Stimmung einmal von einer anderen Seite zu betrachten, denn in diesen wehmütigen Momenten liegt auch eine ungeahnte Quelle der Kraft! Melancholie ist genauso ein Teil von uns wie Freude, Trauer, Lebensenergie, Langeweile oder Ekstase. Sie ist also eine ganz natürliche Grundstimmung des Menschen - und keineswegs betrifft das nur die Erwachsenen! Bereits Kinder und Babys haben ihre melancholischen Momente - und sogar die lieben Haustiere durchleben solche Phasen.

Es gibt Momente, in denen wir das Gefühl der Trübsinnigkeit und Traurigkeit auch akzeptieren.. Sie kennen die Leere, die sich im Inneren breit macht, nachdem man einen lieben Besuch oder den Partner, der geschäftlich auf eine längere Reise muss, verabschiedet hat. Der Verstand sagt uns zwar, dass wir ihn ja bald schon wiedersehen, und doch legt sich für einen kürzeren oder längeren Moment Wehmut auf die Seele.

Auch Frauen kennen Phasen der Melancholie, denn kaum eine Frau bleibt von den "Tagen vor den Tagen" verschont und erlebt im Rahmen des so genannten prämenstruellen Syndroms (PMS) möglicherweise auch schwermütige Phasen. Ähnlich verhält es sich mit dem berühmten "Baby-Blues" - der auch als "Wochenbettdepression" bezeichneten vorübergehenden Weinerlichkeit von Frauen in den Tagen nach der Entbindung. Aber was ist, wenn es uns eiskalt und ohne Grund erwischt? Muss man dann nicht schleunigst dagegen angehen und sich wieder umpolen?

Nein! Zuallererst sollten Sie beim Auftreten dieser Stimmung in sich hineinhören. Womöglich stellen Sie fest, dass es doch eine Ursache für Ihren Blues gibt. Meistens beschleicht einen dieses Gefühl nämlich, wenn der Körper und die Seele mal wieder etwas mehr Ruhe brauchen. Nutzen Sie die Gelegenheit, um Ihre eigene Mitte wieder zu finden, um zu Ihrer inneren Ausgeglichenheit zurückzufinden.

 

Melancholie oder Depression?

Häufig wird die Melancholie als Depression verkannt und der imgrunde Gelassenheit und Kreativität schaffende Rückzug in sich selbst als krankhaft angesehen. Doch was genau unterscheidet denn die Melancholie von der Depression? Der zeitliche Faktor spielt hier eine bedeutende Rolle: Meist verschwindet die Melancholie genauso leise und spurlos wieder, wie sie aufgetaucht ist. Dies kann innerhalb von Minuten, Stunden oder Tagen sein. Auf keinen Fall hält sie jedoch über einen längeren Zeitraum an. Ein Hinweis, dass die ausgeprägte Melancholie doch eher eine behandlungsbedürftige Depression darstellt, ist die Tiefe der Schwermut. Menschen, die unter ihrer Schwermut leiden, die Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit empfinden, gar an Selbstmord denken, benötigen therapeutische Hilfe.

Melancholie dagegen muss nicht behandelt werden. Sie ist eher ein Heilmittel, da sie neue Kräfte, Ideen und Besinnung ermöglicht.

 

Entdecken Sie das Glück und die wunderbare Leichtigkeit der Traurigkeit!

Lassen Sie Ihre Blues-Stimmungen zu. Sie sind ein Jungbrunnen für die Seele! Der kurzzeitige Rückzug in sich selbst, hilft Ihnen, viele Dinge wieder klarer zu sehen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Er verhilft Ihnen auch, wieder mehr auf Ihre innere Stimme und Intuition zu hören. Erstaunt werden Sie feststellen, dass Ihre Antennen auf einmal viel sensibler sind und Sie die eigenen Empfindungen sowie die anderer Menschen wesentlich bewusster wahrnehmen. Deshalb können nicht nur Sie selbst von Ihrer Melancholie profitieren, sondern auch Ihre Beziehungen zu anderen Menschen oder Ihrem Partner, denn Melancholie schafft Raum für mehr Verständnis für die kleinen und größeren Fehler und Probleme Ihrer Lieben.

Nutzen Sie melancholische Phasen und schalten Sie einen Gang zurück. Legen Sie sich entspannt auf Bett oder Couch und genießen Sie einfach mal eine schöne CD. Oder kuscheln Sie mit dem Partner, ohne dabei viel zu reden. Liegen Sie einfach einmal da und hören Sie in sich hinein, schwelgen Sie in Erinnerungen - werden Sie zum stillen Genießer!

Nutzen Sie Ihre freie Zeit, um mal wieder in Ruhe und ungestört ein Puzzle zu machen. Das tut fast so gut wie Meditieren, weil Sie nur mit sich und Ihren Gedanken allein sind. Probieren Sie etwas Neues aus - oder beleben Sie ein früheres Hobby wie Malen, Zeichnen oder Gedichte schreiben. Das hilft, Ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen und schafft Entspannung und Ausgeglichenheit. Betrachten Sie die Melancholie als eine wunderbare Eigenschaft voller Tiefe, innerer Kreativität, Harmonie, Frieden und Stille.

Wie viele Gedichte und Bücher wären nicht geschrieben worden, wie viele Gemälde nicht gemalt und wie viele wunderschöne sanfte Melodien wären nicht geschrieben worden, hätten die Künstler Ihre Melancholie nicht vollständig zugelassen und in kreative Energie umgewandelt! Tun Sie es Ihnen gleich und lassen Sie Ihren Blues zu - Sie werden sich danach umso wohler fühlen!

 
aus der wissen.de-Redaktion